Berlinale 2024: Ruth Beckermann filmt für „Favoriten“ den Schulalltag mit Migrationskindern

Berlinale 2024 in Berlin: Schülerinnen aus dem Film „Favoriten“, der an einer Volksschule im gleichnamigen Wiener Stadtbezirk spielt.
Ruth Beckermann FilmproduktionDer Stoff hat seit einigen Jahren Konjunktur: Filme, die sich dem Schulalltag widmen und dabei die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer herausstellen. Kein Wunder in Zeiten, in denen Debatten über Pisa–Untersuchungen und Schulen mit hohem Anteil an zugewanderten Kindern allgegenwärtig sind.
2021 gehörte die Langzeitdokumentation „Herr Bachmann und seine Klasse“ zu den großen Überraschungen der Berlinale. Der Beitrag von Filmemacherin Maria Speth, die eine Schulklasse und ihren ungewöhnlichen Lehrer im hessischen Stadtallendorf immer wieder mit der Kamera aufsuchte, bekam nicht nur den Silbernen Bären, sondern auch den Publikumspreis.
„Favoriten“ — charismatische Lehrerin Ilkay Idiskut
Die österreichische Regisseurin Ruth Beckermann (in den zurückliegenden Jahren waren ihre Dokumentationen „Waldheims Walzer“ und „Mutzenbacher“ auf der Berlinale vertreten), Jahrgang 1952, begleitet nun eine Schulklasse in Wien und deren Klassenlehrerin über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren. „Favoriten“ spielt an der größten Volksschule in dem einwohnerreichen, multikulturell geprägten gleichnamigen Stadtbezirk im Süden der Donaumetropole. Der Film ist in der Berlinale–Sektion „Encounters“ zu sehen.
Vergleiche mit dem „Bachmann“-Streifen sind unvermeidlich, zumal sich auch in „Favoriten“ vieles um den Lehrerberuf dreht: Das Publikum lernt in der jungen Klassenlehrerin Ilkay Idiskut eine charismatische und überaus engagierte Pädagogin kennen, die ihre Schülerinnen und Schüler mit viel Empathie und einem untrüglichen Blick für die individuellen Bedürfnisse durch deren erste Schuljahre lotst. Die ermutigt und ermahnt, und die auch Themen anspricht, die in dem Favoriten–Milieu durchaus kontrovers sind: Das Tragen von Bikinis etwa, und Frauenrechte. Idiskut zeigt in diesen Fragen eine klare Haltung, sie hat natürliche Autorität.

Die Klassenlehrerin Ilkay Idiskut
Ruth Beckermann FilmproduktionDie in Wien geborene Tochter türkischer Eltern mag in ihrer Generation als junge Frau mit Matura und Studium noch eine Ausnahme gewesen sein — heute steht sie als Lehrerin vor einer Schulklasse, in der es praktisch keine Deutsch–Muttersprachler mehr gibt. Die Familien kommen aus Syrien, der Türkei, der Ukraine oder den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens.
Die Eltern arbeiten, das zeigt eine Vorstellungsrunde in der Klasse, in der Gebäudereinigung und im Einzelhandel, auf dem Bau oder in der Pflege. Es sind Stützen der Gesellschaft, oft ohne österreichische Staatsbürgerschaft, oft mit kaum vorhandenen Deutsch–Kenntnissen.
Berlinale 2024: Lehrermangel und prekäre Familienverhältnisse
Von der zweiten bis zur vierten Jahrgangsstufe ist die Kamera dabei. Die Probleme, mit denen Ilkay Idiskut und ihre Kollegen sich in ihrem pädagogischen Alltag herumschlagen müssen, sind gravierend: Es herrscht Lehrermangel, die Lernerfolge sind insbesondere in den unteren Jahrgansstufen bescheiden, und es gibt viel zu wenige Schulpsychologen oder Stellen für Sozialarbeiter.

Filmszene aus „Favoriten“ mit der Klassenlehrerin Ilkay Idiskut (l.) und einigen ihrer Schüler
Ruth Beckermann FilmproduktionDie Volksschule ist das österreichische Pendant zur deutschen Grundschule. Nach vier Jahren trennen sich die Wege der Kinder und es wird die erste gravierende Entscheidung für den weiteren Lebensweg gefällt: Gymnasium und Matura oder nur Mittelschule? Auch viele Gespräche mit den Eltern sind in dem Film festgehalten. Und es wird deutlich: Die Aufgabe einer Grund– oder Volksschullehrerin ist es nicht nur, die Kinder auszubilden.
„Favoriten“ — eine unauffällige Kamera und frei agierende Kinder
Die Kamera ist immer ganz dicht dran, wenn die Kinder versuchen, Rechenaufgaben zu lösen oder nach dem richtigen Wort suchen. Kameramannn Johannes Hammel muss förmlich zwischen den Schulbänken umhergekrochen sein für diese Bilder. Die Kinder indessen scheinen sich rasch an die Gegenwart der Kamera gewöhnt zu haben — ihnen ist meist keine Befangenheit oder Verstellung anzumerken.
Regisseurin Beckermann und ihre Drehbuch–Co–Autorin Elisabeth Menasse (Ehefrau des Schriftstellers Robert Menasse) locken sie noch zusätzlich aus der Reserve, über den Unterricht hinaus. Sie geben den Kindern Kameras und Smartphones zum Filmen an die Hand. Unterhaltsam und erhellend ist es, wie sich die Kinder vor der Kamera Gedanken machen über Begriffe, die ihnen als Assoziationsvorlage geliefert werden — „Kultur“ zum Beispiel, oder „Jungs und Mädchen“. Dabei gelingen persönliche Porträts — manche der Schülerinnen und Schüler öffnen sich über den Zeitraum von zweieinhalb Jahren vor der Kamera noch etwas mehr als andere.
Immer wieder Thema: die Religion
Was besonders auffällt: Insbesondere beim Besuch in einer Moschee — Religionsunterricht ist in Österreich obligatorisch, die Schüler können sich aber davon befreien lassen — blühen viele muslimische Kinder geradezu auf, weitaus mehr als beim Rechnen, Lesen, Schreiben. Beim Besuch im Stephansdom ergibt sich ein ganz anderes Bild.
Der Pfarrer fragt, welche Kinder römisch–katholisch seien. Antwort: niemand. „Favoriten“ ist ein sehenswerter Film. Und ein eindringliches Plädoyer dafür, der Arbeit, die an Volks– oder Grundschulen geleistet wird, eine hohe gesellschaftliche Bedeutung beizumessen.
„Favoriten“ läuft noch am 17.02 um 22 Uhr im Zoo Palast 2, am 18.02. um 12.30 Uhr im Colosseum 1, a, 19.02. um 13 Uhr im Cubix 7 und 8 sowie am 25.02. um 13.30 Uhr im International


