S-Bahn in Spandau
: Darum protestieren Anwohner gegen die Reaktivierung der Siemensbahn

Die Siemensbahn sorgt für Ärger, noch ehe sie überhaupt fährt. Vor der Reaktivierung der S-Bahn-Linie in Spandau will eine Bürgerinitiative, dass ihre Sorgen wahrgenommen werden.
Von
Jessica Neumayer
Spandau
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Siemensbahn Brücke

S-Bahn in Spandau: Die Siemensbahn inklusive Brücken ist derzeit noch in einem baufälligen Zustand, doch die historische Bahn soll ab 2029 wieder verkehren. Eine Bürgerinitiative will gegen die Reaktivierung vorgehen.

Jessica Neumayer

Die ersten Bauarbeiten am Siemensstadt Square stehen kurz bevor. Auf dem ehemaligen Industriegelände soll ein eigenes Stadtviertel mit 2750 Wohnungen, Geschäften, Cafés, einer Schule und Kitas entstehen. Auch eine neue Anbindung mit der S-Bahn ist für das Quartier geplant. Dafür soll die ehemalige Siemensbahn reaktiviert werden. Doch dagegen will eine Bürgerinitiative vorgehen.

„Planungswerkstatt neue Siemensstadt“ heißt die Initiative aus Anwohnerinnen und Anwohnern, aber auch Mitarbeitenden von Firmen und Institutionen aus dem Stadtteil Siemensstadt. Sie will dafür sorgen, dass Anwohnende zukünftig nicht unter dem Lärm der S-Bahn leiden und die Lebensqualität im Stadtteil erhalten bleibt.

Lärmschutzprobleme bei der Siemensbahn-Reaktivierung in Spandau

„Mein Wohn- und Schlafzimmer liegen fünf Meter von den Gleisen entfernt“, erzählte ein Anwohner auf einer Versammlung am 8. Mai. Er weiß nicht, was mit seiner Wohnung passiert. Das Haus wurde 1985 erbaut. Da war die S-Bahn auf der Strecke bereits seit fünf Jahren Vergangenheit. „Heute würde es heißen, dass so nah an Gleisen nicht gebaut werden darf“, erläutert Hans-Ulrich Riedel, Mitglied der Planungswerkstatt. Eine Baugenehmigung hätte also nie ausgestellt werden dürfen.

Auch andere Mieterinnen, die 15 oder 50 Meter von den Gleisen entfernt wohnen, äußern bei der Versammlung ihrer Bedenken. „Ich kann aus meinem Fenster direkt auf das Ende des Bahnhofs schauen“, erzählt eine Anwohnerin. Ihr graut es vor allem vor den ständigen Ansagen, die in ihrer Wohnung gut hörbar sein werden.

Schule an der Jungfernheide, Siemensbahn

Die reaktivierte Siemensbahn würde an manchen Stellen in Spandau sehr nahe an Gebäuden vorbeifahren. Das betrifft auch die Schule an der Jungfernheide. Ohne Schallschutzwände würden Schülerinnen und Schüler täglich 96 Mal je Richtung von Zügen abgelenkt werden.

Jessica Neumayer

Lärmschutzwände soll es entlang der alten Gleisstrecke nicht geben. „Da es eine Wiederinbetriebnahme ist, braucht hier kein Schallschutz um die Gleise gebaut werden“, sagt Riedel und weist auf den Gegensatz zu den neu gebauten Gleisen am Bahnhof Jungfernheide hin. „Bei Neubauvorhaben gibt es andere Vorgaben. Daher muss dort mit Schallschutz gebaut werden.“

Siemensbahn liegt nicht in der Verantwortung des Bezirks Spandau

Bis 2026 habe die Initiative noch die Möglichkeit, Einwände bei Planfeststellungsverfahren vorzubringen. Doch wie zielführend dies ist, kann Riedel nicht sagen. Im Februar 2024 hat die Planungswerkstatt ihr Fragen und Bedenken bezüglich der Lärmbelästigung an die Senatsverwaltung für Verkehr geschickt. „Bedauerlicherweise geht keine der Antworten auf die Situation der Anwohner ein“, heißt es dazu auf der Webseite der Bürgerinitiative. Eine Rückmeldung der Senatsverwaltung besage bloß, dass rechtlich keine Lärmschutzmaßnahmen vorzusehen sind.

Auch in den Bezirksverordnetenversammlungen ist der Lärmschutz zur Siemensbahn schon Thema gewesen. Bezirksstadtrat Thorsten Schatz (CDU) beantwortet die Anfragen der Partei Die Linke, ob seitens des Bezirks die Sorgen der Anwohnerinnen und Anwohner wahrgenommen werden, lediglich damit, dass die Verantwortung für den Bau der Bahn bei der Senatsverwaltung für Verkehr liegt.

Alternativer Lärmschutz anstatt Schallschutzwand in Spandau

Beim geplanten Lärmschutz für bestehenden Gleise handele es sich bisher um „Schienenschmieranlagen, Unterschottermatten und/oder besohlte Schwellen“. Das geht aus einer Infoveranstaltung im Herbst 2023 hervor. Zudem soll die S-Bahn mit einer Maximalgeschwindigkeit von 60 Kilometer pro Stunde fahren, um den Lärmpegel gering zu halten.

Dabei gäbe es eine Alternative. Aktuell prüfen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) eine Tramlinie vom U-Bahnhof Paulsternstraße bis zum Rathaus Spandau, die über den Ortsteil Gartenfeld laufen soll und auch Siemensstadt anbinden würde. Eine S-Bahn sei für Siemensstadt nicht notwendig, argumentiert Riedel.

Die Siemensbahn soll jedoch auch eine direkte Verbindung des Siemensstadt Squares zur Ringbahn und zum Hauptbahnhof schaffen sowie eine Expressverbindung zum BER-Flughafen. Laut Helmut Kleebank (SPD), Mitglied des Bundestags und ehemaliger Bezirksbürgermeister, war die Wiederinbetriebnahme zudem eine Voraussetzung von Siemens für Investitionen in Spandau, ohne die die Mittel ins Ausland gegangen wären.

2029 soll also Stand jetzt auf den Gleisen der historischen Siemensbahn die Züge wieder rollen - 124 Mal am Tag, in beide Richtungen. Geplant ist laut i2030 eine 10-Minuten Taktung. Von den Geräuschen der 192 Fahrten tagsüber, zwischen 6 und 22 Uhr, wären dann auch Bildungseinrichtungen wie beispielsweise die Schule an der Jungfernheide und Kindertagesstätten Johanna von Siemens betroffen, die direkt an den Gleisen liegen.

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