Atombunker in Berlin
: Verein Unterwelten aktiviert Zivilschutzräume für Ernstfall

ReportageIm Atombunker Pankstraße in Berlin-Wedding sollten 3339 Menschen 14 Tage überleben. Der Verein Unterwelten will zwei alte Zivilschutzräume für den Ernstfall funktionsfähig machen.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Eine Mitarbeiterin schliesst während eines Pressetermins des Berliner Unterwelten e.V. den durch ein Stahlbetontor gesicherten Eingang zum Atombunker Pankstraße.

Eine Mitarbeiterin des Berliner Unterwelten e.V.schließt den durch ein Stahlbetontor gesicherten Eingang zum Atombunker im U-Bahnhof Pankstraße auf.

Soeren Stache/dpa
  • Verein Unterwelten will zwei alte Zivilschutzräume wieder funktionsfähig machen.
  • Atombunker Pankstraße bot für 3339 Menschen Schutz für 14 Tage – Anlage stammt aus 1977.
  • Autarke Versorgung: Diesel-Notstrom, Wasserwerk, ABC-Filter und Überdruck gegen Gase.
  • Berlin entwidmete 2007 viele Schutzräume, bundesweit sind 579 Anlagen ohne Ausstattung erhalten.
  • Ziel des Vereins: bis November Bunker in Gesundbrunnen und Residenzstraße für Ernstfall herrichten.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Atmen, warten, überleben – das ist die Maxime im Atombunker in Berlin-Wedding. Eine geheime Tür führt direkt vom U-Bahnhof Pankstraße in eine Schleuse. 3339 Menschen sollten hier 14 Tage lang Schutz vor Angriffen mit ABC-Waffen finden.

Dafür können riesige Tore aus Stahlbeton aus der Wand gefahren werden und den U-Bahnhof gegen atomare, biologische oder chemische Substanzen abriegeln. „Rein kommt, wer am besten informiert und als Erster da ist“, erklärt Heike Wetzel-Philipp vom Verein Unterwelten, die seit Kurzem Führungen durch die unterirdische Anlage anbietet.

Der „Atombunker Pankstraße“ stammt aus dem Jahre 1977 und war während des Kalten Krieges die viertgrößte Zivilschutzanlage Berlins. Fast alles ist noch im Originalzustand erhalten. Heike Wetzel-Philipp zeigt auf ein Guckloch in der Wand, durch das der Schleusenwart im Ernstfall die Menschen abzählen sollte.

Schleusenwärter zählt Menschen im Bunker

„Die Schutzsuchenden, die noch draußen vor der Tür stehen, sieht er gar nicht, damit er nicht aus Mitleid mehr als die 3339 Menschen sowie sieben Mitarbeiter reinlässt“, erklärt die 60-jährige Historikerin.

Ein 465-PS-Diesel-Notstromaggregat sowie ein unterirdisches Wasserwerk stellen die autarke Strom- und Trinkwasserversorgung sicher. „Über sieben große Tanks sind für jeden Schutzsuchenden täglich 2,5 Liter Wasser zum Trinken und für die Speisevorbereitung vorgehalten“, erklärt Wetzel-Philipp.

In einem weiteren Raum liegen Bleibeton-Steine bereit, um den ABC-Filterraum in zwei Lagen noch einmal zusätzlich abzuschirmen. Leichter Überdruck soll das Eindringen von radioaktivem Staub oder giftigen Gasen über undichte Stellen, Ritzen oder bei geöffneter Schleuse verhindern.

Oben auf der quirligen Badstraße ragen zwei unscheinbare Lüftungs- und Entlüftungstürme aus der Mittelinsel. Dazu sieht man auf der Straße eine gelbe Antenne für die unterirdische Kommunikations-Anlage. Dass diese analog funktioniert, wäre im Ernstfall von großem Vorteil, berichtet Rainer Janick vom Forschungsteam des Unterweltenvereins.

Netzausfall nach Atom-Schlag

Denn bei einem nuklearen Detonationsblitz würden Handy und Computer außer Gefecht gesetzt, erklärt Janick. Aber auch im Falle eines großen Strom- und Netzausfalls wie Anfang des Jahres in Berlin könnte die alte Technik die Rettung sein. In den kahlen, neonbeleuchteten unterirdischen Gängen hängen klobige Telefunken-Lautsprecher. Das Gefühl, völlig von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, sollte in den 70er-Jahren mit Radiomusik abgemildert werden.

Der U-Bahnhof Pankstraße wurde ab September 1973 im Rahmen der Verlängerung der U8 gebaut und am 5. Oktober 1977 als einhundertster Berliner U-Bahnhof in Betrieb genommen. Er war von Anfang an als Mehrzweckanlage geplant.

Pressetermin im Atombunker Pankstraße: 16.06.2026, Berlin: Der Vereinsvorsitzende Dietmar Arnold geht während eines Pressetermins des Berliner Unterwelten e.V. mit einer Taschenlampe zwischen den Doppelstockbetten eines Liegeraumes des Atombunkers Pankstraße entlang. In einer neuen 90-minütigen Tour des Vereins sollen unter dem Motto «Zivil- und Katastrophenschutz vom Kalten Krieg bis heute» kleine Besuchergruppen durch die Räume der zu großen Teilen original ausgestatteten Zivilschutzanlage geführt werden. Foto: Soeren Stache/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Dietmar Arnold, Vorsitzender des Vereins Berliner Unterwelten, geht mit einer Taschenlampe zwischen den Doppelstockbetten eines Liegeraumes des Atombunkers Pankstraße entlang.

