Mord aus Blutrache in Spandau
: Paukenschlag im Prozess – ein Angeklagter gesteht

UPDATE 15.30 Uhr: Zuletzt hatten die Angeklagten zum Vorwurf, Burat Ö. in Spandau heimtückisch ermordet zu haben, geschwiegen. Doch der Prozess am Landgericht Berlin begann mit einer Überraschung.
Von
Roland Becker
Spandau
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Mord aus Blutrache in Spandau 6. Mai 2024 Auftakt zum Prozess gegen Azad D. und Ziya S. Landgericht Berlin Vorsitzender Richter Nikolai Zacharias 8. Strafkammer

Unter dem Vorsitz von Richter Nikolai Zacharias (Mitte vom Richtertisch) hat am Mittwoch (27. November) am Landgericht Berlin der Prozess gegen zwei junge Männer begonnen, denen ein aus Blutrache in Spandau verübter Mord vorgeworfen wird.

Roland Becker
  • Prozess in Berlin-Spandau: Azad D. und Ziya S. wegen Mordes aus Blutrache angeklagt.
  • Tatorte: Burat Ö. wurde am 6. Mai 2024 in Spandau getötet.
  • Azad D. gesteht die Schüsse, Ziya S. schweigt vorerst.
  • Hintergrund: Mord an Burat Ö. als Rache für den Tod von Mustafa T. in der Türkei.
  • Fortsetzung: Prozess wird am 29. November mit Zeugenvernehmungen fortgesetzt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Einen unterschiedlicheren Eindruck können Azad D. und Ziya S. in den ersten Minuten dieses Mordprozesses kaum abgeben. Der 22-jährige Azad D. erscheint in weißem Hemd, mit sorgfältig frisierten Haaren und schaut ernst. Der 18-Jährige betritt den Gerichtssaal in Kapuzenpullover und hat mehrmals ein Lachen im Gesicht, wenn er sich im Saal umschaut.

Will er seine Unsicherheit überspielen oder einfach cool wirken? Beiden wird vorgeworfen, einen Mord aus Blutrache begangen zu haben.

Tatort ist die Ecke Im Spektefeld/Hauskavelweg in Spandau: Schon seit dem Morgen dieses 6. Mai 2024 warteten Azad D. und der damals noch 17-jährige Ziya S. an der Kreuzung, um Burat Ö. abzupassen. Sie mussten sich Stunden gedulden, ehe ihr Opfer gegen 15.20 Uhr arglos an ihnen vorbeiging. Es war der Moment, der das Leben von Burat Ö. grausam beenden sollte.

Tod durch vier Schüsse und mehrere Stiche in Gesicht und Hals

Die Täter hätten, so trägt es Staatsanwalt Meyerhöfer am Mittwoch (27. November) zum Prozessauftakt am Landgericht Berlin vor, genau verabredet, wie ihr Opfer zu Tode kommen soll, wer welchen Tatbeitrag leistet. Azad D. habe das Opfer von hinten zweimal in den Rücken, einmal in die Brust und dann in die Leiste geschossen.

Danach soll Ziya S. mit einem Messer samt 18 Zentimeter langer Klinge mehrfach in Hals, Gesicht und Brust von Burat Ö. gestochen haben. In diesen Sekunden muss das Opfer noch gelebt haben. Der Staatsanwalt erwähnt, dass später am Körper des Toten Verletzungen festgestellt wurden, die aus Abwehrversuchen resultieren.

Beide rannten nach der Tat sofort weg und setzten sich ab. Wie sich später herausstellte, flohen sie in die Schweiz. Allerdings erzielte die Polizei einen schnellen Ermittlungserfolg, bei dem ihr „Kommissar Zufall“ half. Nicht nur das Messer wurde am Tatort gefunden. Einer der Täter hatte dort auch sein Handy verloren.

Die Auswertung des Telefons führte nicht nur zu den Mördern, sondern gilt jetzt auch als wichtigstes Beweisstück. Auf ihm fanden die Ermittler zahlreiche Nachrichten, die in Verbindung mit der Tat stehen. Die beiden jetzt Angeklagten konnten aufgrund eines internationalen Haftbefehls am 28. Mai in der Schweiz festgenommen werden.

