Doch während sich ein Rezept für das Fettgebäck bereits in einem Stettiner Kochbuch von 1797 wiederfindet und die Würstchen genau genommen in der Nachbargemeinde Britz produziert werden, ist der Obus für die 41.000 Einwohner zählende Stadt tatsächlich beinahe ein Alleinstellungsmerkmal. In Brandenburg fahren sonst längst keine solchen Fahrzeuge mehr – und deutschlandweit gibt es mit Solingen (Nordrhein-Westfalen) und Esslingen (Baden-Württemberg) nur zwei weitere Obus-Städte.
Bislang: Denn Oberleitungsbusse könnten künftig auch auf Berliner Straßen fahren. Eine Machbarkeitsstudie der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr hat gezeigt, dass das für manche stark nachgefragte Linien Vorteile hätte. Realistisch sei der Start allerdings nicht vor 2024/25, sagt die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Petra Nelken.
Auch Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP) kann sich gut vorstellen, dass diese Technologie für die Mobilität der Zukunft eine wichtige Rolle spielt. Die Fahrzeuge würden keine fossilen Brennstoffe verbrauchen. Und ihr Antrieb sei überdies deutlich leiser als der von Verbrennungsmotoren, betont er. "Der Obus ist für uns ein Geschenk."
"Wir sorgen dafür, dass der Oberleitungsbus in Eberswalde auf der Höhe der Zeit bleibt", betont Frank Wruck, Geschäftsführer der Barnimer Busgesellschaft. Zwölf Niederflurbusse des polnischen Herstellers Solaris sind in Eberswalde im Einsatz. Sie beziehen ihren Strom von der Oberleitung, die knapp 26 Kilometer kreuz und quer durch die Stadt führt. Die Flotte legt pro Jahr rund 250.000 Kilometer zurück und befördert um die 4,2 Millionen Passagiere. Damit steigt jeder Eberswalder pro Jahr mehr als 100 Mal in einen der leisen Gelenkbusse, die auf zwei Stadtlinien unterwegs sind und im Schichtdienst regelmäßig von 30 der 180 Fahrer der Busgesellschaft gelenkt werden.
Kompletter Austausch
Zuletzt ist die Obus-Flotte zwischen 2010 und 2012 komplett ausgetauscht worden. "Jeder Neuanschaffung geht die Frage voraus, ob wir weiter auf diese Technik setzen", sagt Wruck. Schließlich habe das Unternehmen zuletzt etwa 700.000 Euro pro Fahrzeug investiert – und damit etwa das Doppelte von dem, was für einen Bus mit Dieselmotor fällig wäre. "Aber wir schauen nach vorn. Also kommen Verbrennungsmotoren für uns eher nicht mehr infrage. Und die Wasserstoff-Technologie, die eine umweltbewusste Alternative darstellen könnte, ist aktuell noch nicht ausgereift genug", erklärt der Geschäftsführer.Fürs Erste wird Eberswalde dem Obus weiter treu bleiben. Dafür spricht schon der Umstand, dass die Barnimer Busgesellschaft in diesem Jahr begonnen hat, alle Strippenfahrzeuge mit einer leistungsfähigen Batterie auszustatten, die das bisher verwendete Notstromaggregat ersetzt.
Diese Batterie lädt sich im Normalbetrieb auf und versorgt den Bus mit Strom, wenn die Oberleitung nicht zur Verfügung steht. Bis zu 16 Kilometer schafft ein derart aufgewerteter Obus, wenn er oben ohne unterwegs ist. Die Umrüstung kostet pro Fahrzeug etwa 140.000 Euro. Bis Ende des Jahres soll der Umbau der Flotte abgeschlossen sein, die dann im Linienverkehr auch außerhalb der Stadtgrenzen eingesetzt wird.
Obusse seien bloß in der Anschaffung teurer. In der Wartung seien sie von den Kosten her mit Dieselfahrzeugen vergleichbar. "Das System ist auch keineswegs anfälliger als andere", sagt Wruck. So hätten die Orkanböen der vergangenen Wochen, Monate und Jahre keine Schäden an den Oberleitungen angerichtet. Gefährlicher seien unaufmerksame Bagger- oder Lastkraftwagenfahrer, die mit Auslegern die Strippe träfen. "Wir stecken etwa 100.000 Euro pro Jahr in die Erneuerung der Leitungen", berichtet der Geschäftsführer.
Die seit 80 Jahren andauernde Obus-Geschichte in Eberswalde wird am 5. September mit einem Tag der offenen Tür gefeiert.

Eberswalder Obus-Geschichte im Zeitraffer


Am 3. November 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg, sind die ersten Oberleitungsbusse durch Eberswalde gerollt. Die neue Technologie, vom heutigen Bürgermeister Friedhelm Boginski als "frühe Version vom nachhaltigen Verkehr" bezeichnet, ersetzte die Straßenbahn, die seit 1910 in der Stadt im Einsatz gewesen war.

Die Stadtverordneten hatten bereits Anfang der 30er-Jahre vor der schwierigen Frage gestanden, ob sie das Schienennetz für die Straßenbahn ausbauen oder sich für eine andere Form des öffentlichen Personennahverkehrs entscheiden sollten.  Die Industriestadt hatte durch den wirtschaftlichen Aufschwung stark an Einwohnern gewonnen. Für sie waren neue Wohngebiete entstanden, die erschlossen werden sollten.

Ende der 70er-Jahre stand der Obus in Eberswalde auf der Kippe, sagt Frank Wruck, der Geschäftsführer der Barnimer Busgesellschaft. Damals habe die weltweite Ölkrise das Ende der Technologie verhindert. Zuletzt sei 2008 überlegt worden, den Obus zu ersetzen. Doch der relativ hohe Ölpreis habe erneut dagegen gesprochen. sk