Ukraine-Krieg: Wer hinter der Ein-Mann-Demo in Berlin steckt

Seit Jahren protestiert Henry Lindemeier in Berlin gegen den Ukraine-Krieg. Dabei hatte der Psychotherapeut und Unternehmensberater im Ruhestand eigentlich ganz andere Pläne.
Maria Neuendorff- Henry Lindemeier (63) protestiert täglich vor dem Russischen Haus in Berlin.
- Er nutzt Sirenenton, Fahne, Lautsprecher; wird beschimpft, bespuckt, teils angegriffen.
- Es gibt Anzeigen gegen ihn; Gericht stufte ein Schmählied als Satire/Kunstfreiheit ein.
- Russisches Haus (1984 eröffnet) steht in Kritik; betreibt Warnschild „Vorsicht Provokation!“.
- Er spendet erhaltenes Geld, brachte jüngst Hilfsgüter in die Ukraine; plant Protest vorm Roten Rathaus.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Vor dem Russischen Haus in Berlin heulen Luftsirenen auf. Die meisten Passanten aber hasten unbeirrt weiter. Denn der Bombenalarm kommt aus einer Bluetooth Box, die sich Henry Lindemeier über die Schulter gehängt hat. Dazu trägt er eine ukrainische Fahne.
Für viele Leute, die regelmäßig die Friedrichstraße entlanggehen, ist Lindemeier schon ein alter Bekannter. Der 63-Jährige steht fast täglich vor dem russischen Kulturhaus, um gegen den Krieg in der Ukraine zu protestieren.
Als Russland das Nachbarland vor vier Jahren überfiel, hatte der Berliner eigentlich ganz andere Pläne. „Ich wollte zu einer langen Weltreise aufbrechen“, berichtet der Psychotherapeut im Ruhestand.
Demonstrant gegen den Ukraine-Krieg wird beschimpft und bespuckt
Doch anstatt am Strand zu liegen und durch die Anden zu wandern, steht er nun in der Kälte und zeigt Flagge vor dem umstrittenen russischen Kulturzentrum mitten in Berlin. „Ich möchte die Menschen, die da rein gehen, daran erinnern, was Russland in der Ukraine anrichtet", sagt der Mann mit dem vollen krausen Haar.
Von einer Russisch-Lehrerin hat er sich ein paar Worte beibringen lassen. „Eigentlich wollte ich mit den Leuten ins Gespräch kommen“, berichtet Lindemeier. Doch Gespräche finden eher selten statt. Dafür wird er häufig beschimpft und bespuckt.
Auch tätliche Angriffe hat es schon gegeben. Vorsichtshalber hat sich Lindemeier eine Stichschutzweste zugelegt. Doch meist ist er es, der vom Russischen Haus angezeigt werde, berichtet Lindemeier. Wegen Ruhestörung, Beleidigung und Bedrohung, natürlich fälschlicherweise, betont der Demonstrant.
Auch heute kommen wieder zwei Polizisten und weisen Lindemeier darauf hin, dass er nicht den Eingang blockieren darf. Lindemeier aber bleibt schon von sich aus brav am Straßenrand stehen. Als es um ein Foto für diesen Bericht geht, fragt er die Beamten, ob er sich kurz neben die Tür stellen darf. Sie nicken. Auch den Lautsprecher, mit dem er regelmäßig ukrainische Volkslieder abspielt, hat Lindemeier runtergedimmt.
Seit Jahren Kritik am Russischen Haus in Berlin
Er will keinen Ärger. „Ich wäre ja mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn ich etwas Strafbares täte. Das wäre auch für meine Sache nicht zielführend“, sagt der Mann, der schon als Führungskräftecoach tätig war und eine eigene Unternehmensberatung führte.
Doch er will sich nicht das Recht nehmen lassen, gegen das Putin-Regime, aber auch gegen das Russische Haus selbst zu protestieren. Seit Jahren gibt es Kritik an dem 1984 in Ostberlin eröffneten Kulturzentrum. Es wird von der Regierungsagentur Rossotrudnitschestwo betrieben, die seit 2022 EU-Sanktionen unterliegt.

Das Russische Haus an der Friedrichstraße in Berlin stammt noch aus DDR-Zeiten und wurde 1984 als Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur eröffnet.
