Der Teich in der Wohnsiedlung Lindenhof ist mit Seerosen bedeckt. Trauerweiden lassen ihre grüne Blätterpracht über das Wasser baumeln, Libellen gleiten lautlos durch die Luft, während die Kröten zum Froschkonzert anstimmen.
Das feuchtgrüne Großstadt-Idyll, wie es Mensch und Tier noch in dem über hundert Jahre alten, gut gepflegten Wohnquartier im Süden Schönebergs genießen können, droht anderswo in der Stadt längst auszusterben. „Der Zustand der Kleingewässer in Berlin ist erschreckend“, lautet das Fazit des neuen Kleingewässerreports, den der BUND Berlin am Donnerstag vorstellte. „Das Ergebnis ist ganz mies“, sagte Norbert Prauser vom BUND. So seien unter anderem sämtliche Grunewaldseen ausgetrocknet.
Die Umweltorganisation hat dafür 157 stehende Kleingewässer in einer Größe bis 10.000 Quadratmetern in den Bezirken Marzahn-Hellerdorf, Charlottenburg-Wilmersdorf und Pankow unter die Lupe genommen und bewertet – mit niederschmetterndem Ergebnis. „Mehr als die Hälfte der Gewässer (51,5 Prozent) lagen zum Beobachtungszeitraum im Sommer 2022 komplett trocken oder enthielten nur noch Restwasser, was auf eine erhebliche Beeinträchtigung des Wasserhaushalts hindeutet“, heißt es in dem Bericht.
In Marzahn-Hellersdorf konnte mit 90 Gewässern die höchste Anzahl untersucht werden. Dabei wurde mit 63,3 Prozent auch die höchste Quote an Mängeln festgestellt. In Pankow wurden insgesamt 48 Gewässer bewertet, 37,5 Prozent davon wurden als problematisch eingestuft. In Charlottenburg-Wilmersdorf wurde mit 19 Gewässern die geringste Anzahl bewertet. Sie wiesen mit 52,6 Prozent dabei die zweithöchste Quote mit Mängeln auf.

168 Gewässer fast oder vollständig ausgetrocknet

Der BUND Berlin hat seit 2020 rund 430 Kleingewässer in acht von zwölf Berliner Bezirken kontrolliert. Davon seien am jeweiligen Sichtungstag 168 fast oder vollständig ausgetrocknet gewesen. In 154 Fällen seien extremer Schilfwuchs sowie vermehrte Verbuschung Anhaltspunkte für den schlechten Zustand der Kleingewässer gewesen.
Idyllen wie der Teich in der gut gepflegten Lindenhof-Siedlung in Berlin-Schöneberg findet man inzwischen nur noch selten in Berlin.
Idyllen wie der Teich in der gut gepflegten Lindenhof-Siedlung in Berlin-Schöneberg findet man inzwischen nur noch selten in Berlin.
© Foto: BUND
Die Berliner Wasserbetriebe gehen derzeit von etwa 530 Objekten aus, von denen ein Drittel zum Teil schon länger ausgetrocknet sind. Der aktuell schlechte Zustand der Gewässer sei nicht nur eine Folge von langanhaltenden Trockenperioden, sondern auch auf die Verschmutzung durch Mikroplastik, Schwermetalle und weitere Schadstoffe zurückzuführen, die vor allem von verunreinigten Straßen, Dächern und mit dem Regenwasser über die überschwappende Kanalisation in Bäche, Gräben und Seen gelangten, heißt es in dem Report.

Verschmutzung durch Hundekot und Schwermetalle

Laut Berliner Wasserbetriebe fließen pro Jahr rund 37 Millionen Kubikmeter Regenwasser direkt und bei Wolkenbrüchen weitere sechs Millionen Kubikmeter durch Regen verdünntes Schmutzwasser in die Berliner Gewässer. Das entspricht zusammen der Wassermenge des Müggelsees. Aus den Regenkanälen werden im Jahr rund 5000 Tonnen organische Schmutzstoffe wie zum Beispiel Reifenabrieb, Hundekot, Schwermetalle und 40 Tonnen Nährstoffe wie zum Beispiel Phosphate in die Berliner Gewässer geschwemmt.
„Je kleiner die Gewässer sind, desto schlimmer sind die Auswirkungen“, heißt es in dem aktuellen Bericht. Das verschmutzte Wasser sei ein erheblicher Wachstumsbeschleuniger für Algen und Schilf und führe dazu, dass die Kleingewässer „umkippen“ und damit als Biotop für viele Tiere und Pflanzen verloren gingen. Besonders bedrohlich wird die Situation für Amphibien, die ihren Lebensraum verlören. Betroffen seien von der Austrocknung und Verschmutzung vor allem auch Lurche, die generell vom Aussterben bedroht sind.
Dabei hatte der Berliner Senat bereits 2012 die „Berliner Strategie für biologische Vielfalt“ beschlossen und sich damit selbst verpflichtet, die Gewässergüte zu verbessern. „Passiert ist wenig, und die Lebensumstände der Amphibien haben sich ungebremst verschlechtert“, heißt es in dem aktuellen Bericht.
„Dabei könnten 27 Prozent der Gewässer in schlechtem Zustand mit einfachen Maßnahmen zeitnah gerettet werden, ohne viel Geld in die Hand zu nehmen“, betont Prauser.

