Am Sonntag noch fand in Neuhardenberg eine Lesung zu seinen Ehren statt: Jutta Hoffmann las die Erzählung „Begräbnis einer Gräfin“. Es ist die Geschichte einer Familienüberführung von Lüneburg nach Stolpe in den 1950er Jahren, und der hintergründige Witz, mit der die Verwicklungen der DDR-Bürokratie geschildert werden, ist typisch Wolfgang Kohlhaase. Und Kohlhaase selbst war anwesend in Neuhardenberg – es war sein letzter Auftritt.
Nun ist der Drehbuchautor, Erzähler und Nestor des ostdeutschen Films am 5. Oktober in Berlin gestorben, wie die Akademie der Künste in Berlin bekannt gab. Lange Jahre hatte Kohlhaase mit seiner Frau, der Tänzerin und Fernsehballett-Leiterin Emöke Pöstenyi, in Bad Saarow gelebt. Dem dortigen Festival Film ohne Grenzen war er verbunden, im September wurde dort noch ein Preis nach ihm benannt.
Wolfgang Kohlhaase gilt als einer der wichtigsten Drehbuchautoren der deutschen Filmgeschichte. Geboren 1931 in Berlin, hat er bereits während der Schulzeit das Schreiben für sich entdeckt. Sein erstes verfilmtes Drehbuch war der Jugendfilm „Die Störenfriede“ von Wolfgang Schleif gewesen. Er hat intensiv mit Gerhard Klein, Konrad Wolf und Frank Beyer zusammengearbeitet, später selbst Regie geführt. Seine Drehbücher, so beschreibt es die DEFA-Stiftung, zeichnen sich durch Lebensnähe aus. „Der Autor beobachtet genau, zeigt in den gelungensten Fällen ungeschminkte, authentische Wirklichkeiten.“ Oder, wie Kohlhaase es selbst mit Blick auf den von ihm bewunderten italienischen Neorealismus schreibt: „Ich hatte Kino für was Nobles gehalten: Das ist zu Pferde, das sind feinere Leute. Und plötzlich kamen diese Nachkriegsitaliener mit diesem wunderbaren Neorealismus und erzählten die Geschichten von der Straßenecke.“ Als junger Drehbuchautor habe er sich gedacht: „Mensch, das geht. Ja, das kannst du auch erzählen.“

„Ich war 19“ erzählt von Jugend im Krieg

Wolfgang Kohlhaase hat die Bücher für mehr als 30 Filme geschrieben, darunter Klassiker wie „Berlin Ecke Schönhauser“ (1957, Regie: Gerhard Klein) und „Ich war 19“ (1968, Regie: Konrad Wolf). Diese Filme waren stark geprägt durch Kohlhaases Kindheit und Jugend in der Nazizeit. Der 19-jährige Gregor Hecker, der in „Ich war 19“ als Leutnant der Roten Armee aus dem sowjetischen Exil nach Deutschland „heimkehrt“ und im April 1945 mit einem Lautsprecherwagen übers Land zieht, um deutsche Soldaten zum Überlaufen zu bewegen, ist ein Alter Ego des Regisseurs Konrad Wolf. Aber auch Wolfgang Kohlhaases Erinnerungen stecken in ihm. „Ich habe versucht zu reden, zu schreiben und auch Filme zu machen über den Hintergrund meiner Kindheit“, erzählte er im vergangenen Jahr in einem Interview zu seinem 90. Geburtstag. „Das war die Nazizeit, das war der Krieg. Das war das vergeudete Leben meiner Eltern.“
Endgültig Legende wurde er mit „Solo Sunny“ (1980), ebenfalls unter Regie von Konrad Wolf. Die Geschichte der jungen Schlagersängerin Sunny (Renate Krößner), die in Berlin-Prenzlauer Berg ihren Traum vom Ruhm, aber auch von der Liebe nachhängt, entgegen allen Widrigkeiten des Lebens, hat mit ihrem spröden Witz und der untergründigen Melancholie, mit dem unbedingten Freiheitswillen dieser Frauenfigur bis heute nichts an Modernität verloren. Die Stimmung, die er einfangen wollte, hat Kohlhaase 2020 anlässlich des Todes von Renate Krößner im Gespräch so beschrieben: „Der Prenzlauer Berg war ein heruntergewohntes Viertel, aber ein Ort, an dem kräftig gelebt wurde. Nicht unbedingt leicht und nicht komfortabel. Aber es war ein unzerstörtes Stück Berlin. Vergleichbar auf der anderen Seite der Grenze vielleicht mit Kreuzberg. Diese alltägliche Lakonie, diese Tonlage, die vielleicht überhaupt in den großen Städten zum Leben gehört, eine intellektmäßige Geschwindigkeit, eine Unsentimentalität, Gesichter, in denen viele Gesichter sind: Das alles ist aufs Glücklichste bei Renate zu finden.“

