Jobs in Berlin-Köpenick
: Polsterei setzt auf Ausbildung – was ein Polsterer verdienen kann

Die „Express Polsterei“ in Köpenick ist einer der wenigen verbliebenen großen Polstermöbelhersteller in Berlin. Sie bieten auch eine Ausbildung an. Wie sieht die Arbeit als Polsterer aus und wie hoch ist das Gehalt?
Von
Philipp Hartmann
Berlin
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Die Express Polsterei in Berlin bildet seit vielen Jahren aus. Vanessa begann ihre Ausbildung im Frühjahr. Die Erfahrungen ihres Firmenchefs mit jungen Leuten gehen weit auseinander.

Philipp Hartmann

Handwerksbetriebe haben es heutzutage schwer. Hohe Mieten und Fachkräftemangel, dazu immer wieder unzuverlässige Auszubildende machen ihnen unter anderem zu schaffen. Davon weiß auch Andreas Ritter zu berichten. Der Geschäftsführer der „Express Polsterei“, ein Traditionsunternehmen in Köpenick, bildet noch selbst aus und macht dabei zum Teil abenteuerliche Erfahrungen.

Aktuell beschäftigt Andreas Ritter 24 Mitarbeiter, darunter zwei Lehrlinge. Bis heute hat er etwa 20 junge Menschen zum Raumausstatter und Polsterer ausgebildet. Das Unternehmen, das in Köpenick zu finden ist, gibt es seit inzwischen 32 Jahren. Heute gehört die „Express Polsterei“ zu der Minderheit der Handwerksbetriebe in Berlin, die über Eigentum verfügt. Zu den Kunden zählen Firmen, Restaurants, Clubs, Theater, Hotels, Krankenhäuser, Fitnessstudios, Vereine, Botschaften, Kindergärten und Privatpersonen, die sich dort zum Beispiel Stühle und Sofas neu beziehen lassen wollen.

Ausbildung in einer Polsterei in Köpenick: 23-jährige Vanessa lernt gerade

Über Anzeigen in den Medien und Werbung über Social Media versucht Ritter, neue Lehrlinge zu gewinnen. Einmal hat auch die Industrie- und Handwerkskammer einen jungen Mann vermittelt. „In den vergangenen Jahren hatten wir Probleme, Leute zu finden. In diesem Jahr aber hatten wir Glück“, sagt er. Aktuell durchläuft die 23-jährige Vanessa aus Tempelhof-Schöneberg bei ihm die dreijährige Ausbildung. Im April hat sie angefangen, nachdem sie zuvor nach dem Abitur ein Sozialpädagogik-Studium abgebrochen hat. Sie sei künstlerisch und handwerklich schon immer sehr begeistert gewesen, erzählt sie, während sie einen Cocktailsessel mit rotem Stoff bezieht. Sie fühle sich in der Polsterei ganz wohl. Es sei wie in einer Familie. „Ich bin hier das Nesthäkchen, aber das ist ja auch ganz nett.“ Nach Ende ihrer Ausbildung will sie „erstmal ein bisschen Fuß fassen“.

Andreas Ritter lobt seine Auszubildende ausdrücklich. Nur bei der Pünktlichkeit hapere es manchmal, daran werde gemeinsam gearbeitet. Sorgen macht er sich, ob er seine Azubis später langfristig im Unternehmen halten kann. „Wir haben das Problem, dass viele hier ihre Ausbildung machen und dann in ganz andere Berufe gehen.“ Warum sich gerade so viele Azubis später umorientieren, darüber kann der 58-Jährige nur spekulieren. „Meine Vermutung ist: Die wollen sich einfach mal im Handwerk ausprobieren, aber das ist ihnen dann doch zu anstrengend oder gesellschaftlich nicht genug anerkannt.“ Eine Lösung dafür hat er nicht parat. „Man muss die Handwerksberufe besserstellen – wie, weiß ich auch nicht.“

Job Polsterei: Gehalt geht bei 2200 Euro los

Ein richtig guter und schnell arbeitender Handwerker könne auch richtig gut verdienen, betont er. Das anfängliche Monatsgehalt von 2200 Euro brutto steige je nach Qualifikation weiter an. Wer einen Abschluss als Meister habe und einen Betrieb leite, könne auf 3500 oder 3800 Euro brutto kommen.

