Berlinale 2024: Das war die Eröffnung – so bunt, so politisch, nur überhaupt nicht lustig

Erste Gäste stehen während der Eröffnung der 74. Berlinale auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast. Die 74. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 15.-25.02.2024 statt.
Soeren StacheStars und Regisseure stehen auf dem roten Teppich, skandieren „Defend Democracy“ und „Es lebe die Demokratie“. Die Protestaktion hat das Festival selbst organisiert, Filmschaffende wie Jella Haase und Katja Riemann machten mit. Dazu halten sie Handylichter in die Luft, während der Aktion wird es still am roten Teppich. Das ist der Start für die Berlinale-Eröffnungsgala am Donnerstag (15.2.) Abend im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz.
Nicht weit davon entfernt halten protestierende Kinomitarbeiter Schilder in die Luft: „Ohne uns kein Kino - 14 Euro“ steht darauf. Es gibt auch Plakate mit „Festival of Cancel Culture“ und „Kultur der Ausgrenzung“. Ein hochgewachsenes Model namens Papis Loveday trägt ein Schild „No Racism. No AfD“ über den roten Teppich und trägt einen weißen Umhang „More Empathy“.
Proteste jeder Art am Roten Teppich
Und noch mehr politische Proteste auf dem Roten Teppich: Mitglieder der Jury für den besten Nachwuchsfilm tragen „Cease Fire“-Schilder auf dem Rücken. Eine Gruppe hält zur Erinnerung an die Opfer des Attentats von Hanau, das am 19. Februar 2020 am Tag vor dem Berlinale-Start stattfand, Bilder hoch. Immerhin: Karl Lauterbach erntet mal keine Buhrufe.

Auch dabei: Karl Lauterbach geht mit seiner Freundin, der Journalistin Elisabeth Niejahr, am Eröffnungsabend der Berlinale über den Roten Teppich.
Monika Skolimowska/dpaDiverser, bunter, vielfältiger ist es auf dem Roten Teppich auf jeden Fall geworden, von Ricardo Simonetti über viele PoCs, die am Turnersyndrom leidende Schauspielerin ChrisTine Urspruch und der unvermeidliche Lars Eidinger im Rock. Aber natürlich ist es vor allem auch das Klassentreffen des deutschen Films, von Hannah Herzsprung, Jella Haase, Anna Brueggemann, Alexandra Maria Lara, Heike Makatsch und Emilia Schüle über Jürgen Vogel, Alexander Scheer, Robert Stadlober und Christian Friedel bis hin zu Ulrich Mattes, Iris Berben und Christiane Paul. Die Elevator Boys sind dabei, die neue Leitung des Filmfestivals in Cannes, und natürlilch die internationale Jury rund um Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o, die sagt, als erste schwarze Jurypräsidentin in Berlin stolz darauf zu sein, Symbol eines Fortschritts zu sein.
Dass diese Berlinale, gewollt oder ungewollt, besonders politisch werden würde, war spätestens seit der Diskussion über die Ein- und Ausladung von fünf AfD-Politikern zur Eröffnung der Internationalen Filmfestspiele klar. Das Filmfestival hatte sie nach internationaler Kritik wieder ausgeladen. Regisseur Christian Petzold äußerte sich am Donnerstag dazu.
„Ich denke, es ist kein Problem, fünf Personen von der AfD im Publikum zu haben“, sagte der 63-Jährige, der zur Berlinale-Jury gehört. „Wir sind keine Feiglinge. Wenn wir es nicht aushalten, dass fünf Personen von der AfD im Publikum sitzen, werden wir unseren Kampf verlieren.“
„Hass steht nicht auf der Gästeliste“
Deshalb ist es auch Mariette Rissenbeek, der Geschäftsführerin der Berlinale, wichtig, in einer sehr ernsten Ansprache noch einmal deutlich zu erklären, warum die Berlinale die unbequeme Entscheidung getroffen hat, die fünf AfD-Abgeordneten wieder auszuladen: Ihr Festival habe viel Platz für Diskussionen, aber keinen Platz für Hass: „Hass steht nicht auf unserer Gästeliste“.
Sie wünscht sich Solidarität auf dem Festival, empathisch und differenziert. Und sie zitiert Artikel 1 der Allgemeinen Eeklärung für Menschenrechte: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“

Die letzte Eröffnung für die beiden: Das Leitungs-Duo der Berlinale, Mariette Rissenbeek, Geschäftsführerin, und Carlo Chatrian, künstlerischer Direktor, gehen am Eröffnungsabend der Berlinale
Gerald Matzka/dpaDoch bei den vielen Beschwörungen, wie sie etwa auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Die Grünen) und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ins Publikum riefen, hat man am Ende doch das Gefühl, dass man gern auch etwas mehr über Filme und etwas weniger über politische Differenzen und Appelle gehört hätte.
Jede Menge Stoff für Diskussionen in der Jury
Auch sonst kann sich die Internationale Jury auf einige Diskussionen gefasst machen. Jury-Präsidentin, Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o, hat die Jury eine „spicy Jury“, eine gut gewürzte Jury, genannt und betont: „In den 48 Stunden, die ich hier bin, ist es eines der Dinge, die immer wieder erwähnt werden: wie politisch die Berlinale ist.“
Auch der Krieg in der Ukraine ist Thema. Diskussionen gab es am Donnerstag über einige als Putin-freundlich kritisierte Aussagen des spanischen Regisseurs und Jurymitglieds Albert Serra. Das ist nicht zuletzt deshalb brisant, weil in der Jury auch die ukrainische Autorin und Putin-Kritikerin Oksana Sabuschko sitzt.

48 Stunden in Berlin und viele politische Fragen: Lupita Nyong'o, Präsidentin der Internationalen Jury der Berlinale 2024
Monika Skolimowska/dpaDiese erzählt bei der Eröffnung am Abend, wie sie am Morgen just vor Beginn der Pressekonferenz die Nachricht eines Bombadements erhielt und dann mit den Fotografen konfrontiert war, die um ihre Aufmerksamkeit buhlten: „Wenn ich jemals einen Film drehen würde, würde ich diese Szene mit ihren zwei Realitäten unbedingt einbeziehen.“



