Brandenburgischer Kunstpreis 2023
: Helge Leiberg erhält den Ehrenpreis fürs Lebenswerk

Helge Leiberg ist viele Wege gegangen und hat vielen Künste gefrönt. Nun erhält er den Preis des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg. Geehrt wird eine zentrale Figur der ostdeutschen Kunst-Szene.
Von
Uwe Stiehler
Werbig
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Tanzen als Lebensthema: Helge Leiberg lässt sich inspirieren – auch von dem Gasthof in Werbig, wo er heute lebt und arbeitet.

Johann Müller

In einem Vorwort voll Esprit und literarischer Anmut, das Uwe Kolbe für eine besondere Ausgabe von John Barton Epsteins Langgedicht „Vega“ geschrieben hatte, findet sich auch dieser schöne Satz: „Was unserer aktuellen einheimischen Denk-Küche ziemlich tabu, hier wird es wiederaufgenommen für ein Gedeck feingeistiger Artistik.“ Mit dieser Sentenz hat Uwe Kolbe nicht nur den Dichter gestreichelt, sie passt auch gut zu den Gouachen von A.R. Penck und zu den Zeichnungen von Helge Leiberg, die in diesem 1996 erschienenen Kunstband den Text umspielen.

Dieses Buch bebildert, wie Leiberg schon immer gern gearbeitet hat: Nicht nur in der eigenen Suppe schwimmen, sondern sich mit anderen ins Abenteuer treiben lassen. Leiberg hat auf diesen Reisen unterschiedlichste Kunst-Felder erforscht, war an Theater- und Opernproduktionen, Live-Performances und wirkmächtigen Gruppenausstellungen beteiligt. Er hat Kunst-Bücher gemacht, stand als Musiker auf der Bühne, gemalt hat er natürlich und als Bildhauer gearbeitet.

Für sein Lebenswerk erhält er nun im Rahmen des Brandenburgischen Kunstpreises, den die Märkische Oderzeitung und die Stiftung Schloss Neuhardenberg vergeben, den Ehrenpreis des brandenburgischen Ministerpräsidenten. Ein Preis fürs Lebenswerk, er sei erstmal erschrocken, meint Leiberg, weil sich das so anhöre, als käme da nicht mehr viel. Dass er andererseits eine Menge gemacht hat, allein – aber sehr gern auch mit anderen – kann er schlecht kleinreden.

Viele Freunde und Kollegen - aber auch Sascha Anderson

Zu diesen anderen, die für seine Kunst und sein Werden wichtig waren, gehören neben Penck und Kolbe Gerhard und Christa Wolf, die Malerin Cornelia Schleime, der Bildhauer Hans Scheib, die Lyriker Bert Papenfuß und Durs Grünbein, der Schriftsteller Jan Faktor, Jazzmusiker, Tänzerinnen, die exzentrischen Autoperforationsartisten – und eben auch der Dichter Sascha Anderson, der Freund, der Stasi-Spitzel. Leiberg mag über ihn nicht mehr reden. Sagt nur: „Das ist für mich gegessen. Ich habe keinen Groll.“ Und man dürfe nicht vergessen, durch Anderson habe er viele Schriftsteller und Künstler kennengelernt, die für ihn sehr wichtig wurden. Damals in Dresden-Loschwitz.

Villen, Elbhang, die berühmten Dresdener Bergbahnen, der Blick aufs „Blaue Wunder“ – Loschwitz ist heute eine feine Adresse. Pittoresk war es auch schon vor 50, 60 Jahren, als Leiberg dort aufwuchs. Außerdem, und das machte diesen Ort so interessant, zog er Künstler an, die aus Sicht der Staatsmacht verdächtig-subversiv, wenn nicht sogar gefährlich freigeistig waren. Denn Loschwitz hatte einen unkonventionellen Ausstellungsort, den ausgerechnet jene Künstler selbst verwalten durften, die sich am wenigsten für die offizielle Kunstdoktrin erwärmten – das legendäre Leonhardi Museum. In den 1970er-Jahren und bis zu seiner Ausreise hat Leiberg dort unter anderem mit Michael Freudenberg, Volker Henze und Cornelia Schleime zusammengearbeitet und dieses Haus als stellvertretender Chef zeitweise mit geleitet.