Geht es um den Vorwurf des Mordes, schweigen Angeklagte zumeist vor Gericht. So raten es ihnen oftmals ihre Anwälte. Doch dieser Prozess im Hochsicherheitstrakt des Landgerichts Berlin startet überraschend, offensichtlich auch für den Vorsitzenden Richter Nikolai Zacharias.

Einer der Anwälte von Azad D. teilt nach dem Verlesen der Anklage mit, dass dieser sich äußern möchte. Der Verteidiger zieht ein vorbereitetes Schriftstück hervor und zitiert seinen Mandanten.

„Hohes Gericht, ich glaube, Sie können verstehen, dass es mir schwerfällt, mich zu äußern“, heißt es darin. Schon der zweite Satz beinhaltet das Geständnis: „Es ist richtig, dass ich derjenige war, der am 6. Mai 2024 die Schüsse auf Burat Ö. abgegeben hat. Ich habe es getan und will dazu stehen.“ Er bereue seine Tat zutiefst und wolle sich „von ganzem Herzen entschuldigen“. Er kündigt auch an, sich an einem späteren Prozesstag ausführlicher zu den Hintergründen zu äußern.

Mit diesem Geständnis hat offensichtlich die Verteidigung von Ziya S. nicht gerechnet. Die beiden Rechtsanwälte beantragen eine Pause, um sich mit ihrem Mandanten zum weiteren Vorgehen abzustimmen. Doch ein zweites Geständnis folgt an diesem Tag nicht. „Ziya S. wird sich heute nicht äußern“, heißt es. Das allerdings klingt so, als ob auch der 18-Jährige in den nächsten Wochen sein Schweigen brechen könnte.

Wie kommen ein 22-Jähriger und ein zur Tatzeit 17-Jähriger dazu, einen Mordplan zu schmieden, der laut Staatsanwalt die Merkmale der Heimtücke, der Habgier und der niedrigen Beweggründe erfüllt? Die Spuren dazu führen in die Türkei.

Plan zur tödlichen Blutrache im April 2024 gefasst

Dort soll der ältere Bruder des Spandauer Mordopfers am 22. Mai 2023 in Istanbul Mustafa T. getötet haben. Dieser wiederum habe mit dem Onkel von Azad D. in einer noch nicht näher erläuterten Verbindung gestanden haben. Die beiden Angeklagten sollen daraufhin spätestens am 17. April 2024 den Plan gefasst haben, am Tod von Mustafa T. Blutrache zu nehmen. Dafür wählten sie den 18-jährigen, in Berlin-Spandau lebenden Bruder Burak Ö. aus.

Burak Ö. soll aus Angst um Vergeltung 2023 nach Deutschland geflohen sein und hier Asyl beantragt haben. Ein weiterer Bruder habe sich aus demselben Grund nach Griechenland abgesetzt. Bei dem getöteten Mustafa T. soll es sich um den Chef einer in der Türkei aktiven Drogenbande gehandelt haben, der gute Beziehung zu dortigen Regierungsmitgliedern nachgesagt würden.

Zeugen geladen, die Bluttat beobachtet haben

Die Hintergründe des Geschehens in der Türkei werden zum Prozessauftakt noch nicht beleuchtet. Bekannt ist nur, dass die beiden Angeklagten Cousins sein sollen. Gegenüber Zeugen hätten sie davon gesprochen, „kultische Cousins“ zu sein, die sich sehr nahestehen. Was unter diesem Begriff zu verstehen ist, bleibt bislang Spekulation. Die beiden Angeklagten seien im November 2023 nach Deutschland eingereist. Azad D. soll vor der Tat in einer Kleinstadt südlich von Stuttgart gemeldet gewesen sein.

Es ist davon auszugehen, dass im weiteren Prozessverlauf versucht wird zu klären, ob die beiden Angeklagten in der Türkei zu der Tat angestiftet wurden, also im Auftrag handelten. Offensichtlich sollte der Blutrache-Rausch noch weitere Opfer treffen. Dazu raubten sie, wie es ihr vereinbarter Tatplan vorgesehen hatte, das Handy von Burak Ö. Mit den darin enthaltenen Daten sollten weitere Familienmitglieder ausfindig gemacht werden, um sich auch an diesen zu rächen.

Der Prozess wird am Freitag (29. November) fortgesetzt. Dann sollen voraussichtlich sechs Zeugen vernommen werden, die zur Zeit der Tat in der Nähe gewesen sein und Beobachtungen gemacht haben sollen.