Zusammenarbeit mit Andreas Dresen für „Sommer vorm Balkon“

Auch im wiedervereinigten Deutschland war er erfolgreich, insbesondere in der Zusammenarbeit mit Andreas Dresen, für den er 2005 die Prenzlauer-Berg-Romanze „Sommer vorm Balkon“ schrieb: „Wo kein Geheimnis ist, gibt es keine Wahrheit“, hat Dresen im Nachwort des 1977 erschienenen und 2021 bei Wagenbach neu aufgelegten Erzählbandes „Erfindung einer Sprache“ geschrieben und hinzugefügt, die Figuren „verstecken ihre Verletzlichkeit hinter einer robusten, nicht selten rauen Schale, die sie unverwundbar scheinen lässt.“ Das gilt genauso für die kessen Berliner Freundinnen Katrin (Inka Friedrich) und Nike (Nadja Uhl), die einen Sommer lang eine Wohnung und das Leben teilen, wie für die Jungs im Leipzig der Nachwendezeit in „Als wir träumten“, mit denen Kohlhaase einen Bogen zurückschlägt zu den Halbstarken in „Berlin Ecke Schönhauser“.

Sein letzter Film 2020 auf der Berlinale

Doch es geht auch politischer: Mit Volker Schlöndorff arbeitete Kohhlhaase an dem Drehbuch zum Drama „Die Stille nach dem Schuss“ (2000), der die RAF zum Thema hat. Zusammen mit Eugen Ruge schrieb er das Buch für die Literaturverfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2017). Zuletzt wurde eine seiner Erzählungen Grundlage des Films „Persian Lessons“: die absurde Geschichte eines KZ-Häftlings, der sich, um zu überleben, als Perser ausgibt und einen Sturmbannführer in der ihm völlig fremden Sprache unterrichtet. Der Film lief 2020 auf der Berlinale.
Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Deutschen Filmpreis. Vor zwölf Jahren ehrte die Deutsche Filmakademie den Wahlbrandenburger mit der „Lola“ fürs Lebenswerk. Sie lobte „seine pointierten Dialoge, unglaublich viel Wortwitz und einen herrlich lakonischen Ton.“

Kohlhaase war zuletzt auch beim MOZ-Talk in Frankfurt (Oder)

Bis zuletzt war Kohlhaase neugierig unterwegs, wenn es um Film und Filmgeschichte ging. Stammgast bei der Berlinale, zuletzt auch einmal Gast beim MOZ-Talk in Frankfurt (Oder), wo er über die Genauigkeit sprach, die Sprache und Schreiben erforderte – und von seiner Jugend im Frühling 1945, die ihn ein Leben lang prägen sollten. „Es war weniger der Krieg als das Kriegsende“, erzählte der 91-Jährige. Ihm sei bewusst geworden, „es hört nichts auf, sondern es fängt etwas an“, so Kohlhaase. Dieses Gefühl der Neugier und Überraschung, das sich damals breit gemacht habe, das sei ihm bis heute geblieben.