Wohnen in Berlin: 37 Tage ohne Wasser, Familie fühlt sich von Siedlerverein erpresst

Detlef Woskowski (Mitte mit Kanister) und seine Angehörigen aus Berlin-Pankow hatten auch das gesamte Osterfest über kein Wasser aus der Leitung und mussten sich notdürftig mit Flaschen und Kanistern behelfen.
Wolfgang Papenbrock- Berlin-Pankow: Einer Familie wurde 37 Tage lang das Trinkwasser abgestellt.
- Der Siedlerverein kappte am 3. März die Leitung – ein Rohrstück wurde entfernt.
- Verein verlangt Gebühren für Nichtmitglieder, Familie verweigert den Eintritt.
- Gericht verpflichtete den Verein, das Grundstück für sechs Monate wieder anzuschließen.
- Hintergrund: Siedlung aus DDR-Zeiten, privates Verteilnetz der Gartenanlage bleibt strittig.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Kanister sind immer noch überall auf dem Grundstück und im Haus am Rostsperlingweg 49 zu sehen. 37 Tage waren die fünf Bewohner der Siedlung zwischen Blankenburg und Heinersdorf im Norden Berlins ohne Wasser. Auch zum Osterfest mussten die teils schwer kranken Familienmitglieder Wasser in Fünf-Liter-Flaschen heranschleppen, damit wenigstens gekocht und abgewaschen werden kann.
„Das Schlimmste aber war die Toilette“, erzählt Detlef Woskowski (73), der schon einen Herzinfarkt überlebt hat und zudem schwer an Diabetes leidet.
Das Wasser wurde der fünfköpfigen Familie nach monatelangen Streitigkeiten am 3. März vom Siedlerverein gekappt. Arbeiter trennten dafür einfach ein 14 Zentimeter langes Rohrstück im Boden direkt am Grundstückszaun heraus. „Mit dem Wasserentzug will man mich erpressen“, sagt Woskowski. „Weil ich mich wie rund 50 andere weigere, in den Gartenverein einzutreten.“
Gebühr für die Benutzung der Wasserleitung
„Wir haben auch die 50 Parzellen der Nichtmitglieder bisher immer mit Wasser beliefert“, betont Manuel Große, Vorstandsvorsitzender des Vereins der Garten- und Siedlerfreunde Blankenburg, der im Auftrag des Bezirks Pankow die Anlage verwaltet. Da aber auch Instandhaltungskosten mit dazu kämen, seien die Gebühren für Nichtmitglieder etwas höher als für Mitglieder, erklärt Große. Deswegen habe man der Familie schon im vergangenen Sommer einen neuen Vertragsvorschlag geschickt.
Dieser liegt der Redaktion vor. Dort ist unter anderem von Grundkosten in Höhe von 10 Euro im Monat zuzüglich Umsatzsteuer für die Benutzung der Wasserleitung die Rede. Dazu sei der Einzeilverbrauch des Abnehmers zu berechnen, den der Verein wiederum an die Berliner Wasserbetriebe weiterreichen muss. Zusätzlich hat der Abnehmer einen Beitrag von 1,20 Euro pro Kubikmeter Wasser zu zahlen.
Dazu wird jährlich noch eine Gebühr von 75 Euro für Verwaltungskosten erhoben. „Als gemeinnütziger Verein verstehen wir uns als Solidargemeinschaft“, betont Vorstand Große die Kostenberechnung. Im Fall der Familie Woskowski hätte man mit der Wassersperre nach langem Hin und Her das erste Mal härter durchgegriffen, weil diese zudem Altschulden gehabt hätte.
Detlef Woskowski bestreitet das. „Ich zahle alle zwei Monate 60 Euro Wasserkosten im Voraus an den Verein." Lange Zeit sei diesem gar nicht aufgefallen, dass er kein Vereinsmitglied sei.
Wasserstreit in Berlin vor Gericht
Irgendwann hätte man ihm seine Vorauszahlung plötzlich zurücküberwiesen und den Vertragsvorschlag geschickt. Die „Altschulden“ seien höchstens Gebühren, die man ihm nun rückwirkend berechnen wolle.
Der Streit ging über das Amtsgericht, das Landgericht und landete schließlich beim Kartellgericht. Das verdonnert den Verein, wegen der Härte des Falls das Grundstück der Familie erst einmal wieder für sechs Monate anzuschließen. Seit einigen Tagen fließt nun wieder Wasser aus dem Hahn.
