Herr Schmidt, reiben Sie sich dieser Tage manchmal verwundert die Augen, wenn Sie auf das Spendenkonto schauen?

Ich weiß gar nicht, wie ich es sagen soll. Ich bin fassungslos, wie gut es läuft. Mich begeistert es, wie die Menschen mit kleinen oder großen Beträgen ihre Anteilnahme zeigen. In nur wenigen Tagen sind bislang 256.513 Euro zusammengekommen. Und es geht ja weiter. Jeder Spendenbeitrag zählt und kommt von Herzen.

Spendenaktion

Für die Spenden aus Brandenburg wurde ein Konto eingerichtet: Landkreis Märkisch-Oderland, IBAN: DE39 1705 4040 0020 0662 95, Stichwort: Spenden Hochwasserhilfe 2021

Mit welcher Resonanz hatten Sie vorab gerechnet?

Ich war mir sicher, dass wir ein gutes Ergebnis erreichen. Schon beim Elbehochwasser hatten gerade die Menschen im Oderbruch, die 1997 die Flut erleben mussten, ihre Hilfsbereitschaft gezeigt. Aber dass es so überwältigend ausfällt, hätte ich nicht gedacht. Durch die Zusammenarbeit mit Märkischer Oderzeitung und Lausitzer Rundschau kommen ja auch viele Spenden aus Regionen jenseits von Märkisch-Oderland.

Ein Projekt, das unterstützt wird, ist die Lebenshilfe in Sinzig

Wie kam es zu dieser Idee?

Los ging es damit, dass Michael Böttcher, der Bürgermeister von Letschin, und ich etwas machen wollten. Am vergangenen Wochenende hat mich dann Claus Liesegang angerufen, der Chefredakteur der Märkischen Oderzeitung, und gefragt, ob sich das Medienhaus beteiligen kann. Das war ein großes Glück für uns. Damit haben wir einen super Partner. Es zeigt sich ja jetzt, wie stark und wichtig Regionalzeitungen sind. Mit ihnen erreicht man die Menschen.

Wer eine solche Aktion startet, übernimmt damit Verantwortung. Wie wird das Spendengeld verteilt?

Ein Projekt, das unterstützt wird, ist die Lebenshilfe in Sinzig. Dort sind zwölf Bewohner der Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung ums Leben gekommen. Weitere Objekte werden wir Initiatoren gemeinsam auswählen, wenn wir das Geld zusammen haben.

Im Oderbruch sind weitere Straßensammlungen geplant

Allein die Stadt Seelow hat zusätzlich in einer eigenen Aktion auf der Straße innerhalb eines Tages mehr als 12.000 Euro für die Flutopfer gesammelt. Eine unglaubliche Summe! Was ist noch geplant?

Mir ist für Märkisch-Oderland bekannt, dass es in Letschin und den Oderbruchdörfern noch weitere Straßensammlungen geben wird. Das ist sehr erfreulich. Die Menschen stehen zusammen.

Viele Menschen, die dieses Interview lesen werden, waren 1997 noch gar nicht in Brandenburg. Was war damals das Besondere am Oderhochwasser, und warum verstärkt es bis heute den Spendenimpuls?

Ich war ja damals Pressesprecher des Landkreises. Das Wichtigste war neben der Angst vor dem Schlimmsten durch Damm- und Deichbruch die Erfahrung der Solidarität. Und zwar im engeren Umfeld, in der Region und in ganz Deutschland. Bei vielen Menschen hier ist hängengeblieben, dass man sich für sie eingesetzt hat.

Hohe Zahl an Toten macht sprachlos

Welches Feedback hat Sie persönlich in den vergangenen Tagen erreicht?

Viele Menschen haben mir gesagt, dass sie betroffen sind, wie schnell sich diese Katastrophe im Westen Deutschlands vollzog. Und dass sie sprachlos sind ob der hohen Zahl an Toten.

Wie sehen Sie die aktuelle Debatte um Warnsysteme?

Ich bin sehr froh über unsere eigene Kommunikationstechnik für den Katastrophenfall, die wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben. Wir verlassen uns nicht auf Netzanbieter und haben im Übrigen die Sirenen im Oderbruch erhalten. Außerdem schicken wir jetzt bei Bedarf vor allem junge Katastrophenschützer zum Einsatz in das Flutgebiet. Klingt vielleicht komisch, aber sie sollen dort auch lernen, wie Katastrophen funktionieren, weil sie dieses Wissen hier eines Tages brauchen könnten.

Debatte um mehr Klimaschutz weit weg von den Menschen?

Welche Lehren ziehen Sie aus der aktuellen Katastrophe?

Wir haben uns sofort zusammengesetzt und überlegt, wie wir darauf vorbereitet sind, wenn so etwas bei uns passieren würde. Wenn die Katastrophe vorbei ist, werden wir unsere sämtlichen Szenarien noch einmal durchgehen und überdenken.

Politisch wird jetzt viel über mehr Klimaschutz diskutiert. Wie sehen Sie das?

Diese Debatte mit gegenseitigen Schuldzuweisungen im Wahlkampf wird sehr weit weg von den Menschen geführt. Wir in Märkisch-Oderland sind längst mitten im Umbau zur Energieregion. Biomasse, Solarkraft, Wind. Wenn ganz Deutschland so große Anstrengungen unternehmen würde wie die Kommunen und Unternehmen in Märkisch-Oderland, hätten wir unsere Klimaziele schon erfüllt. Man darf auch nicht vergessen, dass politische Forderungen das Eine sind. Im Grünen-Milieu reagiert man oft ganz anders, wenn es dann um Eingriffe im eigenem Lebensumfeld durch Windräder und Solarfelder geht.

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