SEZ in Berlin: Zwangsräumung und Abriss – was passiert mit dem DDR-Spaßbad?

Auch am Dienstagnachmittag ist die Polizei weiter im SEZ in Berlin-Friedrichshain mit der Räumung beschäftigt.
Maria Neuendorff- Berlin plant Abriss des SEZ für 500 Wohnungen und eine Schule; Zwangsräumung am 1.10.
- Streit zwischen Ex-Eigentümer Löhnitz und Berlin; Eingänge zeitweise blockiert.
- Initiative "SEZ für alle!" kämpft für Erhalt; Technopartys und Yoga im Gebäude.
- Architekturdiskussion: Sanierung und neue Wohnungen möglich; 200 Demonstranten.
- Vorschläge für temporäre Schulnutzung zur Entlastung des Geländes.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Tage des beliebten, aber äußerlich verwahrlosten früheren Sport- und Erholungszentrums (SEZ) in Berlin-Friedrichshain scheinen endgültig gezählt: Zu der von einem Gericht angeordneten Zwangsräumung erschienen am Dienstagmorgen (1. Oktober) mehrere Gerichtsvollzieher an der Landsberger Allee, rund 60 Polizisten leisteten Amtshilfe.
Insgesamt dauerte Übernahme des SEZ durch die Stadt Berlin bis zum späten Nachmittag, weil das gesamte Gebäude mit zahlreichen Räumen 47.000 Quadratmeter groß sei. Der alte Eigentümer, Rainer Löhnitz, der sich bis zur letzten Instanz gegen die Rückübertragung gewehrt hatte, war nicht persönlich vor Ort, sondern hatte die Eingänge im Vorfeld noch zusätzlich mit Schlössern und Bretterzäunen verbarrikadiert, die teilweise mit Kettensägen entfernt werden mussten.
SEZ in Berlin: Senat will Wohnungen und Schule statt Spaßbad
Das Gebäude sei sehr verwinkelt, sagte ein Polizeisprecher. Im Laufe der Jahre seien durch Umbauten viele neue Räume entstanden, die alle einzeln durch die Gerichtsvollzieher geöffnet und gesichtet werden müssten, um zu klären, wie der Zustand sei und wer der Nutzer.
Der Senat will das ehemalige DDR-Spaßbad an der Landsberger Allee abreißen und auf dem Gelände rund 500 Wohnungen und eine Schule bauen. Doch wie es aussieht, scheint auch mit dem Einsatz der Gerichtsvollzieher immer noch nicht das letzte Wort gesprochen zu sein. „Das SEZ wurde ja nicht gleich komplett leergeräumt. Es ging wohl eher darum, sich erst einmal Zugang zu dem Gebäude zu verschaffen und die Schlösser auszutauschen“, sagt Carsten Joost von der Initiative „SEZ für alle!“, die sich für den Erhalt des 1981 eröffneten multifunktionalen Sport- und Unterhaltungskomplexes einsetzt. Er und einige seiner Mitstreiter hatten sich am Nachmittag vor dem einstigen DDR-Sport- und Vergnügungstempel versammelt.

Das frühere Sport- und Erholungszentrum (SEZ) wurde am Dienstag mithilfe von Gerichtsvollziehern und der Polizei an die Stadt Berlin zurückgegeben.
dpa/Jens KalaeneBausenator Christian Gaebler (SPD) dagegen sieht keine Chance für einen Erhalt des Freizeitbades und will daran festhalten, dort unter anderem Wohnungen zu bauen. Er räumte zwar ein, dass das SEZ zu DDR-Zeiten ein Anziehungspunkt gewesen sei und viele Menschen positive Erinnerungen daran hätten. „Aber es ist in der heutigen Zeit wirtschaftlich nicht mehr als kommunales Bad zu betreiben“, sagte Gaebler nach der Sitzung des Senats. Es sei nicht möglich, mit den defizitären Bäderbetrieben nun ein defizitäres Spaßbad zu betreiben, das noch einmal zig Millionen Euro Investitionen koste.
Das Grundstück in Berlin-Friedrichshain war 2003 vom Land Berlin an den Immobilienentwickler Rainer Löhnitz für einen symbolischen Euro verkauft worden. Der Immobilienentwickler aus Dresden verpflichtete sich damals, bis 2007 wieder einen Badebetrieb im SEZ zu schaffen, was er nicht in dem geforderten Umfang einhielt.
SEZ in Berlin: „Ecstatic Dance“ statt „Medizin nach Noten“
Es gab zwar vereinzelt Sport- und Badeangebote von verschiedenen Untermietern, doch das große Spaß- und Sportbad, das viele im Kiez zurücksehnen, blieb eine Wunschvorstellung. Löhnitz selbst liebäugelte mit einer Teilnutzung von Freizeitangeboten, Hotelbetrieb sowie einem Campingplatz, bekam dafür aber vom Bezirk keine Genehmigung.
So verfiel der einstige DDR-Prestige-Bau zumindest äußerlich zusehends und wurde teilweise zur illegalen Müllkippe. Anfang des Jahres 2024 wurde in letzter gerichtlicher Instanz die Immobilie der Stadt zugesprochen.
Im Inneren gab es aber sporadisch Leben. In der alten Bowlingbahn-Halle fanden ab und zu Technopartys statt. Im ehemaligen Wellenbad hatte sich ein „Green Yoga“-Club eingemietet, der regelmäßig „Ecstatic Dance“-Abende anbietet. Eine Tanzform, bei der sich die Teilnehmer ohne Rauschmittel und mit bestimmten Tanz-Schritten in Ekstase wiegen sollen. Die Tickets zu 20 Euro können online auf einer rein englischsprachigen Webseite gebucht werden.

