Berlinale 2025
: Alle Filme des Wettbewerbs – und wer Chancen auf Preise hat

19 sehr unterschiedliche Filme buhlen am 22.2. um den Goldenen und die Silbernen Bären der Berlinale-Jury. Wer die Nase vorn haben könnte.
Von
Boris Kruse,
Barbara Breuer
Berlin
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Margaret Qualley und Ethan Hawke in Blue Moon

Nostalgiches US-Kino: Margaret Qualley und Ethan Hawke in Blue Moon

Sabrina Lantos/Sony Pictures Classics
  • Berlinale 2025: 19 Filme im Wettbewerb um Goldene und Silberne Bären.
  • Festival unter neuer Leitung von Tricia Tuttle, bisher 285.000 Tickets verkauft.
  • Vielfältige Filme: von Liebesgeschichten über Migration bis zu Kriegsdokumentationen.
  • Erwartete Highlights: "Blue Moon" mit Ethan Hawke, "Living The Land" und "Hot Milk".
  • Preisverleihung am 22.02.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Seit Jahren geht das so: Besucher und Fachpublikum lästern zunächst über den vermeintlich schwachen Berlinale-Jahrgang. Das Jammern über die Auswahl ist vermutlich so alt wie das Festival selbst. Und die Schmähkritik übersieht, dass manche Filme ihren Reiz eben erst auf den zweiten Blick entfalten.

Weil sie komplexe Themen verhandeln, weil sie oft den Anschein erwecken, das politisch-gesellschaftliche Engagement über das Erzählerische zu stellen, oder weil sie schlicht anspruchsvoll erzählt sind.

Die Berlinale 2025 bleibt ihrer Kernkompetenz treu

Auch in diesem Jahr hat die Festivalleitung nicht davor zurückgeschreckt, sperrige Filme mit Bezug zum Zeitgeschehen auszuwählen. Die Berlinale bleibt ihrer Kernkompetenz treu. Aber es sind doch auch Filme vertreten, die ganz anders funktionieren, die zugänglicher sind - sinnlich, emotional, berührend.

Jedenfalls wirkt sich positiv auf die 2025er-Berlinale aus, dass die Sparte „Encounters“ wieder in der Versenkung verschwunden ist. Erzählungen mit ungewöhnlichen Perspektiven, wie Tuttles Vorgänger Carlo Chatrian sie damit fördern wollte, finden jetzt auch wieder im Wettbewerb statt.

Die Berlinale 2025 ist ein voller Erfolg

Zumindest in Punkto Publikumszuspruch entwickelt sich die erste Berlinale unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle zu einem Erfolg, das kann jetzt schon bilanziert werden. Bis zum Mittwochmorgen seien bereits mehr als 285.000 Tickets verkauft worden, teilten die Berliner Festspiele mit - 14.000 mehr als im Vorjahreszeitraum.

Am Sonnabend (22.02.) steht dann die künstlerische Bilanz an: Dann werden die Bären an die besten Filme, Darsteller, Drehbuchautoren und Regisseure vergeben.

Höchst unterschiedliche Beiträge auf der Berlinale 2025

Der diesjährige Wettbewerb vereint 19 höchst unterschiedliche Beiträge - von der Geschichte über das erste Verliebtsein über die Themen Flucht und Migration bis zur Dokumentation über das Kriegsland Ukraine ist vieles dabei.

Auch einige kuriose Genrefilme sind dabei - Mystery- und Gruselfilme, ein Roadmovie und ein Agentenfilm, Dytopien und psychologische Kammerspiele. Selten waren die Wettbewerbsbeiträge so schwer miteinander zu vergleichen. Ein wirklicher Themen-Schwerpunkt ist nicht auszumachen. Wohl aber einige Tops und Flops.

„Living The Land“

Der zehjährige Vhuang (l.) wächst bei Verwandten in einem Dorf auf, weil seine Eltern für die Arbeit in eine großenStadt gegangen sind.

Der zehjährige Vhuang (l.) wächst bei Verwandten in einem Dorf auf, weil seine Eltern für die Arbeit in eine großenStadt gegangen sind.