Kunden verbinden oft Emotionen mit der Polsterware

Das Schöne am Beruf des Polsterers ist für Andreas Ritter, dass dieser unheimlich vielfältig ist und ganz viele Fähigkeiten verlangt, vom einfachen Ersetzen eines Schaumstoffbezugs bis hin zu alten Restaurationstechniken. Jeden Tag könne das Ergebnis der eigenen Arbeit betrachtet werden. „Wir haben viele Privatkunden. Die freuen sich unheimlich, wenn zum Beispiel der alte Sessel ihrer Großmutter wieder schön aussieht mit einem neuen Stoff. Da hängen Emotionen dran, da hören wir immer wieder tolle Geschichten.“ Was der Geschäftsführer und seine Mitarbeiter auch an dem Beruf schätzen: „Du bist immer drinnen, es ist immer warm und trocken und du hast eine geregelte Arbeitszeit. Du hast Freitag um 14 Uhr Feierabend und dann das ganze Wochenende frei.“

Andreas Ritter liebt alte Stoffe und genießt es, alten Möbeln wieder neues Leben einzuhauchen. Mit der Arbeitseinstellung junger Mitarbeiter geht er oft nicht konform.

Philipp Hartmann

Ärger mit unzuverlässigen Azubis in Polsterei

Geeigneten Nachwuchs zu finden, wird für ihn dennoch immer schwieriger. Viele Jugendliche seien planlos bezüglich ihrer Zukunft, brechen ihre Ausbildung wieder ab. Es gebe heute einfach Tausende Möglichkeiten. „Manche sind nicht pünktlich, verschlafen, kommen auch mal gar nicht. Wir müssen sie aber nehmen, denn sonst haben wir niemanden“, berichtet Andreas Ritter. Die gleichen Erfahrungen hätten befreundete Unternehmer gemacht. Manchmal komme es vor, dass Lehrlinge von einem auf den anderen Tag ohne vorherige Anzeichen und ohne Absage einfach nicht mehr zur Arbeit kommen. Auch, dass bereits ein Lehrvertrag unterzeichnet wurde, der Bewerber sich dann aber für einen anderen Betrieb entscheidet, komme vor. Neben guten Erfahrungen mit ausländischen Angestellten – so beschäftigt Ritter beispielsweise einen Iraner und einen Syrer – hat er aber auch hier einige schlechte Erfahrungen gemacht. „Viele wollen uns austricksen. Die brauchen nur den Arbeitsvertrag.“ Das könnte etwas mit der Aufenthaltserlaubnis zu tun haben, glaubt er.

Genervt ist Andreas Ritter noch von etwas anderem. „Was aktuell total in ist, sind Auszeiten nehmen, nur 20 Stunden arbeiten und so weiter. Auch diese ganzen Diskussionen in der Politik über die Vier-Tage-Woche kann ich nicht nachvollziehen.“ Die Bereitschaft, etwas tun zu wollen im Leben, nehme immer weiter ab. „Bestimmte Werte in der Gesellschaft sind einfach nicht mehr vorhanden.“ Er finde heute kaum noch Mitstreiter, denen die Arbeit Spaß mache wie ihm, auch wenn sie manchmal hart sei.

Junge Generation ist fürs Ausprobieren im Handwerk

Der Auszubildenden Vanessa ist dagegen wichtig, dass ihre Generation nicht zu schlecht dargestellt wird. „Ich finde es okay, dass die Leute auch mal gucken, ob eine Ausbildung etwas ist, das ihnen Spaß macht.“ Wenn jemand dann abbreche, sollte das, so sagt sie, nicht so negativ gesehen werden. In diesem Punkt prallen die Ansichten zweier völlig verschiedener Generationen aufeinander.

Praktika sind möglich

Wer seine handwerklichen Fertigkeiten beim Polstern ausprobieren möchte, kann in manchen Betrieben ein Praktikum absolvieren. In der „Express Polsterei“ in Berlin können sich zum Beispiel Schüler, aber auch Jugendliche nach dem Abitur das Praktikum als Möglichkeit zur Berufsorientierung nutzen. Laut Geschäftsführer Andreas Ritter sind Praktika mit einer Laufzeit von zwei, vier oder sechs Wochen flexibel zu vereinbaren.