Schandfleck: Das 2002 geschlossen Sport- und Erholungszentrum (SEZ) an der Landsberger Allee in Berlin ist äußerlich zum Schandfleck geworden.
Jens Kalaene/dpa„Wir wünschen uns, dass der Betrieb im SEZ zumindest als Zwischennutzung fortgesetzt wird“, betont Carsten Joost. Auch er habe schon aus Neugierde und aus Unterstützergründen an Ecstatic-Dance-Abenden teilgenommen. „Die Wellenbadhalle mit ihren besonderen Oberlichtern und auch die Sprudelbecken sind gut erhalten“, berichtet der Friedrichshainer. „Die Sitznischen wurden sehr geschmackvoll eingerichtet. Die Atmosphäre in dem Bau ist super“, schwärmt der Stadtplaner.
SEZ Berlin – „Architektonisches Meisterwerk“
Im Kiez ist er längst nicht der einzige, der sich gegen den Abriss auflehnt. „Das SEZ ist ein architektonisches Meisterwerk. Es würde in jeder anderen Stadt unter Denkmalschutz stehen. Seine solide Bausubstanz ermöglicht eine Sanierung und bietet großes Potenzial für dringend benötigte innerstädtische Sport- und Erholungseinrichtungen“, sagt auch Bettina Wolf, Mitorganisatorin einer Protestaktion, die Anfang September für den Erhalt des SEZ vor Ort stattfand. Bei der Demo mit Menschenkette dabei war auch der ehemalige DDR-Fernsehmann Karl-Heinz Wendorff, der einst im SEZ „Medizin nach Noten“ moderierte.
Erst vor wenigen Tagen fand gemeinsam mit Linken-Politikern eine öffentliche Diskussionsrunde über die Zukunft des SEZ statt. Dabei stellten zwei Architektur-Studenten der Berliner Technischen Universität (TU) ein Modell vor, mit dem man ihrer Meinung nach auf dem Gelände Wohnungen bauen und gleichzeitig das SEZ erhalten könne. Die Studenten hatten den Erhalt des DDR-Spaßbades zum Thema ihrer Masterarbeit gemacht. In ihrem Vorschlag bleiben die drei großen Gebäude mit Schwimmbad, die Eislauf- und die Sporthalle erhalten, müssten aber saniert und um jeweils drei Etagen aufgestockt werden.

Anfang September demonstrierten rund 200 Leute vor dem SEZ in Berlin-Friedrichshain für dessen Erhalt.
Bettina WolfSo könne auch das Außenbecken bleiben und könnten trotzdem rund 400 Wohnungen entstehen. Ob die alten Hallen allerdings die neuen Wohnungen überhaupt statisch tragen könnten, konnten die TU-Studenten nicht überprüfen.
Die Diskussion zeigt aber generell, dass es Kompromiss-Lösungen geben kann, findet Diplom-Ingenieur Joost, der auf der Webseite seiner Planungsagentur für alternative Stadtentwicklung ebenfalls schon Vorschläge zur Weiternutzung veröffentlicht hat.
Eine Idee wäre beispielsweise, einen temporären Schulbau, der eigentlich als Übergangslösung am SEZ gebaut wurde, nicht wieder abzureißen und damit einen weiteren Schulneubau obsolet zu machen. „Das jetzige Schulgebäude ist gut genug, dass es auch über die geplanten zehn Jahre hinaus genutzt werden kann. Das würde natürlich den Druck auf die Fläche erstmal entspannen“, schlägt der Stadtplaner vor.