Floating Light (Foshan) Film and Culture

Eine filmische Exkursion in das China der 1990er: Das Dorfleben ist im Umbruch. Die Erwachsenen ziehen vom Land in die Stadt, um Geld zu verdienen. Zurück bleibt, wer Verpflichtungen hat, sich um die alten Eltern kümmert oder um die Kleinkinder. Doch egal, wie sehr die Bauern schuften. Zum Überleben reicht es kaum. Deshalb werden Ehen auch als Zweckgemeinschaften geschlossen und nicht aus Liebe…

Einfühlsames Porträt einer Generation im Umbruch zwischen Tradition und Moderne. „Living The Land“ (Original: „Sheng xi zhi di“) ist eine langsam und in schönen Bildern erzählte Geschichte mit Respekt vor und Empathie für die Menschen.

„Hot Milk“

Vicky Krieps und Emma Mackey

Selbstbewusst trifft auf fragil: Vicky Krieps (l.) und Emma Mackey spielen eine flüchtige Sommerliebe, in der es nicht ohne Verletzungen abgeht.

Nikos Nikolopoulos

Rose und ihre erwachsene Tochter Sofia sind ein gutes Team. So sieht es jedenfalls aus. Die Mutter im Rollstuhl, die Tochter von klein auf daran gewöhnt, die Mama zu unterstützen. Zusammen reisen sie ans Meer, wo Rose noch ein letztes Mal versuchen will, sich heilen zu lassen. Doch ist sie wirklich gehbehindert wegen körperlicher Gebrechen? Der Arzt zweifelt daran und bald auch Sofia. Zeit für Rose, sich ihrer traumatischen Vergangenheit zu stellen.

Aus einer spannenden Perspektive erzählt dieser Beitrag von einer Mutter-Tochter-Beziehung, in der die Rollen vertauscht zu sein scheinen. Bis eine plötzliche Wendung einen ganz neuen Blickwinkel zulässt. Die konfuse Gefühlswelt von Sophia wird aber noch zusätzlich durcheinandergewirbelt durch eine Sommer-Romanze, die sie mit einer unbekannten Fremden namens Ingrid anknüpft.

Auch sie hat Schuld auf sich geladen und sehnt sich nach Absolution. Und Sophia merkt, dass sie lernen muss, für sich selbst gute Entscheidungen zu treffen, und sich abzugrenzen. Ein flirrender Sommerfilm, der entfernt an den französischen Filmemacher Eric Rohmer (1920-2010) erinnert.

„Blue Moon“

Regisseur Richard Linklater

Regisseur Richard Linklaterwidmet sich in „Blue Moon“ mit seinem Hauptdarsteller Ethan Hawke der goldenen Zeit des Broadway-Musicals

David Rice

Ein echtes Highlight im Wettbewerb ist Richard Linklaters („Boyhood“) minimalistisch inszenierter Beitrag „Blue Moon“ über den frühverstorbenen Broadway-Songtexter Larry Hart (1895-1943). In der Musikgeschichte gilt das Duo Richard Rogers/Oscar Hammerstein als eines der erfolgreichsten Songwriter-Suos überhaupt, jedenfalls als das erfolgreichste vor John Lennon und Paul McCartney.

Viele unsterbliche Musicals und Melodien des Great American Songbook stammen aus der Feder dieser beiden, deren Kollaboration im Jahr 1943 begann. Doch bevor sie gemeinsam loslegten, hat der Pianist und Komponist Richard Rogers (1902-1979) schon jahrelang mit einem anderen Texter zusammengearbeitet und ebenfalls dutzende Musicals hervorgebracht: eben mit Larry Hart.

„Blue Moon“, benannt nach einem Songtext von Hart, zeigt das poetische Genie einige Monate vor seinem Alkoholtod. Die Handlung ist konzentriert auf einen einzigen Abend in einer New Yorker Bar: am Premierenabend des ersten Stückes von Rogers und Hammerstein. Wir erleben einen ausgebooteten und mit der Situation hadernden Larry Hart, einen Star auf dem absteigenden Ast, der noch dazu unsterblich und hoffnungslos in eine 20-jährige Studentin (Margaret Qualley) verliebt ist.