Maria NeuendorffAuch einige Berliner Politiker prangern regelmäßig an, dass in der Immobilie in bester Lage weiterhin Veranstaltungen stattfinden, bei denen auch Propaganda des Putin-Regimes verbreitet werde. Das Land Berlin zahlt trotzdem jährlich die 70 000 Euro Grundsteuer für das Haus, in dem unter anderem russische Filme und Ausstellungen gezeigt werden.
„Slava Ukraini!“ (Ruhm der Ukraine) ruft Lindemeier den Besuchern zu. Wenn er Eltern sieht, die mit Kindern vom Malkurs kommen, setzt er manchmal noch einen drauf: „Wissen Sie, dass Russland gerade ukrainische Kinder tötet“, fragt Lindemeier. „Sie bombardieren Schulen und Kindergärten.“
Ein Kind der Friedensbewegung
Lindemeier weiß, wie hart die Aussage ist. Er habe darüber schon viel mit Gleichgesinnten diskutiert, erzählt er. Doch zwei, dreimal habe er auch eine tolle Reaktion erhalten. Einmal habe eine Mutter auf die Frage ihre Kindes, was Lindemeier gesagt habe, geantwortet: „Der Mann hat gesagt, dass Russland etwas Böses macht.“
Lindemeier war mit der Antwort zufrieden. „Man muss keine Gräueltaten ausbreiten, um kindgerecht zu erklären, was Sache ist.“
Er selbst ist ein Kind der Friedensbewegung, ein Alternativer aus der grün-ökologischen Ecke. „Ich hatte keine Ahnung von Krieg und Waffen.“ Aus heutiger Sicht für ihn eine etwas naive Haltung. „Aber auch irgendwie typisch für viele Bildungsbürger im Nachkriegsdeutschland“, findet der gebürtige Rheinländer.
„Wir sind als Jugendliche oft nach Frankreich, Belgien und Luxemburg gefahren. Das war toll, obwohl wir eine gewisse Ablehnung gespürt haben, die wir als ungerecht empfanden.“ So habe er sich eines Tricks bedient: „Ich war kein begeisterter Deutscher, aber ein begeisterter Europäer.“
Als sein geliebtes Europa nun vor vier Jahren in Form der Ukraine angegriffen wurde, sei er in eine tiefe Krise gestürzt, erzählt Lindemeier. „Ich habe viel geweint, aber mir auch viel Wissen angelesen.“ Danach wurde er selbst aktiv, pilgerte mit der ukrainischen Flagge zunächst zu den sowjetischen Ehrenmalen des Zweiten Weltkriegs im Tiergarten und im Treptower Park.
Faustschlag eines Putin-Anhängers
Doch auch dort erlebte er wenig Diskussions-Bereitschaft. Den Faustschlag eines wütenden Putin-Anhängers konnte er gerade noch so mit dem Arm abwehren, bevor Polizisten den Angreifer niederrangen und festnahmen.
Aber auch Lindemeier erhielt immer mal wieder Platzverweise. Einmal wurde er sogar kurzzeitig festgenommen, widerrechtlich, wie die Justiz später befand. „Sowas geht trotzdem nicht spurlos an einen vorbei“, gesteht Lindemeier.
Vier Jahre nach Kriegsausbruch wirkt er mit seiner Ein-Mann-Demo wie der letzte Mohikaner. 2022 gab es noch viele große Protestmärsche in Berlin. Auch vor dem Russischen Haus kamen damals 1000 Demonstranten zusammen. „Ja, das Engagement ist ein bisschen verpufft“, sagt Lindemeier nachdenklich.
Allerdings gesellen sich seit ein paar Monaten Karin (67) und Uwe (57) zu ihm und halten ebenfalls Schilder mit Anti-Kriegs-Botschaften hoch. Generell hat sich Lindemeier vorgenommen, nicht mehr ganz alleine vor dem siebenstöckigen Block zu stehen. „Es ist wichtig, dass man Zeugen hat“, sagt Lindemeier mit Blick auf die immer wiederkehrenden Strafanzeigen.
