Wohl jeder, der im Jahre 2000 in Brandenburg lebte, erinnert sich an die 13 Tage im Herbst, als Frank Schmökel mal wieder auf der Flucht war. Zur Fassungslosigkeit ob dieses neuerlichen Versagens der Behörden kam für viele Menschen eine gewisse Angst, vor die Tür zu gehen. Denn man wusste nicht im Ansatz, wo sich der mehrfach verurteilte Gewalttäter gerade aufhält. Und er hatte auf seiner Flucht in Strausberg einen Mann erschlagen, um an dessen Auto zu kommen.
Die Brandenburger Polizei warnte die Bevölkerung damals mit drastischen Worten. Der Geflüchtete sei „sehr gefährlich, geistesgestört und nicht zurechnungsfähig“, hieß es. Frank Schmökel trete überaus freundlich auf, „in einer schleimigen Art und Weise“, sei aber im gleichen Moment unberechenbar. Mit mehr als 1,90 Metern sei er sehr groß und zudem kräftig, trage Tätowierungen auf Brust und Unterarm. Bei der Flucht war er mit einer braunen Lederjacke, grauen Wollpullover, weißem T-Shirt, hellblauer Jeans und schwarzen Schuhen bekleidet.

Erst fand man das Fluchtauto, drei Tage später dann Schmökel

In ganz Brandenburg hat man ihn damals gesucht, aber auch in Polen und Tschechien. Gefunden wurde er schließlich in Sachsen in der Nähe von Bautzen. Polizeibeamte hatten dort zunächst das unter Laub versteckte Fluchtauto entdeckt.
Und dann dauerte es nochmal drei Tage, bis der damals 38-Jährige nach einem Bürgerhinweis zehn Kilometer entfernt unter einer Brücke kauernd aufgespürt wurde. Weil er bei der Festnahme ein mitgeführtes Messer nicht ablegen wollte, schoss ihm ein Polizist in den Bauch.
Damit war der Spuk vorbei. Aber irgendwie auch nicht. Zum einen brachte der Strafprozess gegen ihn knapp zwei Jahre später einmal mehr erschütternde Details über das Behördenversagen ans Licht. Zum anderen hört man auch danach immer wieder mal von Schmökel. Etwa, wenn er in Magazinen Kontaktanzeigen unter dem Motto „Möchte noch einmal das Wunder der Liebe erleben“ veröffentlicht.

Podcast Akte Brandenburg: der Fall Frank Schmökel

Akte Brandenburg

Mit Akte Brandenburg haben MOZ.de und LR.de einen neuen Podcast gestartet. In dem True-Crime-Format berichtet das Moderationsteam Heike Reiß und Daniel Roßbach monatlich über wahre Kriminalfälle aus Brandenburg. Bis erschienen sind „Die Mafiamorde von Forst“, „Waffen, Drogen und Gangsta-Rap: Der kuriose Fratelli-Fall“ und Mord an Gerda K. in Cottbus.
Im Gespräch mit Lokal- und Polizeireportern, die Fälle seit Jahren begleiten, versucht Akte Brandenburg Licht ins Dunkel zu bringen.
Zu hören gibt es Akte Brandenburg auf MOZ.de, auf LR.de und auch allen gängige Podcast-Plattform. Folge vier ist bereits in Vorbereitung. Sichert Euch also gleich ein Abo des neuen Formats.
Wer mehr Podcasts aus Brandenburg hören möchte, findet dort auch „Wachgehört“ und „Dit ist Brandenburg“.

Er ist jetzt genauso alt wie sein damaliges Opfer in Strausberg

Bis vor fünf Jahren war er im Maßregelvollzug in Brandenburg/Havel untergebracht, seit Ende 2017 sitzt er in der JVA Luckau-Duben seine lebenslange Haftstrafe ab. Danach geht es für den nunmehr offiziell Untherapierbaren in die Sicherungsverwahrung. In der JVA hat er im August dieses Jahres seinen 60. Geburtstag begangen. Er ist jetzt also genauso alt wie Johannes Berger war, als ihn Schmökel 2000 auf seiner Flucht in der Strausberger Gartenanlage mit einem Spaten erschlug.
Über die Trauer, die Wut und die Ohnmacht der Witwe Helga Berger hat die Märkische Oderzeitung seinerzeit intensiv berichtet. Die damals ebenfalls 60-Jährige hatte sich auf einen schönen Lebensabend mit ihrem geliebten Ehemann gefreut. „Dieser Mord hätte verhindert werden können. Dieser Mord hätte verhindert werden müssen“, war bei der Beerdigung von Johannes Berger der Tenor.

