Die Toten Hosen in Berlin 2026: So war das Konzert im Olympiastadion

Auf ihrer „Trink Aus! Wir Müssen Gehen“-Tour spielen die Toten Hosen um Sänger Campino (l., hier bei einem Konzert in Stuttgart) in Berlin vor ausverkauftem Olympiastadion.
Christoph Schmidt/dpa- Die Toten Hosen spielten im ausverkauften Olympiastadion Berlin auf der „Trink Aus!“-Tour.
- Stimmung zwischen Euphorie und Wehmut – „Nur zu Besuch“ wurde Bianca Klose gewidmet.
- Hits wie „Hier kommt Alex“, „Wünsch dir was“ und „Alles aus Liebe“ brachten Chöre und Moshpits.
- Gäste traten auf: Beatsteaks und The Stranglers als Support, Sven Regener und Farin Urlaub auf der Bühne.
- Abschluss mit „You'll Never Walk Alone“ – der Abend gehörte trotz Ärzte-Grüßen den Hosen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Wehmut auf Konzerten ist selten. In der Regel heißt die Primär-Emotion Freude oder Euphorie. Mit etwas Glück Ekstase. Doch die Toten Hosen vereinen in Berlin alle genannten Gefühle. Bittersweet heißt diese Gemengelage im Land von Campinos Herzensverein Liverpool. Und bittersüß ist es wohl, mit Kloß im Hals das Bier zu „Schönen Gruß, auf Wiederseh’n“ in die Höhe zu recken.
„Trink aus, wir müssen gehen“ heißt nicht nur das jüngste und finale Album der Toten Hosen, es ist auch die Devise an diesem Samstagabend im Olympiastadion. Letzte Runde im größten Pub der Stadt sozusagen. Und wie es sich für letzte Runden ziemt, wird nochmal voll ausgekostet. Das gilt für die sechs Männer auf der Bühne (Jet Baker am Keyboard begleitet die Tour) und für die über 70.000 Menschen davor.
Große Schlücke aus der Punk-Pulle gibt es vom Start weg: Auf den Traditionsopener „Opel-Gang“ folgen „Die Show muss weitergehen“ und „Wir waren nie weg“ folgen. Wie viel Power im metaphorischen Opel Rekord noch steckt, in dem hier alle sitzen, zeigt sich spätestens bei den „Ole ole ole ola“-Rufen zu „Auswärtsspiel“, die scheppernd durchs Stadion hallen.
Campino stachelt die Fans in Berlin an
„Ohne euren Chor kann es hier nicht weitergehen“, stachelt Campino weiter an, um noch die letzten menschenmöglichen Dezibel herauszukitzeln. Der Status als Hauptstadt muss schließlich auch live mehr gelten als anderswo. „Wir sind hier nicht in Magdeburg!“ Dass sie dort den Kollektivgesang zu „Laune der Natur“ noch gehört haben, ist allerdings nicht auszuschließen.
Mangelnder Einsatz ist also kein Problem. Auf die Videos der massenhaften Moshpits wenige Tage zuvor bei System of a Down, mit denen die sozialen Medien geflutet wurden, dürften zahlreiche weitere von diesem Abend folgen. Unablässig schießen Bierbecher in die Höhe, Fahnen mit Hosen-Logo wehen, Bengalos zünden. Gibt es so etwas wie maximal losgelöste Feierlaune, hier ist sie.
Eine Kulisse, die Fortuna-Düsseldorf-Fan Campino beeindruckt: „Wenn ich mich so umschaue, ist halt doch ein geiles Stadion“, sagt er über die Hertha-Heimspielstätte. Es ist bereits das 65. Konzert der Hosen in Berlin. Viel ist passiert seit dem ersten Auftritt 1982 im SO36. Vom Kreuzberger Punkschuppen ins ausverkaufte Stadion – bei allen bedenklichen Entwicklungen hierzulande, diese immerhin ist positiv.
Mit Berlin verbindet die Toten Hosen eine Menge, auch abseits der Bühne. Campino erzählt davon, dass seine Eltern hier begraben liegen und sein Sohn hier geboren wurde. Persönliches, mit dem er eine Brücke für den zutiefst herzensnahen Song „Nur zu Besuch“ baut, den die Band der verstorbenen antifaschistischen Aktivistin Bianca Klose widmet.
Heisere Stimmbänder dank Mitgröl-Hymnen
Auch sonst ist viel Platz für Herz. Egal ob Paare, muskelbepackte Stiernacken, moshende Bierpunks oder Mütter und Väter mit Kindern – nicht nur beim manischen „Alles aus Liebe“ liegen sie sich in den Armen. Zu „Alles wird vorübergehen“ zücken sie Feuerzeuge und Handylichter und hüllen das Olympiastadion in romantisches Funkeln.
Unablässig donnern Campino, Kuddel, Breiti, Andi und Vom Richie ihre Mitgröl-Hymnen aus den Verstärkern. Wessen Stimmbänder nicht längst heiser gebrüllt sind, hat zu Songs wie „Bonny & Clyde“, „Wünsch dir was“ oder „Hier kommt Alex“ noch reichlich Gelegenheit dazu. Band und Publikum, sie spornen sich gegenseitig zu Höchstleistungen an.
Schon zu den Prä-Punkern The Stranglers feierten die Fans ausgelassen. Bei den Gute-Laune-Reaktoren namens Beatsteaks legten sie sogar noch einen drauf: „Wollt ihr tanzen? Jetzt schon?!“, fragt Sänger Arnim Teutoburg-Weiß beim ersten Song „Summer“. Ja, wollen sie! Genau wie die La Ola durchs Stadion zu „I Don't Care As Long As You Sing“.
Die Toten Hosen bleiben in Berlin nicht die einzigen Legenden
Die Supports bleiben nicht die einzigen Gäste. Element-of-Crime-Frontmann Sven Regener spielt mit den Hosen seinen Song „Immer nur geliebt“. Und Farin Urlaub nimmt unter ohrenbetäubendem Jubel Campinos Platz zu „Hier sind die Hosen“ ein. Gemeinsam singen sie die Anti-Nazi-Hymne „Schrei nach Liebe“. Um zu unterstreichen, dass Berlin genuines Ärzte-Territorium ist, zeigen Farin Urlaub, Bela B und Rod Gonzales auch andernorts Präsenz. Am S-Bahnhof Olympiastadion begrüßen Werbeplakate die Fans mit „Viel Spaß bei den Hosen! Eure Die Ärzte“.
Dennoch gehört der Abend den Toten Hosen. Selbst mit 60 plus schmeißen sie sich mit Verve in ihre Konzerte. Mag sein, dass die Bühnentraversen inzwischen sicher vor Campino sind, der sich jahrelang als Alain Robert gerierte und die Masten emporkletterte. Inzwischen beschränkt er sich auf Geflitze und Posen, mit denen er seine schwarze Röhrenjeans fast zum Bersten bringt.
Beim 65. und womöglich letzten Berlin-Auftritt nehmen Band und Fans den Hosen-Schlachtruf „Bis zum bitteren Ende“ durchaus ernst. Als irgendwann die schlussbringenden „You'll Never Walk Alone“-Chöre verhallt sind und die Toten Hosen die Bühne verlassen, bleibt jedoch eine Erkenntnis: Das Ende muss nicht nur bitter sein. Manchmal ist es auch ein wenig süß.