Der Film ist in seinem Ablauf selbst angelegt wie ein Jazz-Standard: Es ist eine überaus virtuose Improvisation über eine vorgegebene, wohlbekannte Grundstruktur. Und das ist hier die Konstellation aus einem Barpianisten, einem Barkeeper, ein paar Drinks - und einem charmant-eloquenten Alkoholiker, der seinen Witz nicht verloren hat. Eine unkaputtbare Kombination. Man könnte diese Handlung mit ganz wenigen Anpassungen auch auf einer Theaterbühne spielen, starke Darsteller wie eben Ethan Hawke vorausgesetzt.

Es wäre eine schlimme Unterlassungssünde, diesem Kammerspiel, das das Publikum direkt in die goldenen Jahre des Broadway-Musicals entführt, nicht einen der Bären zu geben, ob nun für Drehbuch, Regie oder den Hauptdarsteller.

„Dreams“

Isaac Hernández (v. l.), Rupert Friend und Jessica Chastain in Dreams

Isaac Hernández (v. l.), Rupert Friend und Jessica Chastain in „Dreams“

Teorema

Leidenschaftlichen Sex haben Jennifer und Fernando immer, wenn sie sich treffen – und das ist in Mexico. Dort verwaltet die Millionärstochter Jennifer ein Tanzprojekt der Stiftung ihres Vaters. Fernando indes ist ein Begünstigter, ein talentierter Tänzer, dem die leidenschaftliche Frau aus gutem Hause den Kopf verdreht hat. So sehr, dass er sich auf den gefährlichen Weg in die USA macht.

In San Francisco angekommen, geht es auch sofort wieder ins Bett. Doch von da aus nicht wirklich weiter: Sie hat die Macht, das Geld und weiß, wie die USA funktionieren. Er will sich mit ihr zeigen, Teil der Familie werden und als Ballett-Tänzer erfolgreich sein. Das war von Jennifer so nie gewollt …

Erbarmungslos, später auch brutal erzählt Michel Franco davon, wie soziale Unterschiede Liebe und Leidenschaft eiskalt töten. Leider bleiben dabei bis auf die Hauptfiguren alle blass und auch die Identifikation mit dem anfangs glücklichen Pärchen will nicht recht gelingen. Kann man sich anschauen, muss man aber nicht. Denn Michel Franco kann es besser.

„Ari“

Sieht sich als Lehrer als gescheitert: der 27-jährige Ari

Sieht sich als Lehrer als gescheitert: der 27-jährige Ari

Geko Films/Blue Monday Productions/Arte France/Pictanovo/Wrong Men

Die Geschichte eines jungen Lehrers (Andranic Manet), der mit seinem einstigen Wunschberuf nicht klarkommt und alles hinschmeißt. Er fällt aus seiner alten Welt heraus - und versucht, den Kontakt zu anderen Seiten seines früheren Lebens wieder anzuknüpfen. Regisseurin Léonor Serraille zeigt einen jungen Mann in der Krise, der sein Heil einstweilen in Fluchtbewegungen zu finden hofft. Damit wird er zum Wiederholungstäter. Denn erhat zuvor schon eine Beziehung beendet, als seine damalige Freundin schwanger wurde. Einfühlsam.

„La Tour de Glace“

Marion Cotillard in La Tour de Glace

Marion Cotillard (im weißen Kleid) in „La tour de glace“

3B-Davis-Sutor Kolonko-Arte-BR

Teenager Jeanne läuft weg aus dem Waisenhaus in den verschneiten Bergen, in dem sie seit dem Suizid ihrer Mutter lebt. Sie ist eine Suchende nach Liebe, nach Kontakt zu Gleichaltrigen, nach dem wahren Leben. Sie übernachtet zufällig in einem Keller, der zu einem Filmstudio gehört. Dort gibt die alternde Filmdiva Cristina gerade die Schneekönigin. Jeanne macht sich erst als Komparsin nützlich, steigt dann auf bis zur Nebenrolle. Ganz allmählich verfällt sie dabei ihrem Idol Cristina. Die lockt das junge Mädchen mit Versprechungen, die sie nicht halten wird… Vorsicht: Kein Film für Kinder!

