Kita in Berlin-Spandau
: Erzieher schlagen Alarm – diese Probleme gibt es im Alltag

Auch in Spandau haben Kitas zu wenig Personal. Das hat Folgen. Ein drohender Streik könnte die Situation weiter verschärfen. Eltern, Angestellte und Vertreter der Gewerkschaft berichten.
Von
Pamela Kaethner
Spandau
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GEW und Verdi machen Druck auf den Senat: ARCHIV - 19.09.2024, Berlin: Menschen nehmen an einer Kundgebung der Gewerkschaften GEW und Verdi zu einem Warnstreik in den Kita-Eigenbetrieben des Landes Berlin vor dem Roten Rathaus mit einem Schild mit der Aufschrift „ Bildung statt Aufbewahrung“ teil. (zu dpa: «Noch keine Entscheidung über Kita-Streik») Foto: Fabian Sommer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Kommt der unbefristete Kita-Streik in Berlin? Auch in Spandau sind Eltern und Erzieher weiterhin im Unklaren. GEW und Verdi machen Druck auf den Senat. Kundgebungen gab es in Berlin bereits, so wie hier vor dem Roten Rathaus.

Fabian Sommer/dpa

Erzieherinnen und Erzieher schlagen Alarm, auch Eltern leiden: Der drohende Kita-Streik in Berlin belastet alle Beteiligten. Gewerkschaften hatten Anfang Oktober 2024 einen unbefristeten Streik in den gut 280 kommunalen Berliner Kitas angekündigt. Das Arbeitsgericht schritt ein. Was bleibt, sind die Probleme. Über diese berichten Angestellte und Eltern.

Mit ihren Aussagen untermauern sie die Forderungen der Gewerkschaften nach einem Tarifvertrag oder anderen Vereinbarungen für bessere Arbeitsbedingungen, kleineren Kita-Gruppen und anderen Entlastungen der Beschäftigten.

Kita in Spandau – Probleme einer alleinerziehenden Mutter

Ein Beispiel aus der Kita Münsingerstraße in Spandau: Dort gab es zuletzt Tage, an denen in den hellen Räumen etwa 30 Kinder ab drei Jahren betreut wurden. Ebenso viele Kinder mussten zu Hause bleiben. Grund: krankes Personal.

Die Situation ist in vielen kommunalen Kitas angespannt. Kurzfristige Ausfälle oder unterbrochene Eingewöhnungen gehören in Spandau und ganz Berlin zum Alltag. Ist die Betreuung so noch leistbar und kann sich etwas ändern?

Für Whitney Hudson bleibt es als alleinerziehende Mutter eine Zitterpartie, ob die Eigenbetriebe doch noch streiken dürfen. Ihre Kita in der Münsingerstraße wäre dann ganz geschlossen. Die 31-Jährige arbeitet 40 Stunden in der Woche als Leiterin einer Praxis für Ergotherapie. Ihr Sohn ist vier Jahre alt und meistens sehr glücklich in der Kita – wenn er hingehen darf.

Wegen Personalmangels habe sie ihr Kind in einer Woche im September 2024 nur an zwei Tagen bringen können. „Wenigstens war die Kita nicht ganz geschlossen. Ich plane jetzt von Woche zu Woche." Im Notfall habe sie die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. „Aber der Kleine muss beschäftigt werden, optimales Arbeiten sieht anders aus." Eine Stundenreduzierung könne sie sich nicht leisten und der Chef wolle das auch nicht.

Mann mit Kleinkind im Homeoffice: ILLUSTRATION - «Teamwork» im Homeoffice? Schließt die Kita ungeplant, stehen berufstätige Eltern vor der Frage, wie sie nun die Kinderbetreuung organisieren. (zu dpa: «Kita hat ungeplant zu: Was berufstätige Eltern wissen müssen») Foto: Christin Klose/dpa-mag - Honorarfrei nur für Bezieher des Dienstes dpa-Magazin +++ dpa-Magazin +++

Homeoffice ist selten eine gute Lösung für die Eltern, wenn die Kita ungeplant schließt. Bei wochenlanger Schließung wegen eines Streiks geraten viele berufstätige Eltern in Verzweiflung.

