Film-Uni Babelsberg: VR-Erlebnis ‒ Forscher digitalisieren Wohnung von Sergej Eisenstein

Virtueller Rundgang: Eine Forschungsgruppe der Filmuniversität Konrad Wolf in Babelsberg hat die Wohnung des Regisseurs Sergej Eisenstein in eine VR-Experience verwandelt.
Michael Heider„Manchmal ist der Mittelpunkt der Welt ein kleines Zimmer voll mit Bildern und Büchern“. Diese Erkenntnis ereilte Wim Wenders beim Besuch von Sergej Eisensteins Moskauer Wohnung. Der Gästebuch-Eintrag war eine treffende Ortsbeschreibung. Nicht nur hinsichtlich des Interieurs. Tatsächlich schuf sich das Regie-Genie Eisenstein eine Insel der Weltkultur inmitten von Stalins dogmatischem Reich. Ein intellektuelles Refugium im Zentrum der russischen Metropole, dessen Horizont nicht an den Grenzen der Sowjetunion endete.
Eisenstein war zum Zeitpunkt von Wenders' Besuch 1986 bald vier Jahrzehnte tot. Doch die mit mexikanischen Wandteppichen, Masken und Skulpturen aus Afrika, Japan, Indonesien und rund 4000 Büchern ausstaffierte Wohnung blieb beredtes Zeugnis seines kosmopolitischen Wissensdursts. Das änderte sich 2018. Genau 70 Jahre nach dem Tod des Kino-Visionärs fiel das Eisenstein-Kabinett der politisch motivierten Demontage des Moskauer Filmmuseums, zu dem es mittlerweile gehörte, zum Opfer. Die Pforten zum einstigen „Mittelpunkt der Welt“, jenem bedeutenden Ort der Filmgeschichte, waren fortan geschlossen.
Projekt vereint Filmgeschichte und 3D-Design
Eine an der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ und der Fachhochschule Potsdam angesiedelte Forschungsgruppe stößt diese Pforten nun wieder auf – mit Hilfe Virtueller Realität (VR). Unter dem Projektnamen „Kollisionen“ trug ein multidisziplinäres Team, das Filmgeschichte mit Softwareentwicklung, 3D- und Sounddesign verbindet, vier Jahre lang Informationen aus dem Leben des Regisseurs zusammen. Die Forschenden sichteten Fotos, sammelten Materialien, stießen auf einen Grundriss. Am Ende stand die Visualisierung ihrer Ergebnisse. Herausgekommen ist, neben einer Website, die VR-Erfahrung „Eisenstein’s House“, eine digitale Rekonstruktion der Wohnung Sergej Eisensteins.

Blick durch die VR-Brille ins Schlafzimmer von Eisensteins Moskauer Wohnung.
Filmuniversität Babelsberg "Konrad Wolf"Bei der Präsentation des Projekts im Foyer der Filmuniversität Babelsberg konnten Interessierte nun auf virtuelle Stippvisite gehen. Und tatsächlich, wer die VR-Brille überstreift, wird in das mit Büchern, Bildern und Artefakten überfüllte Apartment im Zentrum Moskaus transportiert. In Schwarz-Weiß schreitet man dessen drei Räume ab.
Hintergrund während der Tour liefert Eisensteins Witwe
Der Blick bleibt an Fotos hängen, wie jenem des afroamerikanischen Schauspielers Paul Robeson. Mit ihm plante Eisenstein einen Film über Toussaint Louverture, dem Anführer der „schwarzen Revolution“ Haitis im 18. Jahrhundert, aus dem jedoch nichts wurde. Oder an einer Karikatur des französischen Schriftstellers Honoré de Balzac, den er verehrte. Hintergrundinformationen liefert während der Tour Pera Atacheva, die Witwe Eisensteins. Die Schauspielerin Ulrike Bliefert hat ihr für den VR-Rundgang ihre Stimme geliehen.
Es ist so eine niedrigschwellige wie effektive Weise, mit der „Eisenstein's House“ die Regielegende vorstellt. Auch jene, die mit seinen Werken und ihren Einfluss auf die Filmgeschichte wenig vertraut sind, erhalten leicht eine Vorstellung von Person und Charakter des Filmemachers. Von dessen globalem Kultur-Verständnis oder dem demokratischen Wertesystem des zweifachen Stalin-Preisträgers, das in subtile Kritik an tyrannischer Herrschaft in Filmen wie „Iwan der Schreckliche“ mündete.

Die Präsentation des Forschungsprojekts beinhaltete auch eine Miniatur der Wohnung von Sergej Eisenstein.
Michael HeiderEin spiralförmiger Gang durch Eisensteins Schaffen veranschaulicht die kreativen Prägungen des Ausnahmetalents. Etwa die erste Berührung mit dem Theater im Jahr 1911, die den damals 13-Jährigen tief und nachhaltig beeinflusste. Auch seinen von der Faszination für die Theaterform Kabuki beeinflussten Wunsch, Japanisch zu studieren, offenbart der Blick durch die VR-Brille.
„Allein seine Montage-Techik ist ein gewaltiges Thema“
Ein gelungener Mix aus Geschichte und Technologie. Trotzdem mahnt Projektleiterin Tatiana Brandrup die Grenzen eines solchen Unterfangens an. Über dem Projekt stand stets „die Frage der Authentizität der Rekonstruktion“, sagt sie bei dessen Präsentation in Babelsberg. „Egal, wie viel Material wir finden“, so die Filmemacherin, „es wird nie zu 100 Prozent die Wohnung von einst sein.“ Das prominent in der Wohnung Eisensteins platzierte Bechstein-Klavier etwa musste allein anhand zweier Fotos rekonstruiert werden, auf denen es nur in Ausschnitten zu erkennen ist.
Doch Mut zur Lücke scheint bei Sergej Eisenstein fast geboten. Naum Kleiman, Mitbegründer des Eisenstein-Archivs und bis 2014 Leiter des Moskauer Filmmuseums, sieht in Leben und Schaffen des sowjetischen Regisseurs jedenfalls ein weites Feld. „Allein seine Montage-Techik ist ein gewaltiges Thema. Seine Ästhetik ist heute noch sichtbar.“ Fast unmöglich, eine solche Person und ihr Schaffen vollumfänglich greifbar zu machen, so der 86-jährige Filmhistoriker.
Gut also, dass die vom Team um Tatiana Brandrup vorgestellte Website als Anfang eines internationalen Eisenstein-Netzwerks gedacht ist. „Eisenstein's House“ soll derweil einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wo und in welcher Form ist allerdings noch nicht klar. Derzeit werde daran gearbeitet, Ausstellungsorte für die VR-Erfahrung zu finden, so Brandrup. Lohnen würde es sich. Denn wer sagt schon, dass der Mittelpunkt der Welt nicht auch durch eine VR-Brille gut sichtbar ist?