„La tour de glace“ ist ein krudes Märchen, bei dessen Finale es einem eiskalt den Rücken herunterläuft. Neben Marion Cotillard glänzt Clara Pacini in ihrer ersten Hauptrolle. Vielleicht bekommt sie dafür ja einen Bären?

„If I Had Legs I`d Kick You“

Rose Byrne spielt eine entnervte Mutter

Rose Byrne spielt eine entnervte Mutter

Logan White

Linda kann nicht mehr. Eine chronisch kranke Tochter mit unklarer Diagnose, ihr abwesender Ehemann, der als Kapitän Geld verdient und der auslaugende Job als Therapeutin. Der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist die Decke, die plötzlich nach einem Wasserrohbruch im Wohnzimmer runter kommt. Von da an geht es nur noch bergab. Linda, die sonst alles fest im Griff hat, dreht durch, ganz allmählich, bis zum großen Finale.

Ihr dabei zuzuschauen, tut weh. Am liebsten möchte man auf die Leinwand steigen und ihr schnell dies oder jenes abnehmen. Das ist vor allem dem glaubwürdigen Spiel von Rose Byrne zu verdanken. Sie wechselt blitzschnell zwischen Hysterie und kontrollierter Freundlichkeit, wie es nur wenige hinbekommen.

Zuschauern ist sie aus dem TV-Film „Plötzlich Familie“ bekannt. Dort hat sie bereits einen Vorgeschmack ihres Könnens geliefert, den sie nun noch einmal toppt. Kein Bärenkandidat, aber dennoch ein sehenswerter Film.

„Girls On Wire“

Schwesterliebe trifft auf Gangsterdrama. Als Tochter eines drogenabhängigen Vaters wächst Tian Tian Seite an Seite mit ihrer Cousine Fang Di auf, die sie Schwester nennt. Der Vater treibt mit seiner Sucht die ganze Familie an den Rand des Ruins, zwingt seine Tochter zu betteln und bedroht Jahre später sogar das Enkelkind. Nach seiner Festnahme wird Tian Tian von den Drogenbossen für die der Vater gearbeitet hat, abhängig gemacht und bedroht.

Nach Jahren der Trennung wendet sie sich an ihre Schwester. Obwohl der Film logisch nicht einwandfrei ist und viele Fragen aufwirft ist er eine spannende Hymne auf Familie und Zusammenhalt in schwierigen Zeiten – schwarzer Humor inklusive. Eines der Highlights im sonst eher langweiligen Wettbewerb.

„Was Marielle weiß“

Laeni Geiseler als Marielle. Das Mädchen hat plötzlich, nach einer Ohrfeige, übersinnliche Fähigkeiten: Marielle erlebt alles mit, was ihre Eltern tun.

Laeni Geiseler als Marielle. Das Mädchen hat plötzlich, nach einer Ohrfeige, übersinnliche Fähigkeiten: Marielle erlebt alles mit, was ihre Eltern tun.

Alexander Griesser

Eine schöne Überraschung ist die deutsche Produktion „Was Marielle weiß“ über ein Mädchen (Laeni Geiseler), das plötzlich übersinnliche hellseherische Fähigkeiten entwickelt und alles vor ihrem geistigen Auge miterlebt, was ihre Eltern (Julia Jentsch, Felix Kramer) tun und sagen. Ihre Mutter erwischt sie beim peinlich-intimen Flirt mit einem Kollegen, ihren Vater entzaubert sie als wenig durchsetzungsfähigen Mann, der auf der Arbeit im Buchverlag auch Niederlagen einstecken muss, was er daheim verschweigt.