Warum konnte er so oft fliehen?

Dass Schmökel so oft fliehen konnte, hatte vor allem zwei Gründe. Heute kaum vorstellbare bauliche und organisatorische Mängel im märkischen Strafvollzug sowie die offensichtliche Selbstüberschätzung von Medizinern, die der Meinung waren, dass ihre Therapie wirkt und Schmökel der Allgemeinheit zugemutet werden kann.
Ausbrüche von Gefängnis- oder Maßregelvollzug-Insassen sorgten in jenen Jahren immer wieder für Schlagzeilen. Schmökel gelang es mehrfach, Gitterstäbe zu zersägen und durch Zellenfenster zu fliehen. Meist entkam er jedoch bei genehmigten Freigängen. 1994 nutzte er eine solche Gelegenheit, um in Mecklenburg-Vorpommern ein Mädchen zu vergewaltigen. Im Jahr darauf wegen mehrerer Delikte zu insgesamt 14 Jahren Haft verurteilt, erhielt er 1996 schon wieder Freigang. Der Polizei ging der Geflüchtete seinerzeit bei einer Verkehrskontrolle unweit des Wohnorts des Mädchens ins Netz.

Frank Schmökel kündigte seine Taten an, aber niemand nahm davon Notiz

All das macht es so unerklärlich, dass er im Oktober 2000 erneut raus durfte. Begleitet nur von zwei Pflegern und einem Sozialarbeiter ging es zu seiner Mutter in Schmökels Geburtsort Strausberg. In deren Küche konnte er sich unbehelligt ein Messer schnappen. Immer wieder stach er auf einen der Pfleger ein, auch seine Mutter wurde verletzt. Und dann flüchtete Frank Schmökel.

Müllrose

Das Urteil des Landgerichts Frankfurt (Oder) zwei Jahre später nannte die Märkische Oderzeitung in ihrem Prozessbericht eine Abrechnung mit Schmökel und den märkischen Behörden. Der Angeklagte sei kein Triebtäter, den es spontan überkomme, sondern ein brutal und planvoll agierender Killer. Einem Mithäftling hatte er nach dem Angriff auf den Pfleger Manfred Schäfer geschrieben: „Ruckzuck, da hatte er das Messer im Gesicht, der Schäfer hat gequietscht wie eine Sau.“ Schmökel ließ außerdem wissen, dass er für ein Fluchtauto töten würde. Was er dann so umsetzte.

Das Gericht forderte eine Reform des Maßregelvollzugs in Brandenburg, die es dann auch gab

Dessen nicht genug: Schmökel hatte sämtliche Taten im Zusammenhang mit dem Besuch bei seiner Mutter vorher angekündigt. „Beim geplanten Hausbesuch werde ich sie nicht nur betäuben, ich werde alle umbringen“, schrieb er. Auch die ungeliebte Mutter „hat ihr Todesurteil besiegelt“. Im Maßregelvollzug fielen die Aussagen niemand auf. Man hat Schmökels Post offenbar nicht gelesen. Die Vorsitzende Richterin tadelte seinerzeit auch ganz grundsätzlich die Zustände im märkischen Maßregelvollzug. Es könne nicht sein, dass dort verurteilte Mörder schon nach einem Jahr Ausgang bekommen, befand Jutta Hecht. Sie mahnte Reformen an, die es dann auch gab.

Stationen einer Verbrecherkarriere

Im Jahre 1988 wurde der Polizistensohn Frank Schmökel aus Strausberg zum ersten Mal zu einer Haftstrafe verurteilt. Für die versuchte Vergewaltigung einer 13-Jährigen erhält er anderthalb Jahre Haft. 1991 und 1992 folgen weitere Taten, etwa die Vergewaltigung einer Achtjährigen. Die Strafe: fünfeinhalb Jahre Haft. Zwei Jahre später vergewaltigt er ein elf Jahre altes Mädchen und würgt es fast zu Tode. Es werden 14 Jahre Haft verhängt. Zwischen 1995 und 1997 gelingt ihm vier Mal die Flucht aus dem Maßregelvollzug. Während eines Ausgangs im Herbst 2000 sticht er einen Pfleger und seine Mutter nieder. Auf der Flucht tötet er in Strausberg einen Mann. 2002 wird Frank Schmökel zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.