Ob das auch nach September 2026 so bleibt, ist aber völlig ungewiss. Denn der Fall im Nordosten Berlins ist kompliziert und reicht bis in die DDR zurück. Die „Erholungs- und Siedlungsanlage“ mit insgesamt 1300 Grundstücken ist eine der größten ihrer Art und gehört zu einer ehemaligen Kleingartenanlage. Sie war schon vor 116 Jahren gegründet worden. Später entstand daraus eine Siedlung mit Lauben zur Miete, Häusern in Erbpacht und in Eigentum.
Die frühere „Kolonie Blankenburg" war zur DDR-Zeit eine vom Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter (VKSK) als „Kleingartenanlage" verwaltete Siedlung. „Der Kreisvorstand Pankow vom VKSK war sozusagen vom Staat als Zwischenpächter eingesetzt. Grundstücke, Wege, Vereinshaus, Wasser und Wasserleitungen waren damit DDR-Volkseigentum“, erklärt Wolfgang Papenbrock, der sich seit Jahren mit der Ortschronik in Blankenburg beschäftigt.
Lauben zu Wohnhäusern ausgebaut
Nach der Wende seien einige der Kleingartenflächen aus dem „Kleingartenstatus" entlassen und in Wohngebiete umgewandelt worden, da sie auf Grund ihrer Lage auch für eine bauliche Entwicklung geeignet sind. Statt kleiner Datschen gibt es Häuser mit mehreren Zimmern und Bad und Dusche.
„Das Problem ist dort generell, dass sich in der riesigen Gartenanlage immer mehr Leute ihre Lauben zum Wohnen ausgebaut haben“, erklärt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. Die Anlagen hätten dadurch ihren Kleingartenstatus verloren, und manche dort Wohnende leiteten nun daraus die Forderung ab, genauso wie „ganz normale Gebiete" mit Medien aller Art erschlossen zu werden.
Viele der alten DDR-Pächter konnten nach der Wende ihre Häuser kaufen und bis heute auch darin wohnen. „Andere wiederum dürfen regelmäßig übernachten, aber sich nicht polizeilich anmelden“, sagt Vereinschef Große. So sei eine sehr durchmischte Siedlung aus Wohnhäusern und Kleingärten entstanden. Allein im Bezirk Pankow gibt es noch vier ähnliche, aber weitaus kleinere Anlagen.
Detlef Woskowski lebte schon in den 60er-Jahren mit seinen Eltern auf dem Grundstück am Rostsperlingweg. 1998 erbte er das Anwesen und zog wieder ein. Seine Mitbewohner sind seine Frau Heidi, die selbst auf der Anlage groß geworden und fast blind ist.
Pflegekind von Wassersperre betroffen
Ihre Tochter Kerstin (47) ist schwer depressiv und hat nach eigenen Angaben seit 25 Jahren das Grundstück nicht mehr verlassen. Ihr Lebensgefährte Bernd (57), der ebenfalls mit eingezogen ist, hat wiederum seine zwölfjährige Enkelin als Pflegekind bei sich in der Siedlung aufgenommen, die sonst im Heim leben müsste.
Für sie sei die Situation besonders schlimm gewesen, berichtet Detlef Woskowski. „In dem Alter sind die Mädels doch schon kleine Modepüppchen. Sie hat sich gerade richtig eingelebt, neue Freunde in der Schule gefunden." Sich morgens nicht mit fließendem Wasser waschen zu können, sei für sie sehr belastend gewesen.

Blick auf die Baugrube direkt am Zaun der Familie aus Berlin-Pankow. Um das Wasser abzutrennen, haben Arbeiter ein 14 Zentimeter langes Rohrstück im Boden herausgeschnitten.
Wolfgang PapenbrockSo habe man sich ab und zu im Hotel eingebucht, um duschen zu können, und sei regelmäßig zum Wäschewaschen in den Salon oder zu Bekannten gefahren. Das alles, aber auch die Anwaltskosten habe viel Geld verschlungen. Zum Glück hätten auch Nachbarn mit Wasserlieferungen geholfen, über eine Spendensammlung kamen 1345 Euro zusammen.
Wenn es nach Detlef Woskowski ginge, so will er einfach an die Berliner Wasserbetriebe das übliche Wasser-Geld zahlen. Diese beliefern zwar die Gartenanlage mit Trinkwasser, das werde aber dann vom Verein in einem „privaten“ Wassernetz weiter auf die einzelnen Grundstücke verteilt, erklärt Wasserbetriebe-Sprecher Stephan Natz. „Das ist leider ein interner Streit innerhalb der Gartenanlage, in den wir nicht eingreifen.“