Gut gespielt, auf bissige Art humorvoll, offenbart dieser Film die Abgründe, Frustrationen und kleinen Alltagslügen des fade sich anfühlenden Familienlebens saturierter Eltern, die neben der Karriere sich selbst verloren haben. Der Film von Frédéric Hambalek bleibt im Vergleich mit anderen Beiträgen ob seiner Fernsehfilm-Erzählweise aber doch nicht so richtig hängen.

War diese kluge Familien-Psycho-Komödie im großen Wettbewerb der Berlinale wirklich richtig aufgehoben?

„Kontinental 25“

Die Gerichtsvollzieherin Orsolya (Eszter Tompa) hadert mit ihrer Schuld.

Die Gerichtsvollzieherin Orsolya (Eszter Tompa) hadert mit ihrer Schuld.

Radu Jude

Der Berlinale-Preisträger von 2021, Radu Jude („Bad Luck Banging or Loony Porn“), erzählt in seinem neuen Film die Geschichte einer Frau in einem moralischen Notstand. Die Gerichtsvollzieherin Orsolya (Eszter Tompa) lässt die Kellerkammer eines Wohnungslosen räumen. Der begeht daraufhin Selbstmord.

In ihrem verzweifelten Bemühen, die Geschehnisse zu verarbeiten und mit ihrer Schuld klarzukommen, wählt sie unterschiedliche Wege: Rückzug von ihrer Familie, seelischen Beistand bei der Kirche, hedonistischen Eskapismus. Auch hier erzählt der rumänische Kult-Regisseur Jude wieder eine schräge, schwarzhumorige Parabel über die Absurdität des Alltags in einer bornierten, noch dazu postsozialistischen Gesellschaft.

Die Art, wie der Regisseur seine Protagonistin immer wieder ins Leere laufen lässt, ist ganz großer absurder Humor. Immer wieder brechen hier noch dazu alte Verhärtungen auf, zum Beispiel Ressentiments zwischen Ungarn und Rumänen - der Film spielt in den vormals ungarischen Teilen von Siebenbürgen/Transsilvanien, in der Stadt Cluj Napoca. Judes nächster Film, der bereits weitgehend fertig ist, wird übrigens eine „Dracula“-Bearbeitung, zum Teil mit demselben Team gedreht. Man darf gespannt sein.

„Blue Trail“

Überflüssige Menschen? The Blue Trail erzählt von einer Gesellschaft, in der die Senioren in separierten Kolonien einquartiert werden.

Überflüssige Menschen? „The Blue Trail“ erzählt von einer Gesellschaft, in der die Senioren in separierten Kolonien einquartiert werden.

Guillermo Garza/Desvia

Selten haben die internationalen Filmkritiker so einhellig geurteilt: „Blue Trail“ steht bei den meisten von ihnen hoch im Ansehen. Es handelt sich um einen dystopischen tragikomischen Film aus dem Amazonasgebiet, der eine Gesellschaft beschreibt, in der die Alten schlicht aussortiert und in Kolonien gesteckt werden, damit sie den Jüngeren nicht im Weg stehen. Die 77-jährige Tereza begehrt dagegen auf - und entflieht in den wilden Amazonaswald. Regisseur Gabriel Mascaro stimmt nicht nur nachdenklich, er liefert auch beeindruckende Bilder.

„Yunan“

Eine ungewöhnliche Meditation über die Folgen von Flucht ist „Yunan“, ein Film des 33 Jahre alten Regisseurs Ameer Fakher Eldin, der in Deutschland lebt und syrische Wurzeln hat. Sein Protagonist Munir (Georges Khabbaz) wird getrieben von peinigenden Erinnerungen an eine namenlose Heimat irgendwo in der arabischen Welt. Die Menschen dort – eine einfach lebende Hirtenfamilie, gespielt unter anderem von Sibel Kekilli – tragen lange Gewänder, die in keine Gegenwart zu passen scheinen.

Georges Khabbaz und Hanna Schygulla

Munir (Georges Khabbaz) findet durch seine Begegnung mit der Wirtin Valeska (Hanna Schygulla) seinen Lebenswillen wieder.

