Homophobie in Berlin
: Lehrer kämpft mit Anfeindungen in Moabiter Schule

Selbst im weltoffenen Berlin sind homosexuelle Lehrer nicht vor Übergriffen und Diskriminierung gefeit. Ein denkwürdiges Beispiel aus einer Grundschule in Moabit.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Inklusionslehrer Oziel Inácio-Stech vor der Grundschule in Berlin-Moabit, an der er seit über acht Jahren arbeitet. Die Probleme fingen erst an, als er sich outete.

Inklusionslehrer Oziel Inácio-Stech vor der Grundschule in Berlin-Moabit, an der er seit über acht Jahren arbeitet. Die Probleme für ihn fingen erst an, als er sich nach vielen Jahren outete.

Maria Neuendorff
  • Inklusionslehrer Oziel Inácio-Stech kämpft in Berliner Schule mit homophoben Anfeindungen.
  • Schüler beleidigen ihn, Schulleitung und Kollegin zeigen teils wenig Unterstützung.
  • Verleumdungen und Ermittlungen belasten ihn stark; Verfahren wird eingestellt.
  • Lehrer fühlt sich gemobbt und erhält keine offizielle Rehabilitation.
  • Überlegt, Schulbetrieb zu verlassen; Unterstützung durch Queere Bildungsverbände.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der erste homophobe Übergriff, an den sich der Inklusionslehrer Oziel Inácio-Stech erinnert, ist in einem Gewaltprotokoll der Carl-Bolle-Grundschule festgehalten. „Y. machte Witze über Homosexuelle und zeigte respektloses und beleidigendes Verhalten Herrn Inacio Stech gegenüber“, notiert eine Deutschlehrerin darin.

„Y. bäumte sich auf, bedrohte Herrn Inacio Stech körperlich und machte vor der gesamten Klasse weiterhin Witze über den Pädagogen“, schreibt die Lehrerin. „Die Klasse war außer Rand und Band.“ Erst eine herbeigerufene Kollegin holt Y. sowie einen weiteren Schüler aus der Klasse und kann die bedrohliche Szene beenden.

„Schwul ist ekelhaft" rufen Schüler

Es ist längst nicht der einzige Vorfall, dem sich der Pädagoge seit rund anderthalb Jahren in Berlin-Moabit ausgesetzt sieht. Mehrfach traten auch Schüler von außen gegen die Tür seines Raumes, in dem er Kleingruppen im Förderunterricht betreut. „Sie rufen dann: „Schwul ist ekelhaft, Herr Inácio-Stech ist ekelhaft“, berichtet der Inklusionslehrer.

Dabei hat er sich lange gar nicht outen wollen. „Ich war den Schülern gegenüber immer sehr achtsam mit dem Thema, aber meine Kollegen rieten mir immer wieder, auch ihnen gegenüber offen zu sein.“

Doch schon kurz nachdem er das erste Mal seinen Ehemann zum Sommerfest mitbringt, kommt es zu verbalen Entgleisungen. „Ich darf kein Essen von dir annehmen, meine Mama hat gesagt, dass Du unrein bist“, sagt eine Drittklässlerin. Inácio-Stech geht nach der Stunde zur Schulleiterin. „Ich wollte direkt darüber sprechen“.

Doch diese geht gar nicht erst auf den Vorfall ein. „Wir haben ein ganz anderes Problem“, sagt die Direktorin. „Jemand hat berichtet, dass Sie den Schülern zu nah gekommen seien.“ „Was heißt das?", fragt Inácio-Stech schockiert. Doch eine konkrete Antwort bekommt er erst Wochen später.

