System of a Down in Berlin 2026
: So war das Konzert im Olympiastadion

Neun Jahre hat es gedauert: System of a Down kehren für ein Konzert im Olympiastadion Berlin zurück nach Deutschland. Dort liefert die Band Zündstoff für einen explosiven Abend.
Von
Michael Heider
Berlin
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Seltener Gast auf deutschen Bühnen: Serj Tankian (hier 2017) spielt mit System of Down ein Konzert im Olympiastadion Berlin.

Seltener Gast auf deutschen Bühnen: Serj Tankian (hier 2017) spielt mit System of Down ein Konzert im Olympiastadion Berlin.

Thomas Frey/dpa
  • System of a Down spielten im Olympiastadion Berlin ein seltenes Deutschland-Konzert.
  • Die Band fokussierte sich auf frühe Alben wie „Toxicity“ und das Debüt – viele Hits.
  • Vor der Bühne entstanden große Moshpits, Bengalos brannten bei „Toxicity“ spät.
  • Serj Tankian überzeugte stimmlich, John Dolmayan holte bei „Deer Dance“ seine Tochter dazu.
  • Queens of the Stone Age spielten zuvor vor bereits sehr vollem Stadion, Acid Bath eröffnete.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Eine Explosion entfesselt rohe Energie. Binnen Sekundenbruchteilen steigt die Temperatur, wächst der Druck. Weit genug, bis er sich entlädt und die Ordnung dem Chaos weicht. Es knallt! Und bei System of a Down knallt es besonders laut. Ihre Entfesselung misst sich nicht in Megatonnen, sondern schwindelerregenden Moshpits, leuchtenden Bengalos und barer Emotion. Dinge, an denen an diesem Mittwochabend in Berlin kein Mangel herrscht.

Es ist ein irrsinnig herrliches Chaos, das die Herren Tankian, Malakian, Odadjian und Dolmayan im Olympiastadion entfachen. Unzählige Körper kreisen vor der Bühne im Takt, stoßen aneinander, schwitzen. Über ihnen steigt Dampf empor. Kathartischer Kontrollverlust, für den es Zündstoff reichlich gibt. „B.Y.O.B.“, „Suite-Pee“, „Chic ‚N‘ Stu“, „Prison Song“ – bereits der Auftakt ist gepflastert mit Breakdowns so hart und hypnotisierend, als wären sie diamanten.

Eine Analogie, die nicht ganz abwegig ist. Schließlich haben Konzerte der kalifornischen Band den Seltenheitswert rarer Gemmen. Zu sagen, dass System of a Down nicht ständig touren, wäre eine so wohlgemeinte wie maßlose Untertreibung. Als sie zuletzt auf einer deutschen Bühne standen, hieß die Kanzlerin noch Merkel und Corona war nichts weiter als ein süffiges Bier. 2017 war das.

Nicht nur Serj Tankian trifft voll ins Schwarze

Eine schmerzhafte Abstinenz, an der Frontmann Serj Tankian nicht ganz unschuldig ist. Kreativ war er zwar stets treibende Kraft, Tourwünsche seiner Bandkollegen vereitelte er aber auch mal. Eingerostet ist der Sänger im künstlerischen Rückzug allerdings nicht. Egal ob Growling, Kreischen, katzenhaftes Miauen (bei „Darts“) oder sein unverkennbarer, folkloristischer Gesang, in Berlin trifft der 58-Jährige nicht nur in Sachen Klamotten voll ins Schwarze

Dass es nicht zuletzt ihr Wunsch war, wieder live zu spielen, ist vor allem Daron Malakian und Shavarsh Odadjian deutlich anzusehen. Malakian, mit schwarzem Hut und noch schwärzerem Eyeliner, zerrt von der immensen Energie, die seine Riffs bei den über 70.000 Fans auslösen. Und Odadjian trägt ein breites Grinsen über seinem Bartzopf. Immer wieder sucht der Bassist Augenkontakt mit jenen, die nicht gerade am Pogen, Crowdsurfen oder mit geschlossenen Lidern in Refrains wie bei „Aerials“ versinken.

