Rätselhafte Blicke. Sehnsuchtsvoll, manchmal abgründig. Verschwenderische, tiefdunkle Kleckse und hauchdünne, hastige Linien fließen zu weit aufgerissenen Augen und verzerrenden Lippen ineinander. Gesichter von enormer Ausdrucksstärke fixieren den Betrachtenden. Ein wenig erinnern sie an Rorschachtests. Und ähnlich wie die Tintenklecksbilder werfen sie die Frage auf, ob die Physiognomie nicht doch in die Seele einer Person blicken lässt? Auf diese Porträts scheint es zuzutreffen – und das, obwohl für sie niemand Porträt stand.

Als Schüler kritzelte er Karikaturen

Seit er sich erinnern könne, male er, sagt Daniel Becker. Und seit er malt, bringt er Köpfe aufs Papier. Als Schüler kritzelte er während des Unterrichts Karikaturen seiner Lehrer ins Heft. Und statt es den übrigen Sprayern mit Style-Writing gleichzutun, widmete er sich in seiner jugendlichen Graffiti-Phase lieber Charakteren. „Gesichter fallen mir leicht“, erklärt Becker. „Aber ich wollte mit der Form spielen, reduzieren. Wie viel beziehungsweise wie wenig braucht es, um ein Gesicht darzustellen?“ Über Jahre experimentierte der Fürstenwalder Künstler mit verschiedenen Techniken, fertigte Grafiken, formte Plastiken. Am Ende stand die mehrteilige Grafikserie „Niemand“.
Für einen Ausschnitt der Serie erhielt Daniel Becker den Brandenburgischen Kunstpreis. Gerechnet habe er damit nicht, gesteht der 42-Jährige beim Besuch in der Kunstgalerie Altes Rathaus in Fürstenwalde. Als Kurator verantwortet er seit einigen Jahren die dort präsentierten Ausstellungen. Becker kennt den Kunstbetrieb. Er weiß, wie präsent manche Künstler*innen sind. Dass seine Bewerbung – eine Werkschau zum 40. Geburtstag ausgenommen – nur eine Ausstellung aus dem Jahr 2007 listete, schien ihm da fast frech. „Denkbar schlechte Voraussetzung für künstlerische Anerkennung, oder etwa nicht?“ Doch der Jury reichte seine Grafikarbeit vollkommen.

Seine frühen Aquarelle sind ihm heute peinlich

Wer seine damaligen Ausstellungen besuchte, dürfte Beckers Kunst kaum wiedererkennen. Zu anders seien seine früheren Werke gewesen, sagt der Maler fast peinlich berührt. „Damals hatte ich eine schlimme Aquarell-Phase. Ich hielt mich an einem Sujet fest, malte Landschaften und Stillleben.“ Doch die Bindung am Realistischen habe ihn schnell gelangweilt. Auch die Nähe zu künstlerischen Vorbildern war Becker nicht eigenständig genug. Er fing an, größere Leinwände zu bemalen, zu abstrahieren. Nach und nach löste er sich vom Figurativen – und fand so zu seiner eigenen Kunstsprache. Seinen Stil zu beschreiben, fällt ihm dennoch schwer. „Ganz zart und ganz ruppig, auch mal beides kombiniert“, sagt Becker nach reiflicher Überlegung. Nichts sei gewollt oder gekünstelt.
Absicht oder gar einen Plan sucht man in dieser künstlerischen Entwicklung vergeblich. Auch Brüche oder klare Grenzen, die ein Vorher von einem Nachher trennen, fehlen. Es sind organische Veränderungen, die sich unter Beckers Händen vollziehen. Als essenzielles Element dieses Prozesses identifiziert der Fürstenwalder den Zufall. Diesen „arbeiten zu lassen“, sei stets das Ziel. „Man muss nur rausfinden, wie man den Zufall minimal steuern kann.“

„Der Fehler ist mein Freund“, sagt Daniel Becker

Becker ist kein Künstler, den eine Idee trifft wie ein Blitz. Keiner, der nicht ruht, ehe er seine Vision aufs Blatt bekommt. Ein Getriebener ist er trotzdem, jedoch einer mit permanenter Produktionslust. „Ich brauche Masse, ich muss produzieren.“ Er arbeite meist schnell, sagt der Fürstenwalder Künstler. Er brüte nicht über seiner Kunst oder stocke beim Malen. Und wenn doch: „Dann lieber nächstes Blatt.“ Im besten Fall gebe es einen Fluss, eine Arbeitswut. Dass dabei auch mal etwas schiefgeht? Umso besser. „Der Fehler ist mein Freund“, betont Daniel Becker. Gut sei es, wenn er am Ende aus 100 Blättern 20 auswählen könne, „um sie dann dicht gedrängt Wand füllend zu präsentieren, sodass das Einzelblatt völlig unwichtig ist.“
Der Luxus des Ausschusses, für Becker ist es ein junges Gut. Jahrelang hielt er sich als Freischaffender mit Auftragsarbeiten gerade so über Wasser. Er bemalte die Wände von Kindergärten, verkaufte über einen Webshop Karikaturen, gestaltete Werbung. Hilfreich war ihm dabei seine Ausbildung zum Grafikdesigner und das anschließende Design-Studium in Potsdam, das er allerdings mit 28 „erfolgreich abgebrochen“ hat. Dass er im Design verschwendet war und besser eine Kunsthochschule besucht hätte, das wussten nicht nur Beckers damalige Professoren. „Ich hatte völlig naiv gedacht, ich mache mein Abi, gehe raus und bewerbe mich. Ich gebe einfach meine Mappe ab und bin drin.“ Die Konkurrenz um die so raren wie begehrten Plätze an Kunsthochschulen hatte der damalige Abiturient unterschätzt. Und ein planvollerer Neuversuch mit Ende 20, zumal als frisch gebackener Vater, war für den stets in Fürstenwalde Gebliebenen keine Option.

Manchmal stellt er sich schon die Sinnfrage

Der eigenen, nicht durch die Vorstellungen von Auftraggebern kompromittierten Kunst blieb so nur wenig Raum. Und wenn sie doch ihren Weg in eine Ausstellung fand, hatte die Euphorie nur geringe eine Halbwertszeit. „Das war sehr viel Arbeit für kaum mehr als ein Schulterklopfen“, sagt Becker. „Applaus ist natürlich schön, aber danach kam das große Loch.“ Und gelegentlich, leise, sogar die Sinnfrage: Warum machst du das eigentlich? „Aber ich habe keine Wahl“, sagt Daniel Becker. „Ich muss.“ Dass er heute Kunst machen kann, ohne Kompromisse, ohne finanziellen Druck, hat nicht unwesentlich mit seiner Arbeit in der Fürstenwalder Kunstgalerie Altes Rathaus zu tun. Sie gab Becker die Freiheit, auch mal nein zu sagen und künstlerisch fragwürdige Aufträge abzulehnen.
Becker weiß um seine künstlerischen Fähigkeiten, arrogant, gar abgehoben ist er dennoch nicht. Im Gegenteil. An Exzentrikern, die ihre kreative Erhabenheit wie eine Monstranz vor sich hertragen, stört sich der Fürstenwalder. Er verstecke sich lieber und mache seine Kunst nur für sich. „Ich muss niemandem gefallen.“ Er müsse sein Werk auch nicht unbedingt zeigen. Eigentlich will Daniel Becker nur eines: „Machen.“
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