Roncalli Weihnachtscircus Berlin
: Gelähmte Artistin kämpft sich zurück in die Manege

Artistin Silke Pan vom Roncalli Weihnachtscircus in Berlin ist seit einem Trainingsunfall querschnittsgelähmt. So hat sie sich zurück ins Leben und in die Manege gekämpft.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Silke Pan tritt 16 Jahre nach ihrem schweren Unfall als Handstand-Akrobatin auf und ist im Roncalli Weihnachtscircus in Berlin zu sehen.

Lenny Alvarez

Der Roncalli Weihnachtscircus bringt jedes Jahr Magie und kleine Wunder in das weiße Zelt am Anhalter Bahnhof in Berlin. Unter den Weltklasse-Artisten ist diesmal eine Frau, die das Publikum vielleicht noch mehr zum Staunen bringt, vor allem, wenn es die Geschichte hinter ihrer Handstand-Performance erfährt.

Silke Pan zog jahrelang gemeinsam mit ihrem Mann Didier Dvorak als erfolgreiches Trapez-Künstler-Duo im Wohnwagen durch die Welt. Bis zum 24. September 2007, jenem Tag, seit dem für sie plötzlich nichts mehr ist, wie es war.

Beim Training ihrer neuen Trapez-Nummer „Jungle Joke“ hängt er im Gorilla-Kostüm nur an einem Bein am Trapez und will, wie so oft, seine Dschungelfrau auffangen. Doch dieses eine Mal verfehlen sich ihre Hände. Silke Pan knallt aus vier Metern Höhe auf den Betonboden.

Plötzlich im eigenen Körper gefangen

Sie erwacht erst nach zwei Wochen aus dem Koma. Sie ist von der Taille abwärts gelähmt. An das Geschehen hat sie durch einen Schädelbruch keine Erinnerung, nur höllische Schmerzen. Die Frau, der Bewegung und Anmut so viel bedeuten, ist plötzlich in ihrem eigenen Körper gefangen.

Wie genau es zum Unfall kam, darüber hat das Paar bis heute nicht wirklich gesprochen. Auch er leidet extreme seelische Schmerzen. „Doch wenn mein Mann zu mir ins Krankenhaus kam, hat er gelächelt und auch Witze gemacht. Erst später habe ich verstanden, wie sehr er sich für mich zusammengerissen hat, um mir wenigstens positive Energie zu geben.“

Die Zirkus-Artisten Silke Pan und Didier Dvorak sind seit über 20 Jahren ein Paar.

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Das Paar, dessen berufliche Laufbahn mit dem Unfall beendet ist, denkt nicht über Schuld und Schicksal nach, sondern versucht gemeinsam nach vorne zu schauen. „Wir hatten alles verloren, außer unsere Liebe“, sagt die 50-jährige Deutsch-Schweizerin heute. „Sie war die innere Kraft, die uns erlaubt hat, weiterzumachen.“

Silke Pan ist nach ihrem Sturz vom Trapez auf den Rollstuhl angewiesen. Nach Erfolgen im Behindertensport startet die Frau mit den muskulösen Armen eine zweite Karriere als Zirkusartistin.

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Mit der Zeit wird sie auch so etwas wie ihr eigener Mental-Trainer. „Ich habe versucht, mir bewusst zu machen, was noch geht, und nicht, was nicht mehr geht“, erzählt Silke Pan. Durch das starke Schädel-Hirn-Trauma hat sie unter anderem auch ihren Geruchssinn verloren, kann so Aromen nicht mehr schmecken. „Ich habe mir dann die Landschaft angeschaut und mir gesagt: Wie schön, dass Du die Farben sehen kannst, wie schön, dass Du gute Musik hören kannst.“

Sport als Therapie

Die Ärzte sagten der Querschnittsgelähmten, dass sie durch den Unfall fast auch noch ihre Sprachfähigkeit verloren hätte. Ich dachte mir: „Du kannst fünf Sprachen sprechen, kannst sehen, kannst hören und du hast zwei starke Arme.“

In der sechseinhalb Monate dauernden Reha kommt sie mit dem Handbike in Kontakt, einem Fahrrad, das mit der Muskelkraft der Arme betrieben wird. Die hübsche Frau, die schon als Kind im Geräteturnen sowie Turm- und Trampolinspringen erfolgreich war, kämpft sich ins Leben zurück, erfindet sich noch einmal neu. „Der Sport hat mir geholfen, Schwermut und Scham zu überwinden“, sagt sie heute.