Red Balloon Film, Productions Microclimat, Intramovies

Munir, der in einer deutschen Großstadt lebt, leidet an offenkundig psychosomatisch bedingter Atemlosigkeit. Auf der Hallig Langeneß in der Nordsee will er seinem Leben ein Ende bereiten. Dort, in der Abgeschiedenheit der unwirtlichen Nordsee-Küstenlandschaft, lernt er aber eine pragmatische Wirtin (Hanna Schygulla) kennen, die ihn innerlich wieder aufrichtet.

Phasenweise sieht es so aus, als würde der seltsam im Ungefähren schwebende Film eine Geschichte über Fremdenfeindlichkeit in Deutschland erzählen. Tatsächlich funktioniert der Film dann aber eher wie eine zweifache ethnographische Beschreibung, die das einfache Hirtenleben in Munirs undefiniertem Herkunftsland mit der Höfegemeinschaft auf der entlegenen Hallig parallelisiert. Das ist interessant, aber ein wenig mehr Information zu den Figuren und insbesondere zu Munir wäre hilfreich gewesen.

Es gibt eindringliche bis dramatische Landschaftsaufnahmen, nebenbei eine (stark klischeebeladene) Charakterzeichnung norddeutscher Küstenbewohner – da sitzen faltige Männer mit Kapitänsmütze bei Bier und Schnaps in der Dorfkneipe zusammen und fachsimpeln über die steife Brise, die da wieder mal über die Hallig fegt. „Yunan“ läuft nicht immer rund und hat Längen, erzeugt aber ein starkes Gefühl der Verlorenheit und des Ringens mit dem Heimatverlust.

„Dreams (Sex Love)“

Eine außergewöhnliche Nähe: Die Französischlehrerin und Künstlerin Johanna (Selome Emnetu, l.) löst unerwartete Gefühle in der Schülerin Johanne aus.

Eine außergewöhnliche Nähe: Die Französischlehrerin und Künstlerin Johanna (Selome Emnetu, l.) löst unerwartete Gefühle in der Schülerin Johanne (Ella Øverbye) aus.

Agnete Brun

Das gibt es glücklicherweise immer wieder auf der Berlinale: Coming-of-Age-Geschichten, die den Zauber und die volle Wucht des unerwarteten Verliebtseins mit Empathie einfangen. So etwa der norwegische Beitrag „Dreams (Sex Love)“ (Original: „Drommer“) von Dag Johan Haugerud. Es ist der zweite Teil einer Trilogie des Regisseurs über zwischenmenschliche Beziehungen und sexuelle Identitäten, deren erster Teil im Vorjahr auf der Berlinale lief.

Jetzt erzählt Haugerud die Geschichte der Teenagerin Johanne (Ella Øverbye), die sich schwer in ihre junge Französischlehrerin (Selome Emnetu) verliebt. Der von vier starken Darstellerinnen getragene Film - neben dem „odd couple“ sind das die Mutter und die Großmutter von Johanne - verhandelt nebenbei auch einen Generationenkonflikt.

Er nimmt sich Zeit, die Gefühlswelt von Johanne, die hier über weite Strecken auch Erzählerin ist und die ihre Erlebnisse schriftlich festhält, zu erkunden. Haugerud zeigt auf einfühlsame Weise, dass Kategorien wie Feminismus, Empowerment oder Macht und Missbrauch nicht hinreichen, um dem unsagbar starken Gefühl einer jäh aufflammenden Liebe auch nur irgendwie beizukommen.

„Reflet dans un diamant mort“

Eine Hommage an den Agentenfilm der 1960er- und 1970er-Jahre hat das Regie-Duo aus Hélène Cattet und Bruno Forzani in den Wettbewerb geschickt. Der Held ist ein ehemaliger Spion (Fabio Testi), der sich in Südfrankreich zur Ruhe gesetzt hat.

Plötzlich sind seine alten Qualitäten wieder gefragt - zumindest sieht er das so - als seine Nachbarin verschwindet. Kritiker beachteten vor allem die actiongeladene Handlung und einen schnellen, virtuosen Schnitt im Stile eines Videospieles. Ein Film für Fans des Genres, aber wohl eher ein Außenseiter im Kampf um die Bären.