Damals balancierte das Leonhardi Museum an der Bruchkante von erlaubt und verboten. Statt sozialistischem Realismus blühten dort jene Spielarten der Moderne, die anderswo in der DDR nicht gelitten waren. Schließlich reagierte die Berliner Chefetage des Verbandes der bildenden Künstler zunehmend gereizt auf die öffentlichen Aktionen, die Leiberg und Kollegen im Leonhardi Museum veranstalteten. Die Berliner Verbandsführung sah darin einen „Verstoß gegen die Parteipolitik“ und drohte mit Schließung. Die Dresdener Sektion geriet nun unter besondere Beobachtung.

Begegnung mit Gret Palucca

Und experimentierte munter weiter. Auf unterschiedlichsten Feldern. Helge Leiberg hat neben seinem Studium an der Dresdner Kunsthochschule in dieser wilden Zeit mit Super-8-Kameras hantiert, Filme übermalt und Trompete gespielt. Free Jazz war sein Ding. Er erzählt von den Sessions, zu denen Balletttänzerinnen der Oper für die Band getanzt haben. Irgendwann tauchte dabei auch die große Gret Palucca auf. Wie war das mit ihr? „Wir haben uns angefreundet, und plötzlich hattest du da die personifizierte Kunstgeschichte am Tisch sitzen.“

Die Grenze dessen, was für die Partei noch tolerierbar war, haben Leiberg und seine Freunde durchbrochen, als sie am 10. Mai 1983 den 50. Jahrestag der Bücherverbrennung besonders demokratisch begehen wollten. „Tag des freien Buches“ hieß dieser Tag offiziell in der DDR. Leiberg: „Wir dachten, wenn das so in allen Kalendern steht, können sie das haben.“ Also machte er für diesen 10. Mai zusammen mit Christine Schlegel, Claus Weidensdorfer, Veit Hofmann, Lothar Fiedler und Volker Palma ein wirklich freies, dem ätzenden Blick des Zensors entzogenes Buch. Nach dieser Aktion war der Spaß vorbei. Die Stasi begann Leiberg so offensichtlich zu beschatten, dass er Angst bekam. Und es war nachgewiesenermaßen die Stasi, die sein Atelier zertrümmerte.

Den drei Männern, die laut Aktenlage dafür verantwortlich waren, stand Leiberg 1996/97 im Gerichtsaal gegenüber. Die Angeklagten, die zu Geldstrafen von mehreren Tausend Euro verurteilt wurden, ließen sich während der Verhandlung von einem Fanblock ehemaliger Stasi-Leute feiern. Leiberg: „Ich hab‘ mich gefühlt wie der letzte Dreck.“

1984 musste er die DDR verlassen

Als die Bedrängung und die Drohung mit Zuchthaus immer unverblümter wurden, stellte er einen Ausreiseantrag. Am 10. Mai 1984 musste er mit seiner Familie die DDR verlassen. An diesem Tag wollte er eigentlich mit seinen Mitstreitern einen zweiten „Tag des freien Buches“ feiern.

Jetzt also West-Berlin oder Westberlin, Wohnungssuche, Kontakte knüpfen, Geld besorgen, irgendwie weiterarbeiten. In der Kulturverwaltung des Senats gab es jemanden, der ein Herz hatte für Leiberg und dessen Kunst, der Aufträge, Ankäufe und Ausstellungen vermittelte.

