DDR-Architektur
: Funkhaus Berlin – diese Ost-Relikte haben überlebt

Alte Mauern, neue Beats: Das ehemalige DDR-Funkhaus Berlin lockt Musiker wie Ausflügler nach Oberschöneweide und hat mit seinen historischen Möglichkeiten für Sound und Effekte auch schon für eine Buch-Idee gesorgt.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Christian Block (Mitte), vom Funkhaus Berlin zeigt einer Journalistin den großen Sendesaal im ehemaligen Sendehaus des DDR Rundfunks. Vor 30 Jahren am 31.12.1991 wurde der ehemalige DDR-Rundfunk in der Nalepastraße aufgelöst. +++ dpa-Bildfunk +++

Blick in den großen Sendesaal im ehemaligen Funkhaus in Berlin-Schöneweide: Zwar wurde der DDR-Rundfunk in der Nalepastraße 1991 aufgelöst. Doch Technik und Ausstattung ziehen bis heute Künstler aus aller Welt an.

Annette Riedl/dpa

Den Turm aus rotbraunen Klinkersteinen des Funkhauses an der Nalepastraße kann man schon von weither sehen. Doch ist es eher der Zufall, der Dirk Engelhardt vor ein paar Jahren während einer Fahrradtour am Ufer der Spree auf dem ehemaligen DDR-Rundfunkgelände stoppen lässt.

Das historische Areal liegt da noch im Dornröschenschlaf. „Es stand zufällig eine Hintertür offen“, erinnert sich der 56-Jährige. Er tritt ein und steht plötzlich in den langen Gängen mit Linoleum. „Ich dachte, ich bin in der DDR. Es roch auch irgendwie so“, sagt der Journalist, der in West-Deutschland geboren ist und schon seit vielen Jahren in Eberswalde lebt.

Marmorstufen und Parkett

Beeindruckt geht Engelhardt durch die verlassenen Räume, läuft über geschwungene Treppen mit Marmorstufen, durch große Hallen mit Parkett und Wandvertäfelungen aus dunklem Holz. Der Mann, der schon Reiseführer über fremde Städte verfasst hat, denkt sich, dass die Perlen eigentlich vor der Haustür liegen. „Durch das Funkhaus kam mir die Idee für mein Buch“, sagt Engelhardt, der 2016 den Band: „Berlin – Wo es die DDR noch gibt“, herausgebracht hat.

Einige andere DDR-Überbleibsel, denen er darin ein Denkmal setzt, sind in den vergangenen Jahren verschwunden. Doch das Funkhaus ist immer noch da und erlebt eine Art Renaissance. An Wochenenden und Feiertagen versammeln sich Hipster und Familien auf den Wiesen rund um die denkmalgeschützten Klinkerbauten. Sie ordern italienische Speisen und Cappuccino in der „Milchbar“. Die ist immer noch im Retro-Schick wie auch die sanierte Funkhaus-Kantine, die bis zu 1000 Menschen fasst und nun wie der Kultursaal sowie die Studios für Veranstaltungen gemietet werden kann.

Beim Rundfunk der Deutschen Demokratischen Republik selbst arbeiteten einst bis zu 5000 Menschen. Bis 1950 sendeten die von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) kontrollierten Medien noch aus dem Haus des Rundfunks in Charlottenburg im britischen Sektor. Doch spätestens nach der Berlin-Blockade brauchte die DDR einen eigenen Standort.

Mit dem Neubau in Berlin-Oberschöneweide in der Nähe des Kraftwerks Klingenberg wurde der Architekt Franz Ehrlich (1907–1984) beauftragt, ein ehemaliger Bauhaus-Schüler, der als Widerstandskämpfer im Konzentrationslager Buchenwald interniert gewesen war.

Mit dem Neubau in Berlin-Oberschöneweide wurde von 1951 bis 1956 der Architekt Franz Ehrlich beauftragt.

Mit dem Neubau in Berlin-Oberschöneweide wurde von 1951 bis 1956 der Architekt Franz Ehrlich beauftragt.

Maria Neuendorff

Ehrlich war kein Freund des Zuckerbäckerstils aus der Stalin-Ära und galt auch eher als Kritiker von Plattenbausiedlungen. Zwischen 1951 und 1956 erschuf der gebürtige Leipziger einen Komplex im Stil der Neuen Sachlichkeit, modern-funktional, der bis heute seinesgleichen sucht. An Geld sollte dabei nicht gespart werden. Es wurden erstklassige Materialien verwendet. Unter anderem bediente man sich an Marmorplatten aus der Reichskanzlei.