„La Cache“

Draußen toben die Studentenproteste des Mai 1968, drinnen nimmt ein turbulentes Familienleben seinen Lauf: Die Darsteller William Lebghil, Michel Blanc, Ethan Chimenti, Dominique Reymond und Aurélien Gabrielli spielen eine vertraute Gemeinschaft, die seit vielen Jahren ihr Safe House in der Rue de Grenelle in Paris hat.

Draußen toben die Studentenproteste des Mai 1968, drinnen nimmt ein turbulentes Familienleben seinen Lauf: Die Darsteller William Lebghil, Michel Blanc, Ethan Chimenti, Dominique Reymond und Aurélien Gabrielli spielen eine vertraute Gemeinschaft, die seit vielen Jahren ihr „Safe House“ in der Rue de Grenelle in Paris hat.

Veronique Kolber

Ein leichterer, komödiantischer Beitrag und dennoch ein cineastischer Leckerbissen ist der Film „La Cache“ (englischer Titel: „The Safe House“) von Lionel Baier. Darin wird die Geschichte einer Arztfamilie in Paris erzählt, die die Studentenunruhen des Jahres 1968 miterlebt. Vier Generationen sind in dem bildungsbürgerlichen, liberalen Haus.

Die historischen Ereignisse, die ihren geistigen Horizont geprägt haben, reichen bis in die Zeit weit vor dem Zweiten Weltkrieg zurück. Lionel Baier hat hier sehr frei und sehr verspielt und musikalisch einen autobiographischen Roman von Christophe Boltansky verfilmt – mit den überdrehtesten erzählerischen Mitteln der Nouvelle Vague.

Fast ist es, als hätten Jean-Luc Godard oder Francois Truffaut dem Projekt als ästhetische Berater zur Seite gestanden. Wenn es einen Bären für das Produktionsdesign gäbe – hier wäre der geeignete Kandidat. Das Paris der 1960er-Jahre wird lebendig.

„Mother`s Baby“

Claes Bang und Marie Leuenberger in Mother`s Baby

Claes Bang und Marie Leuenberger in „Mother`s Baby“

FreibeuterFilm

Überraschend und irritierend ist der österreichische Film „Mother`s Baby“ von Johanna Moder. Die Geschichte einer Mutter (Marie Leuenberger), die mit ihrem Baby fremdelt, wächst sich zu einer handfesten Psycho-Grusel-Höllentour aus. Der Zuschauer wird dabei gekonnt auf falsche (Gefühls-)Fährten gelenkt.

Dafür, dass der Zuschauer am Ende selbst seiner Intuition nicht mehr trauen kann und sich eine unheimliche Ambivalenz einstellt, sorgt nicht zuletzt der von dem Dänen Claes Bang verkörperte Chefarzt einer Privatklinik, die sich auf Kinderwünsche spezialisiert hat. Interessant, packend, düster, beunruhigend, und sehr gut gespielt. Aber eine Trophäe für diesen Beitrag wäre eher eine Überraschung.

„El Mensaje“

Anika (Anika Bootz) posiert für Werbefotos im Internet, mit denen ihre Pflegemutter (Mara Bestelli) auf ihre Gabe, mit Tieren kommunizieren zu können, aufmerksam machen will.

Anika (Anika Bootz) posiert für Werbefotos im Internet, mit denen ihre Pflegemutter (Mara Bestelli) auf ihre Gabe, mit Tieren kommunizieren zu können, aufmerksam machen will.