Trotzdem muss er sich regelmäßig mit der Justiz auseinandersetzen. Unter anderem befand das Gericht, dass das kabarettistische Schmählied, das manchmal aus seinem Lautsprecher tönt, als Satire einzuordnen sei und der Kunstfreiheit unterliegt.
Russisches Haus stellt Warnschild auf
Das Russische Haus will sich derzeit zu den Anzeigen nicht äußern. Allerdings haben die Betreiber Lindemeier ein eigenes Warnschild gewidmet: Darauf ist ein Männlein mit Flagge im roten Dreieck zu sehen. „Vorsicht Provokation!“ steht dazu in Russisch und Deutsch geschrieben.
Lindemeier muss schmunzeln. Natürlich will er provozieren. Doch wer ihm ins Gesicht sieht, blickt in offene, freundliche Augen. In die sah auch der pensionierte russische Hausarzt, der plötzlich sagte: „Ich schäme mich für mein Land“. Er wollte Lindemeier sogar zum Essen einladen.
Doch dann kam sein Freund, sah die ukrainische Flagge und schimpfte: „Was stehst du hier mit einem Nazi?“ Es entbrannte ein heftiger Streit unter den beiden Russen. „Ich dachte, Ihr seid Freunde“, mischte sich Lindemeier verdattert ein. „Über Politik spricht man nicht“, habe er darauf als Antwort erhalten.
An diesem Wintertag im Februar bleibt alles friedlich. Lindemeier erntet neben Ignoranz auch anerkennende Blicke. „Manche zeigen mir auch einen Daumen nach oben, aber so verdeckt, dass die Kameras das nicht erfassen können“, berichtet der Demonstrant.
Kameras am Russischen Haus
Auch die Kameras am Russischen Haus, die nach deutschem Recht eigentlich nicht einfach so öffentliches Straßenland abfilmen dürfen, hat Lindemeier schon häufig angeprangert. Die Datenschutzbehörde ist dabei, die Sache zu prüfen.
„Auf das Ergebnis warten wir schon viele Monate“, sagt Lindemeier und winkt ab. Wie viele Kritiker hätte er gerne eine Erklärung dafür, warum die deutschen Behörden das Russische Haus mit Vorsicht behandeln.
Während er seine Vermutungen äußert, kommt plötzlich ein Mann auf Lindemeier zu, klopft ihm auf die Schulter und drückt ihm zehn Euro gegen die Brust. „So etwas passiert öfter“, sagt Lindemeier. Am Anfang habe er keine Spenden angenommen, er habe schließlich genug Geld. Doch inzwischen reiche er die Spenden direkt an die weiter, für die er sich einsetzt.
Denn statt um den Erdball zu fliegen, war er in der vergangenen Woche wieder selbst in der Ukraine. Für einen Hilfsverein hat er ein sogenanntes Evakuierungs-Fahrzeug überführt. In dem Neun-Sitzer transportierte Lindemeier auch Verbandszeug, Windeln, Winterjacken und Generatoren bis in einen Ort, 20 Kilometer vor der Front.
Lindemeier spielt eine Sprachnachricht vor, die er an den erwachsenen Sohn geschickt hat, nachdem er in Odessa im Hotel eingecheckt hatte und endlich wieder warm duschen konnte. Auf der längeren WhatsApp-Nachricht ist durchgängig Bombendonner zu hören. „Da kommen viele Drohnen über das Schwarze Meer geflogen, die sind nicht alle immer für Odessa gedacht, aber sie versuchen, hier schon so viele wie möglich abzuschießen“, erklärt der Vater.
Der Sohn war von der Geräuschkulisse geschockt. Er will sich nun irgendwie auch engagieren. Der Vater steht nun wieder in der Berliner Friedrichstraße und wird nicht müde, den Finger in die Wunde zu legen. Zukunftspläne? „Ich werde künftig noch weiter vor das Rote Rathaus ziehen, um auch die Politiker direkt zu erreichen“, kündigt Henry Lindemeier an.
Dann will er sie unter anderem darauf hinweisen, dass das deutsch-russische Abkommen, das seit 2011 den Betrieb des Russischen Hauses in Berlin sowie des Goethe-Instituts in Moskau regelt, in diesem Jahr kündbar wäre, bevor es sich automatisch um weitere fünf Jahre verlängert.