Lehrer fühlt sich gemobbt

Die Situation, um die es geht, beschreibt er so: „Ich habe zwei Schülern ein Video über Stolpergedenksteine gezeigt. Dabei hatten wir zwei Sitzsäcke zusammengeschoben. Ich saß mit dem Handy in der Hand in der Mitte, ein Junge rechts und ein Mädchen links von mir.“

Die Klassenlehrerin meldet die Szene. „Ohne mich direkt anzusprechen, ist sie zur Schulleitung gegangen“, sagt Inácio-Stech. Er fühlt sich von ihr gemobbt, vor allem, da beide schon seit Jahren im Clinch liegen. Die Differenzen mit ihr hätten begonnen, nachdem er mit einer Schülerin im Förderunterricht über das Thema Diskriminierung gesprochen habe. „Sie hatte die Parole ,Der Islam wird siegen, die Christen werden zerstört'" skandiert", erklärt der Pädagoge. „Doch ihre Klassenlehrerin sagte zu mir, meine Aufgabe sei es, mit den Kindern Mathe zu üben und nicht politische Bildung.“

Nachdem der Vorwurf „sexuelle Belästigung“ im Raum stand, hat sich der Lehrer einen Anwalt genommen. Der hat inzwischen sieben Stellungnahmen von Kollegen eingeholt, in denen sich die meisten geschockt zeigen. Herr Inácio-Stech sei nie einem Kind zu nah gekommen, heißt es darin immer wieder. Im Gegenteil hätte der Pädagoge selbst die Unterrichtseinheit „Mein Körper gehört mir“ initiiert, um die Schüler gegen übergriffiges Verhalten zu wappnen.

Mit der Vorladung zum polizeilichen Ermittlungsverfahren bricht für den Lehrer eine Welt zusammen. „Die Ferien begannen gerade. Wir fuhren in die Flitterwochen und ich hatte finstere Gedanken“, sagt er, und seine Stimme wird brüchig.

Verleumdungen gegen Lehrer

Doch der Vorwurf, er sei den Kindern „zu nah“ gekommen, erscheint dann plötzlich gar nicht mehr in dem Ermittlungsverfahren. Nun geht es plötzlich um die „Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht“.

Unter anderem soll er die Kleidung von Schülern kommentiert und sie zum Essen gezwungen haben. Die Kinder hätten Angst, zu ihm in den Unterricht zu kommen. Inácio-Stech erinnert sich daran, wie er ein Mädchen, das an einem kalten Tag bauchfrei in die Schule kam, bat, einen Pullover anzuziehen.

Der Lehrer bekommt das Gefühl, dass ihm plötzlich jedes Wort im Munde umgedreht wird. Dazu tauchen weitere Verleumdungen auf. „Es wurde sogar kolportiert, ich hätte gesagt, ich würde alle Frauen hassen und töten wollen.“

Erst als zwei Schüler direkt vor der Polizei aussagen müssen, wird er von diesen entlastet. Das Verfahren gegen Oziel Inácio-Stech wird von der Staatsanwaltschaft im Herbst 2024 eingestellt. „Trotzdem hat mich die Schule nicht offiziell rehabilitiert“, betont der Lehrer. „Stattdessen soll ich nun von der Schulaufsicht in meiner Tätigkeit beurteilt werden“, sagt er fassungslos.

Die Bildungsverwaltung sowie die Schulleiterin wollen sich zu dem Fall nicht öffentlich äußern. In den vergangenen Monaten ist es zu mehreren Gesprächen gekommen. In einem Protokoll über eine Unterredung zwischen Schulleitung, Inácio-Stech, besagter Klassenlehrerin, sowie dem Personalrat wird unter anderem festgehalten: „Die Schulleiterin versucht ihm zu verdeutlichen, dass er zu seinem Schutz eine gewisse Distanz zu den Schülern wahren müsse, damit keine Gerüchte entstehen können.“

Personalrat rät zur Versetzung

Auch der Personalrat stellt bei einem Gespräch fest, dass die Moabiter Grundschule von „überdurchschnittlich vielen Schülern aus traditionellen Elternhäusern“ besucht werde, was „eventuell die Akzeptanz von Diversität erschweren könnte“. Zudem weist er laut Protokoll auf „gesellschaftliche Unterschiede in der Wahrnehmung von weiblichen und männlichen Lehrkräften“ hin und rät Herrn Inácio-Stech, sein pädagogisches Konzept zu überdenken und einen Versetzungsantrag zu stellen.

Die Kollegen betonen in den Stellungnahmen dagegen allesamt, nie ein Fehlverhalten des Lehrers bemerkt zu haben. Sie beschreiben ihn als guten Pädagogen, der sich mit Herzblut für benachteiligte Kinder einsetzte. Auch dass sich die Schüler in seinem Unterricht unwohl gefühlt hätten, verneinen sie klar. „Nachdem Inácio-Stech noch eine Zusatzausbildung zum Kunsttherapeuten gemacht hat, bot er eine Kunst AG an“, erinnert sich seine Kollegin Mahroukh Shamasaei. „Zuerst sollten nur die Kinder teilnehmen, die den Status Integration hatten. Aber seine AG war so beliebt, dass auch Kinder ohne diesen Status dabei sein wollten.“

Inácio-Stech hat schon in seinem Heimatland Brasilien als verbeamteter Lehrer gearbeitet. Die Liebe zu seinem ersten Mann verschlug ihn 2010 nach Deutschland. Doch sein Geschichts-Studium wurde hier nicht anerkannt. So drückte er selbst wieder die Schulbank, absolvierte mehrere pädagogische Zusatzausbildungen. Obwohl er einen Abschluss der Europaschule hat und dort hätte arbeiten können, entschied er sich vor acht Jahren für die Moabiter Brennpunktschule mit rund 90 Prozent Migrationsanteil. „Er war immer eine Bereicherung, zuverlässig, ein guter Kollege, ein geduldiger, ruhiger Pädagoge und ein Vorbild für die Kinder“, berichtet seine Kollegin Rebekka Mand, die seit 2017 mit ihm zusammenarbeitet.

Inzwischen quält er sich täglich zur Arbeit, musste aufgrund einer Angstattacke auch schon akut im Krankenhaus behandelt werden. „Das Ganze fühlt sich für mich an wie ein Albtraum.“

Schulaufsicht reagiert nicht auf Beschwerde

Auf die Beschwerde, die sein Anwalt am 9. September 2024 nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz an die Schulaufsicht und später an die Schulsenatorin schickt, hat er trotz mehrfacher Nachfragen Monate lang keine Reaktion erhalten. Erst nachdem auch dieses Nachrichtenportal nachfragt hat, bekommt der Anwalt am 20. Januar ein Antwortschreiben aus der Berliner Bildungsverwaltung.

Darin kommt der zuständige Referatsleiter zu dem Schluss, „dass weder eine Benachteiligung wegen des Geschlechts noch aufgrund der sexuellen Identität vorgelegen hat“. Vielmehr sei in rechtmäßiger Weise einem Verdacht nachgegangen worden, der sich glücklicherweise nicht bestätigt habe.

Oziel Inácio-Stech will sich mit dieser Aussage nicht zufriedengeben. „Es betrifft ja nicht nur mich. Es traut sich nur niemand, darüber offen zu reden.“ Das sieht der Bundesverband Queere Bildung ähnlich. „LSBTIAQ*-feindliche Einstellungen und Vorfälle im Kontext Schule stellen leider keine Einzelfälle dar“, bestätigt Rebecca Knecht vom Vorstand. „Es handelt sich im Gegenteil um ein verbreitetes Phänomen.“ Der Verband vermittelt unter anderem Präventionsangebote im Bereich sexueller Vielfalt.

Diese würden häufig von den Schulen angefragt, weil es schon zu Diskriminierungen gekommen sei, berichtet die Soziologin. In der Haltung, die diesen Anfeindungen zugrunde lägen, spielten häufig Rechtspopulismus und Demokratiefeindlichkeit eine Rolle. „Uns wird aber auch immer wieder von fundamentalistisch christlich oder muslimisch motivierter Queerfeindlichkeit berichtet.“

In einem Leitfaden unter dem Titel „Raus aus der Grauzone“ wirbt die bundesweite Lehrergewerkschaft GEW explizit dafür, dass Lesben, Schwule und Trans-Lehrkräfte in der Schule Farbe bekennen. „Dass sexuelle Minderheiten akzeptiert werden“, heißt es darin, „funktioniert auf lange Sicht nur, wenn auch Lehrerinnen und Lehrer, die Minderheiten angehören, sich als solche ohne Angst zu erkennen geben könnten (...)“

Oziel Inácio-Stech überlegt nun, dem Schulbetrieb den Rücken zu kehren. „Ich bin so enttäuscht vom Berliner Bildungswesen, weil ich nirgendwo Unterstützung erhalten habe.“