Vogel-Sterben: 70 Prozent weniger Spatzen in Berlin - Experten suchen Ursachen

Spatzen in Berlin auf der Suche nach Futter. Die Tiere verschwinden allerdings zunehmend aus dem Stadtbild. Dieses Foto stammt aus dem Jahre 2020.
Paul Zinken/dpa- In Berlin brach die Zahl der Haussperlinge in fünf Jahren um rund 70 Prozent ein.
- Ursachen sind unklar – Experten prüfen Krankheit, schließen Vogelgrippe und Viren bisher aus.
- Naturschützer verweisen auf Bauprojekte, fehlende Nistplätze und Hitze, was den Einbruch nicht erklärt.
- Uni Gießen bittet um Einsendung toter Spatzen mit Kühlakku, aus Berlin kam noch kein Tier.
- Beim Jahnsportpark gab es Ersatznistkästen, doch Annahme lag bei rund 35 Prozent und Bestände sanken.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Vogelgezwitscher am frühen Morgen, lustig herumhüpfende Spatzen, die nach Krümeln unter dem Kaffeetisch picken – werden diese Szenen in Berlin bald der Vergangenheit angehören?
Die Zahl der Spatzen (Haussperlinge) ist in der Hauptstadt in den vergangenen fünf Jahren um rund 70 Prozent gesunken. Von etwa 190.000 Brutpaaren bleiben laut aktuellen NABU-Vogelzählungen knapp 60.000. „Die Gründe dafür sind noch völlig unklar“, sagt Derk Ehlert, Wildtierreferent in der Berliner Umweltverwaltung.
Über die Ursachen des dramatischen Rückgangs können der 59-Jährige und andere Experten derzeit nur spekulieren. Denn zahlreiche Umweltfaktoren setzen den Piepmätzen schon seit vielen Jahren deutschlandweit zu. Dazu gehören unter anderem weniger Insekten als Nahrungsquelle, weniger Nistplätze, zunehmende Hitze und unsachgemäßer Einsatz von Rattengift.
„Das können aber alles keine Gründe für den massiven Einbruch sein“, betont Ehlert. Er denkt eher an eine noch unbekannte Krankheit. Erste Untersuchungen von toten Spatzen aus ganz Deutschland an der Klinik für Vögel der Uni Gießen schließen die Vogelgrippe und andere Viruserkrankungen als Ursache allerdings aus. „Wir haben bisher keine einzelnen Erreger gefunden“, sagt der Klinik-Chef und Wildtierforscher Michael Walter Lierz.
Tote Spatzen sollen an Klinik geschickt werden
Allerdings konzentrieren sich die Experten bei ihren Untersuchungen auf den derzeit sogar noch ärger vom Aussterben bedrohten Feldsperling, der sich in ländlichen Gebieten aufhält, und nicht wie der Haussperling mitten unter Menschen in Städten und Dörfern lebt.
Damit die toten Spatzen untersucht werden können, bittet die Uni, tote Exemplare einzusenden. Finder sollen sie am besten mit einem Kühlakku in einem Paket in die Uni Gießen schicken. Ein Einsendeprotokoll kann man dafür im Internet herunterladen. Aus Berlin wurde jedoch bisher kein einziger Vogel untersucht.
„Ich finde es auch zu einfach, ausschließlich eine Seuche zur Verantwortung zu ziehen“, sagt Andrea Schulz, Leiterin der NABU‑Kleingruppe Gebäudebrüter in Steglitz-Zehlendorf. Sie hat die Meldeplattform für Gebäudebrüter beim NABU Berlin aufgebaut und dokumentiert seit Jahren den Verlust von Niststätten. Der langfristige Rückgang des Haussperlings gehe auf stadtweite Umbaumaßnahmen und Sanierungen zurück, glaubt die Naturschützerin.
Allerdings müssen Bauherren auch Ersatzmaßnahmen für bedrohte Vögel ergreifen. Ein aktuelles Beispiel sind Nisthilfen für Spatzen beim Umbau des Jahnsportparks in Prenzlauer Berg. Weil die neuen Vogelkästen nicht rechtzeitig aufgebaut wurden, verhängte das Gericht schon einmal kurzfristig einen Abrissstopp.
Die Bürgerinitiative Jahnsportpark, die allerdings generell gegen Abriss und Neubau der historischen Sportanlage ist, äußerte in dieser Woche erneut erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit der Ersatzmaßnahmen und verwies dabei auf neue Monitoringergebnisse.
So habe die Oberste Naturschutzbehörde im Juni 2026 festgestellt, dass nur rund 35 Prozent der für die Haussperlinge aufgestellten CEF-Nistmöglichkeiten angenommen wurden. Zugleich wurde ein dramatischer Rückgang der lokalen Population um mehr als 60 Prozent gegenüber dem Ausgangszustand dokumentiert.
Spatzen in Berlin sind ortstreu
Initiative und Naturschützer fordern nun erneut den Abrissstopp. Im Antrag wird auch ein Planungs- und Eingriffsstopp für die rund 10.000 Quadratmeter große Sportwiese verlangt, die zu zwei Dritteln durch ein Kunstrasenspielfeld versiegelt werden soll.
„Der Haussperling ist ortstreu und koloniegebunden. Wegen seiner kurzen Lebensdauer und hohen Jungensterblichkeit ist die Art zum Überleben auf ein lückenloses Brüten in stabilen Kolonien angewiesen“, heißt dazu von der AG Artenschutz der NaturFreunde Berlin. Bei verstärkten baulichen Eingriffen würden die Kolonien zerstückelt und schrumpfen.
Auch Derk Ehlert aus der Senatsverwaltung bestätigt generelle Probleme durch bauliche Veränderungen wie zu glatte Fassaden mit weniger Schlupf- und Brutlöchern. „Das erklärt aber nicht den massiven Rückgang in so kurzer Zeit“, betont der Wildtierexperte.
Der Rückgang der Spatzen-Population sei jahrelang in einer leichten Abwärts-Kurve darstellbar gewesen. „Nun ist es plötzlich eine steile Piste.“
Die Ursachenforschung sei aber nicht einfach, da noch nicht genug Spatzen obduziert hätten werden können. „Die Tiere ziehen sich zum Sterben zurück“, erklärt Ehlert. „Liegt dann doch mal ein toter Spatz auf dem Gehweg oder im Garten, sind schnell Fuchs, Waschbär oder Krähe zur Stelle.“
Doch wie kann der Mensch den Spatzen sonst noch helfen? „Seinen Garten zum Beispiel naturbelassener gestalten“, erklärt Ehlert. „Manche sehen heute aus wie ein aufgeräumtes Wohnzimmer. Doch mehr Wildkräuter und Langrasen-Flächen sorgen für mehr Insekten, und damit für mehr Nahrung für Vögel.“
Die Brotkrümel vom Café-Tisch seien dagegen keine gesunden Snacks für die possierlichen Tiere. „Wenn man Spatzen füttern will, dann bitte mit Körnern“, rät Ehlert.
So erkenne ich Haus- und Feldsperling
In Deutschland unterscheidet man zwischen dem Haus- und dem Feldsperling. Der männliche Haussperling hat eine graue Kopfkappe. Die Weibchen sind schlichte braun-graue Spatzen.
Bei den Feldsperlingen gibt es optisch keine Geschlechterunterschiede. Sie haben alle eine braune Kappe und einen schwarzen Punkt auf der Wange.
Während der klassische Haussperling die Nähe von Gebäuden und Städten sucht, bevorzugt der Feldsperling die ländliche Kulturlandschaft mit Hecken und Gärten.