Der Stahlskelettbau allerdings stand schon vorher und diente im Zweiten Weltkrieg zum Teil einer Fabrik zur Holzverarbeitung für Munitionskisten. Weil so nur die alte Substanz mit einer neuen Klinkerfassade versehen werden musste, konnte im Funkhaus an der Spree bereits 1952 der volle Sendebetrieb aufgenommen werden.

Schallschutz gegen Flugzeuglärm

Die Räume wurden damals mit modernster Technik versehen. „Glanzstück der Anlage sind die zwei Musik-Aufnahmesäle mit immensen Dimensionen“, schwärmt auch Dirk Engelhardt. „Sie wurden in einer Haus-im-Haus-Konstruktion errichtet, sodass die Wände der Säle nicht mit den tragenden Außenwänden des Hauses in Berührung kommen. Sie sind dermaßen schallisoliert, dass man selbst ein Flugzeug, das direkt über dem Haus fliegt, darin nicht hört.“

Für sein Buch und weitere Artikel hat er das 13 Hektar große Rundfunk-Areal im Süden Berlins nach seiner ersten Stippvisite noch mehrmals offiziell besucht und lernte auch persönlich den Investor kennen, der die Immobilie 2015 erworben hat. „Er ist sehr ambitioniert und entwickelt das denkmalgeschützte Gebäude behutsam, will aber nicht mit seinem Namen in der Öffentlichkeit stehen“, berichtet der Autor.

Die Inneneinrichtung im Funkhaus Berlin ist größtenteils noch aus DDR-Zeiten.

Die Inneneinrichtung im Funkhaus Berlin stammt größtenteils noch aus DDR-Zeiten.

Maria Neuendorff

Vom neuen Besitzer ließ sich Engelhardt auch ins ehemalige Zimmer der Intendanz führen, das nun so eine Art Museum ist und in dem noch ein Farbporträt von Erich Honecker hängt. Daneben ein alter Sendeplan, mit Bleistift geschrieben. „Hinter einer Schranktür verbirgt sich ein Waschbecken, eine andere Schranktür führt zu einer Bar. In den Regalen stehen verstaubte Radioapparate, auch eine komplette Sammlung von Stalin-Büchern wartet auf Leser“, berichtet Engelhardt.

Der große Saal, der bei Musikern aus aller Welt wegen seiner tollen Akustik gefeiert wird, diente Anfang der 1960er-Jahre auch für Betriebs-Weihnachtsfeiern. Die Kinder der Angestellten bekamen die Geschenke, die ihre Eltern vorher zu Hause gepackt hatten, vom damaligen Rundfunk-Sandmann persönlich auf der Bühne überreicht. Gebannt lauschten sie seiner bekannten Stimme, wenn er jeden einzeln auf die Bühne rief. Fernsehen hatte damals die wenigsten Haushalte. Radio hörte dagegen fast jeder.

Stimme der DDR

Aus der Funkstadt an der Spree sendeten die landesweiten Programme DDR 1 und DDR 2, die „Stimme der DDR“ als Propagandasender in Richtung Bundesrepublik, Radio Berlin International für das fremdsprachige Ausland sowie der Berliner Rundfunk für Ost-Berlin. Ab 1964 kam noch DT64 als Jugendradio der DDR dazu, das auch Rock'n'Roll spielte.

Bei der Vielzahl der Programme konnten die Sprecher schon mal durcheinanderkommen, für welchen Sender sie gerade die Nachrichten verkünden. Versprecher sowie technische Pannen wurden flugs in der hausinternen Zeitung „Das Schatzkästchen“ veröffentlicht, die regelmäßig per Schreibmaschinen-Durchschlag zur Erheiterung an die Mitarbeiter weitergereicht wurde. So wurden auch doppeldeutige Sätze des bekannten Sportmoderators Heinz Florian Oertel verewigt, der beispielsweise bei einer Pirouette des DDR-Eiskunstlauf-Stars Gabriele Seyfert kommentierte: „Jetzt dreht sich ihr Röckchen im eigenen Wind.“

Die Funkhaus-"Milchbar" mit ihrer Einrichtung im Retro-Stil ist wieder geöffnet.

Die Funkhaus-„Milchbar" mit ihrer Einrichtung im Retro-Stil ist auch wieder geöffnet.

Maria Neuendorff

Beliebt waren auch die Hörspiele des Kinderferiendienstes. Vom alten Proberaum für die aufwendigen Produktionen im Block B kann noch heute auf die Spree schauen. Doch wer den Hörspielkomplex besuchen will, muss eine Führung buchen. Die Treppe vor dem großen Aufnahmesaal ist mit drei verschiedenen Boden-Belägen ausgestattet, um auf ihr unterschiedliche Lauf-Geräusche für die Hörspiele zu erzeugen. In einem mit Baumwolle gepolsterten Raum befinden sich Böden aus Kies und mit knarrenden Dielen. „In den 50er Jahren gab es für die Hörspielproduktion ja noch keine digital erzeugten Geräusche“, erklärt Engelhardt. Neben einer Metalltreppe hat auch ein Maschendrahtzaun überlebt.

Unter den Wand-Uhren in den Studios und Gängen sieht man dazu noch alte Anzeigen mit jeweils fünf Ziffern. „Jeder Techniker hatte einen eigenen Code. Wenn dieser aufleuchtete, bedeutete das, dass er sich per Haustelefon in der Zentrale melden sollte“, erklärt Engelhardt.

Der Block E aus den 1960er-Jahren mit weiteren Sende- und Produktionsstudios an der Rummelsburger Landstraße, in dem einst Paternoster die Angestellten in die oberen Stockwerke brachten, wirkt heute wie eine Ruine. Die Schrift „Deutscher Demokratischer Rundfunk“ ist längst verschwunden. Der Immobilien-Entwickler Trockland will den Bau trotzdem erhalten und Ateliers und Co-Working-Spaces für Musiker und sonstige Kreative entwickeln.

Das Funkhaus Berlin zieht mit seiner idyllischen Lage an der Spree auch Ausflügler an.

Das Funkhaus Berlin zieht mit seiner idyllischen Lage an der Spree auch Ausflügler an.

Maria Neuendorff

Die haben sich schon in den denkmalgeschützten Klinkerbauten der Blöcke A, B und D angesiedelt. Dort lassen sich unter anderem japanische Musikstudenten in elektronischer Musik ausbilden, Produzenten, Songschreiber und Techno-Party-Veranstalter nutzen die Räume. International bekannte Künstler mieten die einmaligen Tonstudios und Säle für Aufnahmen und Konzerte.

Die ausgezeichnete Tonqualität, die die Räume möglich machen, wird unter Kennern als „Nalepa-Sound“ beschrieben. 2017 gab Depeche Mode im großen Saal ihr Release-Konzert zu ihrem neuen Album „Spirit“. Im Funkhaus spielten unter anderem das Filmorchester Babelsberg, Rammstein oder Paul Kalkbrenner.

Einige Foyers im Funkhaus Berlin stehen generell offen. Wer die historischen Sendsäle und Studios sehen will, sollte eine Führung buchen.

Einige Foyers im Funkhaus Berlin stehen generell offen. Wer die historischen Sendesäle und Studios sehen will, sollte eine Führung buchen.

Maria Neuendorff

Es würde sich sicher noch viel mehr tun, wenn das Gelände besser angebunden wäre. Die Tramlinie 21, die Besucher vom Ostkreuz in sechs Stationen zum Funkhaus bringt, fährt an Wochenenden und Feiertagen nur alle 20 Minuten. Die Anlegestelle der BVG-Fähre F11 ist leider nicht durch einen schönen Uferspaziergang, sondern nur über einen 1,3 Kilometer langen Umweg über die Köpenicker Landstraße zu erreichen.

Der derzeitige Besitzer würde laut Engelhardt künftig die Kreativen und Ausflügler gerne mit einem eigenen Fährbetrieb sowie mit HydroFoils – neuartige elektrische Boote für bis zu 20 Personen – auf das andere Ufer mit seiner schattigen Promenade bringen. Dann wäre auch der Spreepark ganz schnell vom Funkhaus aus zu erreichen.

Buch und Führungen

Das Buch „Berlin – Wo es die DDR noch gibt - Architektur, Design, Alltag“ von Dirk Engelhardt ist im Via Reise Verlag erschienen und kostet 12,95 Euro. Infos unter www.viareise.de

Die Führungen durch den Komplex Funkhaus Nalepastraße kann man unter https://www.funkhaus-berlin.net buchen.

Haben Sie selbst noch besondere persönliche Erinnerungen an einen DDR-Ort in Berlin, der die Zeiten überdauert hat und der bis heute einen Besuch wert ist? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff „Erinnerungen“ an mneuendorff@nbr-info.de