Madonna in Berlin 2023: So war das Konzert in der Mercedes-Benz Arena

Spielt am 28. November 2023 das erste von zwei Konzerten in Berlin: Madonna (hier beim Auftaktkonzert der „The Celebration Tour“ in London)
Kevin Mazur/dpaBob the Draq Queen hat nicht zu viel versprochen: „Das ist nicht nur ein Konzert. Nicht nur eine Party. Das ist eine Celebration!“, rief die im pompösen Barock-Kleid gehüllte Einheizerin den Berliner Madonna-Fans entgegen. Ein Credo, das sich endgültig bewahrheitet, als die Queen of Pop zu „Nothing Really Matters“ die Bühne in der Mercedes-Benz Arena höchst selbst betritt. Was folgt, ist eine Zeitreise durch eine beispiellose Karriere.
„Seid ihr bereit, mich auf einer Reise zu begleiten?“, fragt die 65-Jährige das Berliner Publikum. „Ich erzähle euch die Reise meines Lebens.“ Madonna tut dies in Form einer extravaganten Bühnenshow, die gespickt ist mit Schlüsselmomenten aus 40 Jahren Popgeschichte. Eingeblendete Fotos zeigen sie als „Material Girl“ in den Achtzigern, als Goth-Ikone in der „Ray of Light“-Ära Ende der Neunziger oder als Disco-Cowboy im Musikvideo zu „Music“. Dazwischen alte Filmaufnahmen und Zeitungsartikel. Es ist klar, was die „Celebration“-Tour zelebriert: Madonna selbst.
Auf der „Celebration“ Tour umarmt sich Madonna selbst
Sogar ein zweites Ich hat die Ikone mit auf der Bühne. Eine Tänzerin mit mimikloser Maske dient den Abend über als Madonna-Klon in wechselnden Phasen ihrer Karriere. Dass die echte Madonna ihr Pendant leidenschaftlich umarmt (und später sogar lasziv umschlingt) darf wohl als Symbol von Selbstliebe interpretiert werden. „Sei wie du bist“ ist schließlich die Quintessenz von Madonnas Kunst.
Das gilt nicht zuletzt im Hinblick auf sexuelle Orientierung. Madonnas Konzerte sind seit jeher ein Safe Space für LGBTQIA+-Personen. Das zeigt auch der Blick in die Berliner Fanreihen. Vom Karohemd von der Stange über das Strass besetzte Kleid bis hin zur pinken Federboa ist alles vertreten. Die Kleiderordnung kennt dabei keine Geschlechtergrenzen. Generationen an Fans sind in Friedrichshainer versammelt, um die Popikone zu sehen. Auffällig aber ist die Abwesenheit junger Anhänger. Im Pantheon der Gen Z-Idole scheint die Queen of Pop keinen Platz zwischen Stars wie Billie Eilish oder Taylor Swift gefunden zu haben.
„Blond Ambition Tour“ 1990 war Blaupause für moderne Popkonzerte
Dabei hatte Madonna einst den Weg für eben jene Popstars geebnet und diente auch live als Vorbild. Ihre „Blond Ambition Tour“ Anfang der Neunziger darf getrost als Blaupause für moderne Popkonzerte betrachtet werden. Dass sie noch immer Standards setzt, verdeutlicht Madonna auch in Berlin. Ihr Konzert ist eine effektvolle Tour de Force. Flackernde Laser, Mark erschütternder Bass und der Hauch des Anrüchigen – fast fühlt es sich an wie in einem riesigen Club. Nur eines fehlte: zügellose Feierlaune. Stattdessen wirkt das Publikum distanziert. „Ihr seid schwer zu lesen“, konstatiert Madonna selbst.
An mangelnder Mühe ihrerseits liegt es nicht. Es ist eine atemlose Show, die Madonna präsentiert. Mag sein, dass die Sängerin, die einst als Tänzerin ihre Karriere begann, die choreografische Kärnerarbeit heute anderen überlässt. Ihre Performance ist dennoch nicht weniger als beeindruckend. Das umso mehr, nachdem eine schwere bakterielle Infektion die Popikone gezwungen hatte, den ersten Teil ihrer Tour zu verschieben.
Die Queen of Pop verbeugt sich vor musikalischen Vorbildern
Ihre Setlist in Berlin lässt mit Songs wie „Holiday“, „Vogue“, „Hung Up“ und einer schier schwindelerregenden Anzahl von Kostümwechseln jedenfalls keine Ruhe zu. Dazwischen verneigt sich die Queen of Pop immer wieder vor musikalischen Vorbildern. Oft sind es Schwachstellen der Show. „I Will Survive“ von Gloria Gaynor, singt Madonna etwa zusammen mit dem Publikum. Ihre Akustikgitarre dient allerdings mehr als Requisite.
Auch dass sie ausgerechnet ihren Megahit „Like a Virgin“ für eine Hommage an das männliche Titel-Pendant, den „King of Pop“ Michael Jackson, hergibt und auch noch in ein Mash-Ups mit „Billy Jean“ verwandelt, wirkt etwas befremdlich. Zumal die gesamte Einlage vom Band läuft – ohne Madonna auf der Bühne.
Eine wandelbare Bühne bringt Fans nah an Madonna
Zum längst überholten Begriff der „Diva“ gehörte stets eine gewisse Unnahbarkeit. In Berlin straft Madonna das Klischee auch dank ihrer ausgefeilten Bühne Lügen. Nicht nur verwandelt sich diese binnen Sekunden vom Laufsteg (sprichwörtlich bei „Vogue“) zum Club mit DJ und Türsteher oder zur Galerie extrovertierter Kunstperformances. Lange Stege, die sich über die halbe Länge der Arena ziehen, und ein über die Köpfe schwebender Käfig erlaubte es Fans, unabhängig vom Platz, ihrem Idol außerordentlich nahezukommen.
Was sie sehen, ist eine Künstlerin, die vor allem ihre Rolle als Provokateurin inszeniert. Halbnackte Tänzerinnen und Tänzer und eigene wie fremde Hände im Schritt sind nur ein paar Elemente einer sehr sexualisierten Show. Doch wird Madonna hier gewissermaßen Opfer ihres eigenen Erfolgs. Einst reichte ein Kuss zwischen ihr und Britney Spears, um die westliche Hemisphäre in helle Aufruhr zu versetzten. Auch die prominente Hassliebe der Sängerin zur katholischen Kirche sorgte immer wieder für Empörung. Im Jahr 2023 reibt sich jedoch kaum jemand an einer Choreografie zu „Like a Prayer“ bestehend aus Tänzerinnen in Mönchskutten und Tänzern, die sich mit kaum mehr als Gimp-Masken bekleidet vor Kreuzen räkeln.
Doch auch, wenn sie sich nicht mehr so leicht schocken lassen, begleiten die Fans in Berlin Madonna liebend gern auf ihrer Zeitreise. Und als diese gegen halb 1 endet, ist eines mehr als klar: Die Queen of Pop hat ihrer an Höhepunkten nicht gerade armen Karriere soeben einen weiteren hinzugefügt.
Madonna „The Celebration Tour“ (Termine)
● 29. November 2023: Berlin, Mercedes-Benz Arena
● 1. + 2. Dezember 2023: Amsterdam (NL), Ziggo Dome
● 5. + 6. Dezember 2023: London (GB), O2 Arena
Tickets für die Tour gibt es hier.