Von 2012 bis 2021 fährt Silke Pan 132 internationale Rennen, landet 121 Mal auf dem Podest, holt 80 Mal Gold. Beim Marathon in Heidelberg fährt sie Weltbestzeit. Dazu überquert sie 80 Alpenpässe und macht 30 Seeüberquerungen im Para-Triathlon.

Von 2012 bis 2021 fuhr Silke Pan als Handbikerin 132 internationale Rennen, landete 121 Mal auf dem Podest und holte 80 Mal Gold.

Didier Dvorak

Doch dann kommt Corona, und Wettkämpfe werden immer wieder verschoben. Der Trainer rät Silke Pan, die leere Zeit mit neuem Krafttraining zu füllen, bei dem noch einmal ganz andere Muskelpartien im Rücken beansprucht werden. Die Sportlerin versucht sich dafür auf die Hände zu stellen. „Ich bat meinen Mann um Hilfe, doch er konnte mich schwer halten.“ So holt er ihr altes Snowboard hervor. „Ich hatte ihm immer gesagt, er soll es weggeben. Aber er hatte es nicht übers Herz gebracht und es behalten.“

Nun schnallt er es seiner Frau mithilfe von Bändern als Stütze an Beine und Hüfte, stellt sie kopfüber in die Senkrechte. Plötzlich merkt Silke Pan, wie ihre Arme automatisch nach dem Gleichgewicht suchen, ganz so wie früher in der Manege. „Im Geist hatte ich lange mit dem Zirkus abgeschlossen, meine Träume längst begraben. Es war zu schmerzhaft für mich, mir alleine Nummern oder Tänze anzuschauen.“ Doch nun merkte sie: Ihr Gehirn und ihr Oberkörper hatten alles noch gespeichert. Die Flamme der Leidenschaft für den Zirkus hat nie aufgehört, zu brennen.

Eine Minute steht sie ohne fremde Hilfe auf ihren Händen. „Wir haben beide angefangen zu heulen. Denn wir wussten sofort: Das ist eine Tür, die sich hier gerade öffnet.“

Handstand-Akrobatin Silke Pan tritt wieder gemeinsam mit ihrem Mann Didier Dvorak in der Manege auf - ab 21. Januar auch beim Roncalli Weihnachtscircus in Berlin.

Tania Emery

Nachdem sie stolz eine Handstand-Pose auf ihrem Facebook-Profil postet, meldet sich auch prompt ein Schweizer Zirkus-Direktor. „Er wollte, dass ich bei ihm auftrete. Ich dachte: Wenn der an mich glaubt, dann muss ich jetzt auch an mich glauben.“

Doch die ehemalige Trapezkünstlerin und Kontorsionistin hat weder eine einstudierte Nummer noch Equipment. Wie ein erneuter Wink des Schicksals meldet sich auch die Zirkusschule, der sie einst all ihre Requisiten vermacht hat. „Sie wollten mir mein Podest und die Handstandstützen zurückgeben“, erzählt Silke Pan. „Das hätte ich nie verlangt. Doch es hat mich noch weiter motiviert.“

Europameisterin im Handbike

Nur ihr Handbike-Trainer sieht es nicht so gerne, dass sie jetzt zusätzlich so inbrünstig für den Zirkus trainiert. „Ich war ja mitten in der Vorbereitung für die nächsten Wettkämpfe“. Dass sie mit Herz und Seele längst wieder in der Manege ist, tut ihren sportlichen Erfolgen keinen Abbruch. In ihrer letzten Handbiker-Saison 2021 wird die gebürtige Deutsche, die in der französischen Schweiz aufwuchs und inzwischen die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, Europameisterin und holt danach für die Schweiz noch WM-Bronze.