1986 öffnete sich schließlich die Tür für eine größere öffentliche Wahrnehmung. Leiberg, Hans Scheib, Ralf Kerbach, Reinhard Stangl und Cornelia Schleime – alles Künstler aus der DDR, die in den Westen gedrängt wurden – konnten sich gemeinsam in der Ausstellung „Malstrom“ im Haus am Waldsee in Berlin präsentieren. Die Schau machte einigen Krawall, zog von West-Berlin nach Wilhelmshaven, Amsterdam und Mannheim weiter. 31 Jahre später war eine Reminiszenz von „Malstrom“ in der Rathaushalle in Frankfurt (Oder) zu sehen.

Ausstellungen in aller Welt

Nach der viel bewunderten Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee setzte Leiberg langsam den Fuß hinaus in die Welt. Er war im Folkwang Museum in Essen präsent, hat in München, Mailand und New York, Brasilien, Chile und Portugal ausgestellt, hat in Budapest an großen Projekten gearbeitet, war Gast bei der Peking Biennale und im Deutschen Pavillon bei der Expo 2000 und und und…

Berlin aber blieb sein erster Lebensmittelpunkt. Sein zweiter befindet sich seit 30 Jahren in Werbig, dort wo die Seelower Höhen runter ins Oderbruch fließen. In Werbig kaufte er den alten Gasthof. Im Saal, in dem früher geschwoft wurde, steht heute eine Compagnie seiner grazilen Figuren. Das passt, denn eigentlich seien sie Tänzerinnen. „Tanzen ist mein Ding“, meint Leiberg. „Mein Thema.“

Er fasst es mit Gemälden, denen viel Grafisches innewohnt. Weil es Leiberg sehr auf die Linie ankommt. Er nennt sie „die Quintessenz meines Studiums“. Außerdem schreibt er seine Figuren mehr, als dass er sie malt. „Meine Bilder“, sagt er, „sind eigentlich Kalligrafie.“ Er spielt also noch immer mit der Lust, Genres zu mixen und daraus etwas Neues zu schaffen.

Nach wie vor produziert sich Leiberg öffentlich auf recht unterschiedlichen Bühnen. Mit einer Ausnahme: Er tritt nicht mehr als Musiker auf. „Musik mache ich nur noch für mich selbst.“ Er spielt auch nicht mehr Trompete, wie damals in Loschwitz. Leiberg hat das Tenorsaxofon für sich entdeckt. Und widmet sich jetzt gepflegten Jazzstandards. „St. James Infirmary“ liegt grad oben auf seinem Notenpult in Werbig.

Biografie

Helge Leiberg lebt und arbeitet in Berlin und Werbig bei Seelow. 1954 in Dresden geboren, 1973-1978 Studium der Malerei und der Grafik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden bei Gerhard Kettner, seit 1978 freischaffend, 1984 Ausweisung aus der DDR, 1990 Gründung der Künstlergruppe Gokan, 2015 Gestaltung der Preisfigur für den Brandenburgischen Kunstpreis, 2016 Arbeitsaufenthalt in Georgien.
Preise und Stipendien (Auswahl): 1987 Atelierstipendium des Senats für Kulturelle Angelegenheiten Berlin, 2013 Brandenburgischer Kunstpreis (Kategorie Malerei)
Publikationen (Auswahl): 2012 „Poesie und Pose – Bronzen“, Jovis Verlag Berlin, 2013  „Ein × Hölle und zurück. Bilder und Zeichnungen zu Dantes Divina Commedia“, Galerie der Stadt Tuttlingen, 2017  „So long, Daphne“, Hotel Mond Berlin, 2021 „Hundert Arten auf den WOLF zu kommen“ (mit Kristin Schulz), Quintus-Verlag Berlin
Sammlungen (Auswahl): Bad Homburg, Deutsche LeasingAG; Berlin, Berlinische Galerie, Märkisches Museum; Dresden, Staatliche Kunstsammlungen; Kaunas/Litauen, Ciurlionis-Museum; Künzelsau, Sammlung Würth; Los Angeles/USA, J. Paul Getty Museum; Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek