Immobilien in Berlin
: SEZ als Pferdestall? Überraschende Innenaufnahmen vom DDR-Spaßbad

Neue Fotos bieten sehr widersprüchliche Einblicke zum aktuellen Zustand des ehemaligen DDR-Vorzeigebaus, dem Sport- und Erholungszentrum (SEZ) in Berlin. Ein Fest soll es auch geben.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Schutt liegt neben einem ehemaligen Becken des SEZ in Berlin. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft WBM, die vom Senat das ehemalige DDR-Freizeitbad für den Wohnungsneubau zum 1. Januar 2025 übertragen bekommen hat, hat das Foto bei einer ersten Begehung gemacht.                                                 Foto: Claudius Pflug

Schutt liegt neben einem Becken des SEZ in Berlin. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft WBM hat bei einer ersten Begehung Anfang 2025 Fotos machen lassen.

WBM/Claudius Pflug
  • Die WBM hat das ehemalige DDR-Spaßbad SEZ in Berlin übernommen und erste Fotos zeigen Verwahrlosung.
  • Initiative „SEZ für Alle“ will das Gebäude vor dem Abriss retten und für Gemeinwohl nutzen.
  • WBM plant stattdessen Wohnungen und Gewerbeflächen, Entscheidung fällt 2025.
  • Demo und Runder Tisch am 20. und 22. März 2025 zur Zukunft des SEZ.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Schutt und Müll sammeln sich in den Räumen des ehemaligen Sport- und Erholungszentrums (SEZ) in Berlin-Friedrichshain. Kabel hängen lose von den Wänden und Teile der Deckenverkleidung sind herabgestürzt. Die Fotos, die die neue Eigentümerin, die WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte, in dem ehemaligen DDR-Freizeittempel an der Landsberger Allee hat schießen lassen, zeugen von großer Verwahrlosung.

Die Fotos sollen nun auch als Beweis dafür dienen, dass das ehemalige DDR-Vorzeige-Bad abrissreif ist und selbst die bisherige kleinteilige Zwischennutzung nicht möglich ist. „Es besteht ein enormes Sicherheitsrisiko und überhaupt kein Brandschutzkonzept“, erklärt WBM-Sprecherin Anne Noske. „Es wurden Strom und Wasser abgestellt, und jegliche Nutzung ist untersagt.“

Sport- und Freizeitzentrum Berlin – Pferde im SEZ gehalten

Auch Noske selbst war schon nach der Räumung des Objektes bei einem Rundgang im Inneren dabei. Sie berichtet unter anderem von unangenehmen Gerüchen durch Hinterlassenschaften von Obdachlosen und sogar von Pferdekot und Heuballen, die entdeckt wurden. „Jemand hat einen der Räume zu einem Schuppen umfunktioniert und dort Pferde gehalten.“

Doch wenn es nach der Initiative „SEZ für Alle“ geht, die das Gebäude vor dem Abriss retten und für das Gemeinwohl erhalten will, sind die aktuellen Fotos der städtischen Wohnungsbaugesellschaft nur eine Seite der Medaille. „Die Gebäudeteile, in denen sie gemacht wurden, waren sowieso schon Baustelle“, sagt Carsten Joost, einer der Köpfe der Initiative. In den entsprechenden Trakten habe der Voreigentümer schon mit Vorarbeiten für den Bau einer Sauna-Anlage begonnen. „Der hatte ja schon alles durchgeplant.“

Eigentümer war bis zum Jahr 2023 der Leipziger Immobilien-Entwickler Rainer Löhnitz. Er hatte nach der Wende das SEZ, an das viele Ostberliner und Brandenburger noch besondere Kindheitserinnerungen haben, 2003 von der Stadt Berlin zu einem symbolischen Preis von einem Euro erworben.

Die Auflage war jedoch, den Sport- und Badebetrieb der inzwischen defizitären Freizeitanlage aufrechtzuerhalten. Das tat Löhnitz nicht in gewünschtem Umfang. Eine Zeitlang wurden unter anderem Wellnessangebote nur für Erwachse angeboten und Indoor-Badminton-Plätze vermietet.

2019 gab es noch einen geringfügigen Badebetrieb im SEZ Berlin.

Im Jahr 2019 gab es noch einen geringfügigen Badebetrieb im SEZ Berlin.

Sebastian Golbik

Auch Löhnitz' Plan, Sanierung und Ausbau im Inneren mit den Einnahmen aus einem Wohnmobilstellplatz für Touristen auf dem Außengelände zu finanzieren, stießen bei Bezirk und Senat auf Ablehnung.

Es folgten jahrelange Gerichtsverfahren zwischen Senat und Investor, dann 2023 die Zwangs-Rückübertragung der Immobilie an das Land Berlin und Anfang Oktober 2024 schließlich die Zwangsräumung. Doch auch danach führten noch einige wenige legale Untermieter in dem legendären Gebäude-Labyrinth, das in den 1980er-Jahren neben Schwimmbad auch Eisbahn, Bowlingcenter und Gastronomie bot, bis Dezember 2024 Veranstaltungen durch.

Auf den Bildern der Initiative "SEZ für alle", die 2024 in den Schwimm- und Sportanlagen gemacht wurden, zeigt sich das ehemalige DDR-Freizeitparadies noch ganz gut in Schuss.

Auf den Bildern der Initiative „SEZ für alle", die 2024 in den Schwimm- und Sportanlagen des Gebäudes gemacht wurden, zeigt sich das ehemalige DDR-Freizeitparadies noch ganz gut in Schuss.

Susanne Lorenz

Carten Joost erinnert sich besonders gern an alkoholfreie Ecstatic-Dance-Partys in der Schwimmhalle. Er berichtet von „schönen Momenten“ in einem Haus, das er als „gelebten Traum“ bezeichnet. Der Architekt, der in Frankfurt am Main studiert hat und seit 1997 in Berlin ein eigenes Planungsbüro betreibt, ist ein großer Fan des ehemaligen DDR-Vorzeige-Baus, den er gern auch als Raumschiff bezeichnet.

Das von 1978 bis 1981 erbaute Ensemble mit allein 15.000 Quadratmetern Glasflächen sei schon immer gelungen gewesen, findet der Architekt. Durch Einbauten der Nachwendezeit, wie ein Fitnessstudio, habe die Raumabfolge in ihrer Vielschichtigkeit noch dazugewonnen, schwärmt Joost.

Auf der Website, die er und seine Mitstreiter für den SEZ-Erhalt betreiben, sind Fotos zu sehen, die das gut erhaltene Schwimmbad mit seinen Kaskaden ohne Wasser zeigen. Auch der Garten mit dem Außenbecken sieht einladend aus. Die Sporthallen, in denen vor ein paar Jahren neben Federball auch Tischtennis gespielt wurde, wirken wie gerade erst modernisiert.

Es wäre ein Gebot der Vernunft, das Gebäude wenigstens zwischenzunutzen, sagt Joost. Die temporäre Nutzung von brachliegenden Flächen für Sport und Kultur hätte in Berlin ja auch eine lange Tradition. Der Strom dafür könnte aus einer zweiten Anlage im Keller kommen, in dem immer noch ein Technoklub ansässig sei.

Im SEZ in Berlin-Friedrichshain wurden auch jahrelang Badminton gespielt.

Im SEZ in Berlin-Friedrichshain wurde auch Jahre nach dem Ende der DDR Badminton gespielt.

Susanne Lorenz

Was alles möglich wäre, will die Initiative Gemeingut in BürgerInnenhand an einem Runden Tisch am 20. März 2025 diskutieren. Am 22. März 2025 gibt es eine Demo für den Erhalt des Komplexes. Anlässlich des 44. Geburtstages des SEZ ist am gleichen Tag zudem ein kleines Straßenfest (Siehe Kasten unten!) geplant. Unter anderem wird Sänger Karl-Heinz Wendorff erwartet, der einst im SEZ den DDR-Fernseh-Klassiker „Medizin nach Noten“ moderierte.

Eines der WBM-Fotos zeigt Matratzen, Paletten und Gerümpel in einem Raum des SEZ in Berlin-Friedrichshain.

Eines der WBM-Fotos zeigt Paletten und Gerümpel in einem Raum des SEZ in Berlin-Friedrichshain.

WBM/Claudius Pflug

Die Abriss-Gegner und Zwischen-Nutzungs-Befürworter argumentieren, dass es für das rund 20.000 Quadratmeter große Areal nie einen öffentlichen Wettbewerb, sondern „nur Hinterzimmerplanungen“ gegeben habe, heißt es unter anderem auf der Website der Initiative.

Sie fordern ein fünfjähriges Moratorium und eine Zwischennutzung. „In diesem Zeitraum sollte ein Planungsprozess stattfinden, der einen Wettbewerb zur städtebaulichen Zukunft des SEZ beinhaltet“, erklärt Joost.

Zukunft SEZ in Berlin – Abriss steht für Senat fest

Die WBM, die das SEZ am 1. Januar 2025 von der Stadt Berlin übertragen bekommen hat, wird die Einladung zum Runden Tisch am 20. März 2025 nicht annehmen. „Wir haben alleine den Auftrag, dringend benötigte Wohnungen zu errichten“, erklärt WBM-Sprecherin Anne Noske. Dafür wolle man eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse Ende des Jahres 2025 erwartet würden.

EX-DDR-Spaßbad mit Palmen: Im SEZ Berlin fanden bis Ende 2024 unter anderem  Ecstatic-Dance-Partys und Yoga-Sessions statt.

Ex-DDR-Spaßbad mit Palmen: Im SEZ Berlin fanden bis Ende 2024 unter anderem Ecstatic-Dance-Partys und Yoga-Sessions statt.

Susanne Lorenz

„Darin geht es aber nicht um die Frage: Abriss oder Erhalt, sondern höchsten darum, ob einige Materialien eventuell wiederverwendet werden können, und vor allem darum, wie viele Wohnungen wirklich entstehen können“, betont Noske. Momentan gehe man von 500 bis 600 aus.

50 Prozent der Wohnungen sollen staatlich gefördert werden. Zusätzlich würden Gewerbefläche entstehen, die man für Sportangebote nutzen könne, sagt Joost. „Zwar nicht für ein Schwimmbad, aber ein Fitness- oder Yoga-Studio wären möglich.“

Diskussion und Demo

  • Die Initiative „SEZ für alle“ ruft am 22. März 2025, um 14 Uhr, an der Landsberger Allee/Ecke Danziger Straße in Berlin zu einer Demo auf. Anlässlich des 44. Geburtstages des SEZ ist laut Veranstalter ein Sport-Kultur-Fest mit Musik, Mitmach-Tanzshows, einer Open-Air-Sauna sowie Reden und Interviews geplant.
  • Zudem lädt die Initiative Gemeingut in BürgerInnenhand am Donnerstag (20. März 2025) zu einem Runden Tisch zum SEZ ein. Dieser findet um 17 Uhr im Haus der Demokratie und Menschenrechte in der Greifswalder Straße 4 statt. Dazu wird um Anmeldung unter info@gemeingut.org gebeten. Ein zweiter Runder Tisch ist am 9. April 2025 geplant.