Buch von Bela B
: Ärzte-Drummer weckt mit „Fun“ Erinnerung an Rammstein-Debatte

In seinem Roman „Fun“ schreibt Bela B über Missbrauch im Musikgeschäft. Fiktiver Stoff, der enorm authentisch anmutet – und an den Fall Rammstein denken lässt.
Von
Michael Heider
Berlin
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Der Musiker Bela B Felsenheimer sitzt bei der Veranstaltung "Hier gibt es nichts zu sehen!" im Rahmen der Lit.Cologne im Studio. Prominente rund um den Musiker Bela B (Die Ärzte) unterstützen im Bundestagswahlkampf Kanzlerkandidatin A. Baerbock. (zu dpa "Bela B, Wolfgang Niedecken und Judith Holofernes werben für Grüne") +++ dpa-Bildfunk +++

Hat mit „Fun“ bereits seinen zweiten Roman vorgelegt: Der Musiker Bela B Felsenheimer von der Band Die Ärzte.

Henning Kaiser/dpa
  • Bela B, Drummer der Band Die Ärzte, veröffentlicht zweiten Roman "Fun".
  • Buch thematisiert Missbrauch, Sexismus und Gewalt im Musikgeschäft.
  • Fiktive Band Nabel/Nabel erinnert an Rammstein-Debatte.
  • Roman kritisiert patriarchale Strukturen in der Rockindustrie.
  • Lesereise 2025 mit Stationen in Berlin, Leipzig, Dresden, Potsdam.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Ass“ steht auf dem After-Show-Aufkleber. „Der Ass-Pass, oder was soll damit gemeint sein?“, fragt sich die junge Frau, die damit Zutritt zum Backstagebereich erhält. Eben hat die Band Nabel/Nabel ihr Konzert zu Ende gespielt. Warum gerade sie ausgewählt wurde, weiß die Frau nicht. Sie wird es „hier und jetzt herausfinden“.

Neugierig ist sie schon, schließlich ist „der Gitarrist einfach Zucker“. Doch die Vorfreude weicht Ernüchterung: „Hier sind andere Frauen.“ Kontakt mit der Band kommt trotzdem rasch zustande. Sie nimmt neben dem Schlagzeuger Platz. Beim Blick durch den Raum stellt sie mit Entsetzen fest, dass die Hand des Bassisten im Dekolleté einer Frau verschwindet. Plötzlich spürt sie selbst eine Hand über ihr Knie streichen.

Die Frau zieht ihr Bein weg, steht auf und verlässt den Backstagebereich. Beim Blick zurück zum Schlagzeuger zischt der noch: „Frigide Sau“. Die anderen Frauen bleiben. Auch Ljilja. Die 18-Jährige wird an diesem Abend mit der Band ins Hotel fahren. Was dort geschieht, wird später Inhalt einer anonymen Anzeige.

Bela B gibt Einblick in eine Sphäre, der er selbst angehört

Nein, von Spaß kann bei „Fun“ keine Rede sein. Es ist vielmehr ein düsterer, toxischer Cocktail, dem sich Die Ärzte-Drummer Bela B Felsenheimer in seinem neuen Roman widmet. So peinvoll wie anschaulich seziert er Machtmissbrauch, Sexismus und Gewalt im Musikgeschäft. Und gibt damit Einblick in eine Sphäre, der er selbst seit Jahrzehnten angehört.

Bela B Felsenheimer: Fun. Heyne, 368 Seiten, 24 Euro

Bela B Felsenheimer: „Fun“. Heyne, 368 Seiten, 24 Euro

Heyne Verlag

Als Folie dafür dient ihm die fiktive Band Nabel/Nabel. Die deutsche Rockband ist berüchtigt und versteht sich bestens auf medienwirksame Skandale. Vor allem ihr exzentrischer Frontmann Maler lotet mit Lust und Laune die Grenzen des guten Geschmacks aus – und überschreitet sie nicht selten. Selbst mit 50 weiß er noch zu schocken.

Wem das seltsam bekannt vorkommt, ist nicht allein. Fast permanent fühlt man sich beim Lesen an die Debatte um Rammstein und die Missbrauchsvorwürfe gegen Till Lindemann erinnert. Der Disclaimer, den Bela B „Fun“ voranstellt, hilft da nur bedingt: „Alles in diesem Roman ist erfunden – und noch viel mehr darin ist wahr.“ In einem „Spiegel“-Interview auf die vermuteten Parallelen angesprochen, betont der Musiker und Autor aber „allenfalls zufällige Überschneidungen“.

„Fun“ von Bela B ist ein gleich mehrfacher Drahtseilakt

Ein Drahtseilakt bleibt der Roman trotzdem. Immerhin schreibt hier ein Rockstar über die dunklen Seiten des Rockbusiness. Bela B traut sich also was. Und Leserinnen und Leser von „Fun“ profitieren davon. Selten sind die inneren Mechaniken der Rockindustrie anschaulicher beschrieben worden.

Ob nun vor oder hinter der Bühne, im Innern einer erfolgsverwöhnten Band oder im Apparat aus Management, Security oder Anwälten drumherum: Auch das (vermeintlich) glamouröse Leben aus „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ bedarf eines bürokratischen Unterbaus. Irgendwer muss die Pillen schließlich besorgen – und die Frauen in den Backstagebereich geleiten. Ganz zu schweigen von der emsigen Betriebsamkeit, sobald sich ein handfester Skandal um die Band anbahnt.

„Fun“ von Bela B: Manchmal kommt sogar Boomer-Cringe auf

Leider ist der Trumpf von „Fun“ damit bereits ausgespielt. Ansonsten krankt das Buch an zu vielen Protagonisten und unnötigen Beziehungsgeflechten. Diese produzieren Längen, weil sie mehr Typen als Charaktere sind. „Männer sind Schweine“, hieß es zwar schon im Song der Ärzte – aber so eindimensional wie langweilig auch in „Fun“. Eine nachvollziehbare, gar fesselnde Entwicklung nimmt darin niemand.

Auch die Dialoge muten eher hölzern an. Wenn eine Gen-Z-Protagonistin auf Instagram „durch ihre abonnierten Kanäle“ scrollt und „Herzen an Inhalte, die ihr gefallen“, verteilt, kommt kurz sogar etwas Boomer-Cringe auf.

Kalt lässt einen „Fun“ dennoch nicht. Dafür schildert der 62-Jährige die fiktiven Verhaltensmuster toxischer Männlichkeit zu drastisch. Und dass er sich als erfolgreicher Musiker bestens vorstellen kann, wie patriarchale Strukturen in der Musikbranche umsetzbar wären, erzeugt ein gehöriges Maß an Authentizität. Hat Bela B das beste Buch des noch jungen Jahres geschrieben? Eher nicht. Ein besonderes Buch ist „Fun“ trotzdem.

Lesereise von Bela B zu „Fun“ 2025

Unter anderem liest Bela B Felsenheimer aus seinem neuen Roman am:

30.03.25 in Berlin, RBB Sendesaal (Ausverkauft)

15.04.25 in Leipzig, Gewandhaus (Ausverkauft)

07.04.25 in Dresden, Staatsschauspiel (Ausverkauft)

01.10.25 in Potsdam, Nikolaisaal (TICKETS)