Christin Klose/dpa

„Ich weiß nicht, wo ich meinen Sohn unterbringen soll, wenn die Kita wochenlang geschlossen ist." Hinzu komme, dass die Kita und Freunde eine wichtige Konstante im Alltag des Kindes seien, „denn mit der Trennung vom Papa und zwei Umzügen hat er schon viel mitgemacht".

Wenn es in der Betreuung immer wieder Unterbrechungen gibt, mache das die Situation für ihn nicht einfacher. „Aber ich liebe die Kita. Mein Sohn fühlt sich wohl und das Erzieherteam hat immer ein offenes Ohr, wenn ich mir Sorgen um ihn mache.“

Elternbeirat beschreibt die Stimmung

Das enge Vertrauensverhältnis, das die Eltern zu ihrer Kita haben, ist spürbar – aber auch der Zwiespalt, in dem sie sich befinden. Selbst wenn es den Eltern gelingt, die Betreuungslücke zu schließen, müssen sie mehr oder weniger große Einbußen hinnehmen.

Tim Wagner, Vorsitzender des Elternbeirats der Kitas Nordwest, berichtet von einer erregten Grundstimmung in der Elternschaft und befürchtet einen Vertrauensbruch. „Ich glaube, die ganze Elternschaft hat sich nicht so richtig von Corona erholt." Damals, erinnert der Entwicklungsingenieur und Teamleiter bei Volkswagen, habe es eine sehr eingeschränkte Betreuung nur für Kinder mit Eltern in systemrelevanten Jobs gegeben. „Nun sind wir in einer Phase, wo wir ständig verringerte Öffnungszeiten hatten, weil schon wieder eine Krankheitswelle durch die Kita rollt."

Der 40-Jährige (selbst Vater von zwei Kindern) betont: „Wir erleben regelmäßig Einschränkungen bis hin zu Schließungen der gesamten Krippe oder des Elementarbereichs für die größeren Kinder. Die Belastung ist sehr hoch und ein Streik on top führt zu einer Zerreißprobe für die Beziehung zwischen Eltern und Erzieherinnen."

Alle würden sich einen besseren Betreuungsschlüssel wünschen. „Nur wird ein Streik keine unmittelbare, sondern wenn überhaupt eine perspektivische Besserung bringen. Käme es zum Streik, wünsche ich mir eine Verlässlichkeit der eingeschränkten Betreuung und gute Regeln, wie die Auswahl der Kinder stattfindet." Im Moment werde einfach gelost, wenn die Plätze knapp sind.

Kita in Berlin – das fordert die Gewerkschaft

Ursprünglich hatten die Gewerkschaften Verdi und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) einen Tarifvertrag gefordert, in dem Regelungen zur Gruppengröße und zur Entlastung der Beschäftigten – also freie Tage nach großen Belastungen zusätzlich zum Urlaub – festgeschrieben werden sollten. Inzwischen sehen die Gewerkschafter ihre Ziele erreicht, wenn die Ansprüche nicht in einem Tarifvertrag, sondern in einer rechtsverbindlichen Vereinbarung verankert und damit individuell einklagbar sind.

Proteste vor dem Landtag von Sachsen-Anhalt: 20.09.2024, Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Teilnehmer eines Aktionstages von Kindertagesstätten und Horten halten auf dem Domplatz vor dem Landtag von Sachsen-Anhalt unzählige Schilder in die Höhe auf denen unter anderem "Zufriedene Erzieher ist gleich zufriedene Kinder" und "Wir brauchen mehr Hände wir sind am Ende" zu lesen ist. In der Landtagssitzung wollen die Abgeordneten unter anderem zum Thema "Personalschlüssel in der Kindertagesbetreuung" debattieren. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Hohe Belastung, hohe Krankenstände, zu wenige Fachkräfte. Welchen Ausweg gibt es für Kita-Erzieherinnen und Erzieher aus der Belastungspirale? Die Gewerkschaften Verdi und GEW fordern, dass der Berliner Senat die Realitäten der Kita-Eigenbetriebe anerkennt und mit ihnen nach Lösungen sucht.

Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Gerade die Forderung nach Entlastungstagen bereitet den Eltern Sorgen, da sie befürchten, dass dadurch der bestehende Personalmangel noch verschärft wird. Aus Sicht der Erzieher könnte dies jedoch ein wirksames Mittel sein, um die Arbeitszufriedenheit und -attraktivität zu erhöhen und damit auch Nachwuchs zu gewinnen.