Doch in der Manege kann die Frau, die vom Bauchnabel abwärts nichts mehr spürt, nicht wie andere Artisten mit Schwung arbeiten. Alles muss aus der Kraft ihres muskulösen Oberkörpers kommen. Statt des Snowboards schnallt sie sich nun selbstständig eine Stange an die Beine. In welcher Lage ihr Unterkörper ist, kann sie jedoch beim Handstand weder sehen noch fühlen. „Doch durch die Stange, die auf meinem Nacken aufliegt, kann ich mein Becken korrigieren. Sie ist für mich wie für einen Blinden der weiße Stock.“

Weltweit einzigartige Zirkus-Nummer

Als einzige querschnittsgelähmte Handstand-Artistin kann sie sich auch nichts von anderen abschauen, um daraus ihr eigenes Programm zu entwickeln. „Ich habe keine Vorbilder. Es ist ein stetiges Ausprobieren und Experimentieren.“ Lang überlegt Silke Pan, ob sie mit dem Rollstuhl auf die Bühne fahren oder sich von ihrem Mann in die Manege tragen lassen soll. „Ich wollte auf keinen Fall Mitleid erzeugen und hatte Angst, dass die Leute sagen: Ach ja, für eine Behinderte ist das schon gut. Ich will wie die anderen Artisten zum Team gehören und dem Publikum was Schönes und Leistungsstarkes bieten.“

Letztendlich entschließt sie sich, ihre persönliche Geschichte von Verlust, Mut und Wiedergeburt auch ein Stück weit in ihre Bühne-Performance einfließen zu lassen. Nach den ersten Auftritten im Zirkus Helvetia ist klar, sie hat alles richtig gemacht. Im September 2022 wird Silke Pan zum internationalen Festival Salieri Circus Award nach Italien eingeladen und gleich mit vier Preisen ausgezeichnet. Derzeit haben sie und ihr Mann, der ihr auf der Bühne attestiert, bis Mai 2024 ein Engagement beim Gravity Circus in Italien.

Zurück in Berlin

Dass sie nun zusätzlich für ein mehrwöchiges Engagement beim Roncalli Weihnachtscircus nach Berlin gekommen ist, habe fast etwas Symbolisches, sagt Silke Pan. Denn in Berlin hat sie einst ihre Ausbildung an der Staatlichen Ballett- und Artistikschule absolviert. „Hier hat quasi alles angefangen.“

Und obwohl sie das Körperliche schon immer so liebte und lebte, habe sie erkannt, dass es vor allem der Geist sei, der einen Menschen ausmache. „Es ist vor allem die mentale Stärke, die uns am Leben erhält. Und auch, wenn das manchmal so furchtbar hart ist, so bietet es doch jeden Tag auch etwas Schönes. Man muss es nur sehen“, sagt Silke Pan.

Für die Zuschauer im Roncalli Weihnachtscircus will sie das Schöne sein. Ihre Bewegungen sind kraftvoll und anmutig zugleich, ihr Lächeln selbst nach größter Anstrengung bezaubernd. Und wenn die Ausnahme-Artistin dann teilweise nur noch auf einer Hand auf kleinen wackligen Klötzen thront und der Applaus aufbrandet, steht für einen Moment nicht nur für die Zuschauer die Zeit still: „Dann fühlt es sich so an, als hätte mir das Leben meinen Körper zurückgegeben.“

Roncalli Weihnachtscirkus

Der Roncalli Weihnachtscirkus gastiert vom 21. Dezember (Premiere am 22. Dezember) bis 4. Januar im Tempodrom am Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg. Karten ab 32,40 Euro gibt es unter www.tempodrom.de.