Soeren Stache/dpa

Im Ernstfall sollten der Verkehr gestoppt werden und noch zwei U-Bahn-Züge in den Bahnhof einfahren, bevor er luftdicht verschlossen wird. Die Bahnen sollten Sitzplätze bieten, während auf dem Bahnsteig dazwischen vierstöckige Doppelbetten aufgereiht werden.

In den Räumen hinter der geheimen Tür gibt es neben einer Not-Küche mit riesigen Kesseln auch Toiletten-Trakte. In den Lagerräumen sieht man Kartons mit Klobürsten, Damenbinden und Milchpumpen. Für jeden Schutzsuchenden wurden eine Schlafdecke, ein Grubenhandtuch, Essschale, Trinkbecher, eine halbe Kernseife und zwei Rollen Klopapier für die 14 Tage vorgehalten. Als Besteck gab es zur Sicherheit nur Löffel, die Spiegel in den Waschräumen sind nicht aus Glas.

Keller und Parkhäuser als Schutzräume

Eine Nutzung des Bahnhofs Pankstraße als öffentlicher Schutzraum war von Anfang an eingeplant. Neben U- und S-Bahnhöfen wurden im Kalten Krieg auch Parkhäuser, Einkaufszentren, Haus- und Schulkeller als Schutzraumneubauten geplant und vorgehalten, erklärt Janeck.

In Berlin seien die Räume, die ungefähr einem Prozent der Stadtbewohner Schutz geboten hätten, allerdings 2007 entwidmet worden. Laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sind von einst 2000 öffentlichen Zivilschutzanlagen in Deutschland aktuell nur noch 579 mit 478.000 Schutzplätzen erhalten. „Die noch dem Zivilschutz gewidmeten Anlagen seien jedoch weder funktions- noch einsatzbereit und verfügen über keine Ausstattung“, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage.

„Wir wollen keine Ängste schüren, aber für das Thema sensibilisieren und gegenüber Politik und Verwaltung vielleicht auch ein bisschen Handlungsdruck erzeugen“, sagt Dietmar Arnold, Chef des Berliner Unterweltenvereins.

Der gemeinnützige Verein hatte sich 1997 eigentlich gegründet, um alte Bunkeranlagen als Museumsrelikte zu bewahren und im Rahmen von Führungen zugänglich zu machen.

Pressetermin im Atombunker Pankstraße: 16.06.2026, Berlin: Ein Medienvertreter steht während eines Pressetermins des Berliner Unterwelten e.V. zwischen den Kesseln des Wasserwerkes im Atombunker Pankstraße. In einer neuen 90-minütigen Tour des Vereins sollen unter dem Motto «Zivil- und Katastrophenschutz vom Kalten Krieg bis heute» kleine Besuchergruppen durch die Räume der zu großen Teilen original ausgestatteten Zivilschutzanlage geführt werden. Foto: Soeren Stache/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Große Kessel im Wasserwerk des autarken Atombunkers unter der Pankstraße in Berlin, sollen die Wasserversorgung für 14 Tage sicherstellen.

Soeren Stache/dpa

Angesichts der neuen Bedrohungslage wollen die Mitglieder nun aber selbst im Zivilschutz aktiv werden. „Wir haben dafür vor Kurzem extra die Satzung geändert“, erklärt Arnold. Bis November dieses Jahres wolle man zwei andere Bunker in Berlin-Gesundbrunnen und am Bahnhof Residenzstraße, die man seit Langem vom Land Berlin gepachtet habe, für den Ernstfall wieder funktionsfähig machen.

Denn vor allem mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine habe das Thema Zivilschutz enorme aktuelle Relevanz erhalten, findet Arnold. In der Phase des Kalten Krieges sei dieser noch auf die Abwehr eines atomaren Ernstfalls ausgerichtet gewesen. „Heute ist er Teil eines weiterreichenden Katastrophenschutzes, der vor allem auf Bedrohungen durch Klimawandel, Pandemien, Terrorismus  oder Blackouts abzielt“, erklärt der Vereins-Chef. Aber auch bei Drohnenangriffen böten die alten Bunker Schutz.

Neue Schutzplätze für 8450 Menschen

„Wir können in unseren Anlagen in ganz Berlin ungefähr 8450 Leute unterbringen“, betont Arnold. Das sei zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Aber früher oder später muss ja mal einer den Anfang machen.“

Der Atombunker an der Pankstraße wird allerdings nicht zum Pilotprojekt des Unterwelten-Vereins, sondern wird eher einen Vorzeige-Charakter behalten. Denn seitdem die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) vor Kurzem einen gläsernen Aufzug angebracht haben, könne man das System nicht mehr so einfach hermetisch abriegeln, erklärt der Chef des Unterweltenvereins.

Die neue Tour 4

Der Berliner Unterweltenverein bietet seit vielen Jahren Touren durch Bunker-Anlagen an. Die neue 90-minütige Tour „Bunker 4“ startet an der Badstraße 50 in Berlin-Wedding kostet 18 Euro und ist über die Webseite der Berliner Unterwelten buchbar.