Leiterin einer Kita berichtet aus dem Alltag

Birgit Prenzlow, ist Leiterin der Kita Oranienburger Tor mit knapp 160 Kindern, Erzieherin seit 1990 und Verdi-Mitglied. Die 53-Jährige fordert, dass der Personalschlüssel wichtige Aufgaben wie das Führen von Sprachlerntagebüchern, Entwicklungsgespräche und die Vorbereitung von Lernangeboten, die sogenannte mittelbare pädagogische Arbeit, berücksichtigen muss.

„Die mittelbare pädagogische Arbeit schaffen wir schon jetzt kaum noch, dafür brauchen wir mehr Personal." Außerdem müsse die Kind-Erzieher-Relation verbessert werden, „denn unsere täglichen Anforderungen sind enorm gestiegen". Es würde mehr Familien geben, die kein Deutsch sprechen. „Die Sprachförderung nimmt mehr Raum ein, auch die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder mit Förderstatus ist deutlich höher als früher."

Manche Eltern seien in schwierigen Situationen, „brauchen fast schon Beratung von uns, was sie zu Hause mit den Kindern machen sollen". Die Kollegen seien dauerbelastet, was zu hohen Krankenständen und zur Überlastung anderer Kollegen führt. „Es ist ein Hamsterrad."

Entlastungstage könnten aus Sicht von Birgit Prenzlow helfen, extreme Belastungen zum Teil auszugleichen – „vorerst auch ohne zusätzliches Personal". Die Kollegen hätten dann die Möglichkeit, diese freien Tage in einer weniger stressigen Zeit zu nehmen. Erholte Erzieherinnen könnten wieder mehr Zeit direkt am Kind verbringen.

„Wir wollen vor allem die jungen Kollegen nicht verschrecken. Sie sollen die Tätigkeit, die sie sich ausgesucht haben, auch ausüben können. Endlich die Ausflüge und Lernziele mit den Kindern umsetzen können und nicht alles absagen müssen.“

Erzieherin aus Spandau beklagt Personalprobleme

Anne B., seit 2018 Erzieherin in einer Kita in Spandau mit 150 Kindern und Mitglied der GEW, wünscht sich, dass der Senat die Realitäten vor Ort anerkennt und ernst nimmt und gemeinsam mit den Gewerkschaften Lösungen aushandelt. „Im Moment arbeiten wir mit acht Stellen weniger, wegen Burn-Out, Post-Covid und aus anderen Gründen", beklagt die 41-Jährige. Bei den über Dreijährigen seien fünf Erzieher für 35 Kinder zuständig. „An manchen Tagen sind wir zu dritt. Dann knirscht es, dann müssen Ausflüge ausfallen."

Der Senat müsse endlich begreifen, dass das Personal auf dem Papier nicht das Personal vor Ort ist. „Wir bekommen viele Eingewöhnungen rein, obwohl klar ist, dass wir das gerade nicht gut leisten können." Bei einer Eingewöhnung sei ein Erzieher zwei Wochen raus und kümmere sich intensiv darum, dass ein Kind gut in der Kita ankommt. „Klappt das nicht, hast du hinterher einen Riesenstress."

Kundgebung streikender Kita-Erzieherinnen und Erzieher

Ob es zum unbefristeten Streik der Kita-Eigenbetriebe kommt, ist noch ungewiss. Die Sorge der Eltern, aber auch der Erzieher alle Pläne verschieben zu müssen, steigt.

Britta Pedersen/dpa

Dennoch mache der Beruf auch irre Spaß. „Wir wollen ihn gut machen. Wir erledigen die Schreibarbeit auch außerhalb unserer Arbeitszeit, weil wir es sonst nicht schaffen, es aber so wichtig ist." Die Erzieherin betont: „Wir werden auf die Straße gehen, wenn unsere Arbeitgeber ihrer Fürsorge nicht ausreichend nachkommen.“

Gewerkschaft und Eigenbetriebe scheinen in ihren Positionen festgefahren. Sollte es zu einem Streik kommen, können nach Angaben der Leitung der Kita-Nordwest von den über 2000 Kindern in Spandau 1100 nicht betreut werden. Für die anderen käme es zu eingeschränkten Öffnungszeiten. Die Elternvertreter versuchen zwar, Elterngruppen für eine selbstorganisierte Betreuung zu bilden, aber für viele würde es eine harte Zeit.