„Das ist keine Musik, das ist Körperverletzung“, sagt ein Mitarbeiter der Mercedes-Benz Arena in Berlin, kurz nachdem die Indie-Rocker von Arcade Fire zu spielen begonnen haben. Er ist allerdings auch nicht freiwillig da. Die rund 5000 Fans, die an diesem Abend gekommen sind, schon. Ausverkauft sieht anders aus, fasst die Halle doch insgesamt 17 000 Menschen. Es könnte an dem Skandal um den Sänger Win Butler liegen, der vor einem Monat den Tourbeginn der kanadischen Band überschattete. Dem Frontmann wird sexuelles Fehlverhalten in mehreren Fällen vorgeworfen. Das US-Magazin „Pitchfork“ berichtet von Sexting, Dickpics und Machtmissbrauch. Butler bestreitet die Vorfälle nicht, betont aber deren Einvernehmlichkeit. Auch seine Frau und Régine Chassagne stärkt ihm den Rücken.

Ein Hit jagt den nächsten

Auf ein Statement oder gar eine ausführliche MeToo-Debatte wartet man an diesem Abend vergeblich. Generell sind die Ansagen vonseiten des Sängers und seiner vier Bandkollegen eher spärlich gesät. In knapp zwei Stunden Spielzeit jagt ein Hit konsequent den nächsten. Ob „Ready to start“, „Age of Anxiety II“ oder „Reflektor“ – Die Fans singen ausgelassen mit.
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Win Butler, im punkigen Gammellook gekleidet und seine Gattin, die zu Beginn ein knallgrünes Regencape trägt, wechseln sich auf der Bühne ab, das Publikum zu animieren. Unterstützt werden sie, neben der üblichen Besetzung, unter anderem auch von einer Violinistin sowie dem Haitianer Paul Beaubrun, der seine westafrikanische Trommel, die Djembé, stets dabei hat.

Viele Grammys und eine Oscarnominierung

Butler und Chassagne singen nicht nur; die Bandbreite an Instrumenten, die sie beherrschen, begeistert. Ob Akkordeon, Xylophon oder Klavier, die gebürtige Haitianerin Régine Chassagne hüpft wie ein Wirbelwind von Instrument zu Instrument und auch ihr Ehemann wechselt des Öfteren zwischen Akustikgitarre und Klavier hin und her. Dieser Wechsel spiegelt sich auch in den musikalischen Ausprägungen der einzelnen Lieder wieder. Von Rock über Folk bis hin zu elektronischen Klängen bedienen sich die Kanadier des geamten Spektrums des Indie-Rock. Nicht umsonst wurden Arcade Fire mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter ein Grammy sowie eine Oscarnominierung für die Beste Filmmusik. Ein bitterer Beigeschmak bleibt trotzdem.
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Boukman Eksperyans aus Haiti esetzen Vorband Feist

Nachdem die Sängerin Leslie Feist, die als Vorband die Welttournee zum jüngsten Album „WE“ beleiten sollte, aus Gewissensgründen abgereist war, ist nun die haitianische Combo Boukman Eksperyans dabei und kommt auch während des Konzerts immr wieder auf die Bühne. Sicherlich spielten hier die jahrelangen engen Beziehungen der Band zu Chassagnes Heimatland eine Rolle. Ihre Familie floh deren Familie vor dem Duvalier-Regime ins kanadische Montreal. Arcade Fire unterstützt seit Jahren mit verschiedenen Aktionen das von Krisen geschüttelte Land in der Karibik. So wird auch die Landesflagge geschwenkt und Sänger und Tänzer innen kommen auch bei der Zugabe noch einmal auf die Bühne.

Rastlose und actionreiche Performance

Diese ist mit einer bogenförmigen LED-Wand überspannt, die abwechselnd Galaxien oder glühende Vulkanausbrüche zeigt. Dazwischen zucken farbige Laserstrahlen gen Hallendecke. Trommelgewitter, Drumkaskaden, entfesselte Gitarren und der mal herzzerreißende, mal fast hysterische Gesang von Win Butler im Wechsel mit dem hymnischen Chor. Das ist der Sound von Arcade Fire zum stets nervös treibenden Rhythmus.
Die rastlose und actionreiche Performance der Band lässt an diesem Abend dem Publikum und vor allem auch den Akteuren kaum einnen Moment zum Luftholen. Vielleicht ist eine Atempause auch nicht gewollt, denn möglicherweise könnten doch noch Zweifel im Publikum aufkeimen, ob es die richtigte Entscheidung war, die Band weiterhin mit den mehr als 80 Euro teuren gkauften Tickets zu unterstützen. Vielleicht fürchten sich Win Butler und seine Kollegen auch vor Zwischenrufen aus dem Publikum.

Tiefer Fall der einstigen Indie-Lieblinge

Dennoch suchen er und seine Frau auch immer wieder die Nähe zum Publikum, wechseln – nach anderthalb Stunden Vollgas – sogar die Bühne, hin zur Mittelinsel im Publikum, auf der ein E-Piano sowie weitere Instrumente stehen. Mal am Piano sitzend, dann wieder ausgelassen tanzend und auf dem Instrument balancierend, geben Chassagne und Butler unter dem Schein einer gigantischen Diskokugel noch einmal alles. Das Publikum: seelig. Wirklich?
Bis Dezember touren Arcade Fire noch noch durch die Welt. Es bleibt abzuwarten, wie es danach weitergeht und ob sich die Band jemals wieder von diesem Skandal erholen wird. Der Fall der einstigen Indie-Lieblinge; er ist tief – trotz grandioser Live-Performance.