Für Pflege fehlt Geld und Personal

Doch in den meisten Bezirken fehle dafür das Geld und auch das Personal. Seit 2002 müssen die Straßen- und Grünflächenämter rund zwei Drittel aller Standgewässer betreuen.
In Charlottenburg-Wilmersdorf, wo das Bezirksamt für 23 stehende Gewässer zuständig ist, stehen jährlich 400 000 Euro zur Verfügung. „Die Aufgabe unseres Umwelt- und Naturschutzamt gehen allerdings weit über die Pflege von Kleingewässern hinaus, so dass weiterer Personalbedarf besteht“, sagt Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger (CDU). Derzeit läge das Hauptaugenmerk auf der Kontrolle und Pflege der ufernahen Bäume. Oberstes Ziel sei, deren Gesundheit und Bruchfestigkeit zu erhalten.

Geld vom Bund

Damit die Gewässer nicht verlanden und damit im Sommer kein unangenehmer Geruch entstehe, müssten Fachfirmen engagiert werden, um Laub und Schlamm entfernt werden. „Das Budget reicht schon dafür kaum aus“, so Schruoffeneger.
Mit dem Sondervermögen Klimaschutz, Resilienz und Transformation des Landes Berlin sowie dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz des Bundes seien zwar zwei finanziell sehr wirksame Förderprogramme initiiert worden. „Doch um die erheblichen geplanten Fördermittel überhaupt beantragen und umsetzen zu können, benötige es zusätzliches Personal. Auch dieses müsste dringend aus dem Sondervermögen bereitgestellt werden“, betont Schruoffeneger.
Der Berliner BUND schlägt als Maßnahmen unter anderem Trennsysteme für Regenwasser vor, um Schadstoffe zu filtern, bevor das Wasser in Kleingewässer-Ökosysteme fließt. Das könnten unter anderem Filterbecken sein, die mit Schilf bepflanzt sind. Dabei wird das Abwasser durch eine oder mehrere Lagen Sand gepresst, wodurch die schädlichen Partikel im Sand zurückgehalten werden.
Bei einem Forschungsprojekt am Halensee seien mit diesem System bis zu 99 Prozent abfiltrierbare Stoffe und 95 Prozent Phosphate zurückgehalten worden, schreiben die Umweltschützer.
An Instituten und Hochschulen wird aber auch an dezentralen Filtersystemen in Straßenabläufen und Gullys getüftelt. Denn vor allem stark befahrene Straßen und viel genutzte Parkplatzflächen weisen oftmals eine Schadstoffbelastung für umliegende Gewässer auf. Allerdings müssten je nach System die Gullys vier bis sechs Mal pro Jahr, anstatt nur alle ein bis zwei Jahre, gereinigt werden.

Berlin war einst „Sumpfstadt“

Dabei hatte Berlin ursprünglich ganz gute Voraussetzungen für schöne Feuchtbiotope. Die zahlreichen Teiche, Seen und Flüsse entstanden in der Eiszeit durch schmelzende Gletscher. Die kleine Doppelstadt Berlin-Cölln im Tal der Spree wurde sogar einst als „Sumpfstadt“ bezeichnet.
Doch das große Bauen im feuchten Gelände der wachsenden Weltmetropole war meist nur mithilfe von Entwässerung möglich. So wurde der Grundwasserspiegel in Berlin dauerhaft abgesenkt. Der Bau von Großsiedlungen in Hohenschönhausen, Lichtenrade, Mariendorf, Marzahn-Hellersdorf oder im Märkischen Viertel forderte Trockenlegungen im großen Stil und Umlegungen von Wasserläufen wie zum Beispiel an Panke und Wuhle.
Im Rahmen der Internationalen Gartenausstellung 2017 in Marzahn-Hellersdorf wurde aber zum Beispiel auch Geld in neue künstliche Kleingewässer gesteckt. „Doch während die Finanzierung sich lediglich auf die Planung und Umsetzung konzentrierte, seien der spätere Unterhalt und die Pflege nicht berücksichtigt worden“, kritisieren die BUND-Mitglieder. Das führte dann unter Umständen zu schlechter oder gar keiner Pflege der Gewässer. Beispiele dafür fänden sich im Bürgerpark Marzahn oder im Jelena-Šantić-Friedenspark. „Oftmals hat das Gartenamt kaum Geld für die tägliche Gewässerpflege und wird mit den Herausforderungen von Renaturierungsmaßnahmen alleine gelassen“, heißt es in dem Bericht.
Dazu erschwere eine unzuverlässige Datengrundlage die Planung. Verschiedene Zuständigkeiten für die Gewässer führten zu Irritationen. Oftmals sei die Pflegeverantwortung der Kleingewässer ungeklärt. Bei manchen ausgetrockneten Pfuhlen im Grunewald oder in Pankow stritten sich nach BUND-Recherchen die jeweiligen Bezirke mit den Forstämtern über die Zuständigkeit. Dazu käme noch eine bedeutende Zahl an privaten Gewässern, die quasi in einer Grauzone zwischen Eigentum und Unterhaltspflicht lägen.