Iván Fund, Laura Mara Tablón, Gustavo Schiaffino / Rita Cine, Insomnia Films

Der in Venezuela geborene und in Argentinien lebende Regisseur Iván Fund steuert einen langsam erzählten Film mit ungewöhnlichem Sujet zum Wettbewerb bei: „El Mensaje“ („The Message“) handelt von dem Mädchen Anika (Anika Bootz) reist mit ihren Großeltern in einem Wohnmobil durch Argentinien, weil sie, wie es heißt, eine besondere

Gabe hat: Sie kann angeblich mit Tieren kommunizieren, wie alle Frauen aus ihrer Familie. Damit verdienen die Pflegeeltern ihren bescheidenen Lebensunterhalt. Denn Annikas Mutter lebt in einer psychiatrischen Anstalt. Der handlungsarme Streifen ist in beeindruckenden Schwarz-Weiß-Bildern gefilmt, die die argentinische Pampa mit ihren endlos weiten Maisfeldern und Weiden gekonnt in Szene setzt.

So richtig in Fahrt kommt dieses Roadmovie dennoch nicht. Denn die Handlung verharrt in ermüdender Beobachtung, wo sie doch eine scharfsinnige Studie über Kindesmißbrauch oder mentale Gesundheit hätte werden können.

„Strichka Chasu“

Ein Hauch von Normalität: Schulunterricht irgendwo in der Ukraine, mitten in den Zeiten des russischen Angriffskrieges

Ein Hauch von Normalität: Schulunterricht irgendwo in der Ukraine, mitten in den Zeiten des russischen Angriffskrieges

Oleksandr Roshchyn

Ein ganzes Schuljahr in unterschiedlichen Teilen der Ukraine: Regisseurin Kateryna Gornostai begleitet den Schulalltag zwischen Bombentrümmern. Wir sind ganz nah dabei, wenn sich Kriegskinder im Unterricht in neuen Disziplinen wie Schießübungen, Evakuierung bei Alarm und der Erstversorgung Verletzter bewähren müssen.

Manche der Schulen, die Gornostai im Laufe des Jahres immer wieder besucht, liegen hunderte Kilometer von der Front entfernt. Manche knapp dahinter. Und viele der Kinder haben bereits Begegnung mit dem Tod naher Angehöriger gemacht.

Die Szenen sind klug geschnitten; ohne auf einfache Regietricks zu setzen, zieht diese traurige Ukraine-Rundreise, die zwischen Sommer 2023 und Herbst 2024 gedreht wurde, das Publikum emotional immer tiefer in den Abgrund des Krieges hinein. Ein starker Dokumentarfilm, der seine Wirkung nicht verfehlt.

„What Does That Nature Say To You“

Angespannte Stimmung: Ha Seongguk und Soyi Kang als Paar beim ersten Elternbesuch

Angespannte Stimmung: Ha Seongguk und Soyi Kang als Paar beim ersten Elternbesuch

Jeonwonsa Film Co.

Der südkoreanische Regisseur Hong Sangsoo schildert einen einzigen langen Tag, an dem eine junge Frau ihren Freund, einen armen Dichter, nach drei Jahren Beziehung endlich ihren Eltern vorstellt. Sie verbringen die Zeit im großzügigen Haus der Eltern mit Gesprächen und Essen. Das Idyll kann nicht von Dauer sein, denn hier prallen unterschiedliche Werte aufeinander ...

Die Langatmigkeit und wiederholte Gesprächsmuster werden hier zum Konzept. Wer durchhält, wird mit schrägem Humor belohnt. Für europäische Augen ist dieser Film auch eine Lehrstunde in Sachen kulturelle Unterschieden. Einzigartig, aber nicht unbedingt ein Bären-Kandidat.

Die Internationale Jury

Präsident: Todd Haynes, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent (USA)

Nabil Ayouch, Regisseur (Marokko/Frankreich)

Fan Bingbing, Schauspielerin (Volksrepublik China)

Bina Daigeler, Kostümbildnerin (Deutschland)

Rodrigo Moreno, Regisseur (Argentinien)

Amy Nicholson, Filmkritikerin und Autorin (USA)

Maria Schrader, Schauspielerin und Regisseurin (Deutschland)

Berlinale 2025: Infos zum Programm und Publikumstag

Die 75. Internationalen Filmfestspiele enden am Sonntag (23.02.) mit einem Publikumstag. Gesamtes Programm und Tickets unter www.berlinale.de