Für den Herzmoment des Abends sorgt allerdings der sonst so stoische John Dolmayan. Ausgerechnet beim mit tief nach unten gestimmter Gitarre besonders brachial krachenden „Deer Dance“ holt er seine kleine Tochter ans Schlagzeug. Wenn sie mit ihren pinken Ohrenschützern und ihrem verschmitzt lächelnden Vater auf den Videoscreens erscheint, branden laute Jubelrufe auf.

Sorgt im Berliner Olympiastadion mit seinen Riffs für Zündstoff: Daron Malakian (hier 2017 mit System of a Down bei Rock am Ring)

Sorgt im Berliner Olympiastadion mit seinen Riffs für Zündstoff: Daron Malakian (hier 2017 mit System of a Down bei Rock am Ring)

Thomas Frey/dpa

Selbstredend hat sich auch beim Publikum etwas angestaut. Sehr viel sogar. Zu erahnen war dies bereits, als die Tickets für das Berliner Konzert vergangenen Sommer binnen kürzester Zeit ausverkauft waren. Zu erahnen ist es auch Momente vor der Show, als über dem gigantischen Rund eine fast elektrische Spannung liegt. Und zweifelsfrei bezeugt ist es, in den folgenden zwei Stunden. In ihnen reißen die Fans die Hütte mit derartiger Inbrunst ab, dass sich selbst stadionaffine Bands wie Foo Fighters und Metallica die Finger danach lecken würden. Auf dieser Party hat jeder eine wirklich gute Zeit!

System of a Down spielen in Berlin all ihre Hits

Dankenswerterweise legen System of a Down den Schwerpunkt auf die frühen Alben „Toxicity“ und ihre selbstbetitelte Debütplatte. Oder anders ausgedrückt: die Hits. Das Resultat sind ohrenbetäubend laute Chöre nicht nur bei Songs wie „I-E-A-I-A-I-O“ oder „Lonely Day“. Spätestens beim Überhit „Chop Suey!“ fühlt man förmlich, dass hier jene singen, die sich vor zwanzig Jahren von den Eltern, den Mitschülern oder schlicht der Gesellschaft missverstanden fühlten und Zuflucht in dem unvergleichbaren Mix aus brutalen Riffs, armenischen Folkeinflüssen und dadaistisch-politischen Texten fanden.

Die zahlreichen jungen Fans, die in Berlin ebenfalls die dicht gedrängten Reihen säumen, zeigen, dass die Musik von System of a Down auch heute noch einen Rückzugsort bietet. Sie bestätigen zugleich das fulminante Wiederaufleben des Nu Metal, das auch Bands wie Limp Bizkit oder Korn voll Arenen beschert.

Schon bei Queens of the Stone Age ist das Olympiastadion voll

Wie reaktiv das Publikum sein würde, ist schon an den Support-Acts abzulesen. Was bei den nach zwei Jahrzehnten jüngst wiedergegründeten Sludge Metallern von Acid Bath auf vereinzelte, dafür umso beseeltere Fanzellen beschränkt bleibt, mündet bei Queens of the Stone Age bereits in kollektive Intensität. Josh Homme, der wohl beste Best Ager des Rock, und seine Bandkollegen präsentieren sich einem bereits sehr vollen Olympiastadion in gewohnt dissonanter Pracht.

Doch es ist das so unnachahmlich zwischen dröhnendem Metal und melodischem Lamento changierende Liedgut von System of a Down, das die größte Sprengkraft entfaltet. Und so brennen bei „Toxicity“ zwar spät, dafür umso wirkungsvoller die Bengalos, um die sich gigantische Circle Pits bilden. Mit „Sugar“ findet diese unglaubliche Entfesselung noch vor 22 Uhr ein ungewöhnlich frühes Ende. Aber so ist es eben mit Explosionen, sie sind so intensiv wie kurz. Und schließlich braucht es die Ruhe nach dem Knall, um fassbar zu machen, wie intensiv sie wirklich war.