Georg – dessen vollständiger Name zum Schutz seiner Identität nicht genannt wird – fotografiert in seiner Freizeit Lost Places. Vergessene, verlorene, verwahrloste Gebäude, die langsam aber sicher zerfallen. Das, was Georg macht, ist in vielen Fällen illegal, also Hausfriedensbruch. Er betritt private Gelände ohne Erlaubnis, um die Gebäude in ihrem Zerfall fotografisch festzuhalten. Das zu tun, ist nicht ungefährlich – der ständige Blick auf die Decke, die vorsichtige Einschätzung, ob ein Boden ihn wirklich halten kann, das gehört für Lost-Places-Fotografen wie Georg zum Sicherheits-ABC dazu. Und bei der Fotografie geht es um Ästhetik, aber auch um das Prinzip der Archivierung, des Festhaltens eines Ortes, der von allen anderen in Vergessenheit gedrungen wird.

Brandenburg ist besonders attraktiv

Georg gehört einer Online-Community an, die sich selbst "Urban Explorer" nennt, kurz Urbexer. Dabei geht es nicht nur um die Entdeckung und Erkundung von Lost Places, sondern auch um das Posten von ästhetisch reizvollen Bildern dieser Orte. Auf sozialen Medien wie Instagram sind unter dem Hashtag #urbex Tausende Fotos von Lost Places zu finden; es existiert eine ganze Subkultur, die das "als Hobby im professionellen Format" macht, wie Georg es selbst ausdrückt. Als Urbexer betreibt er seit ungefähr zehn Jahren einen Blog mit dem Titel "Digital Cosmonaut", wo er seine Fotografien hochlädt und die Hintergründe und Geschichten der Orte sehr detailliert schildert. Berlin und Brandenburg seien für Urbexer ganz besonders attraktiv, erzählt der junge Vater. "Nach der Wende waren teilweise weite Teile Ostdeutschlands ein einziger Lost Place."
Warum riskiert man möglicherweise unnötigen Ärger, sowie nicht zu missachtende Gefahrensituationen – nur für schöne Fotos? Natürlich steckt mehr dahinter. Nicht zuletzt geht es um das Gefühl, an einem Ort zu stehen, der in der Vergangenheit mal von Bedeutung war – und jetzt eine Ruine ist. Es bedient einen gewissen Fatalismus, dem die Menschheit nicht widerstehen kann. Es erinnert an den alten Spruch: Memento Mori, denk’ dran, dass du sterben wirst. Hinzu kommen noch andere Klassiker der Menschheitsgeschichte: Neugier, Entdeckungslust und gewissermaßen auch ein Streben nach Ruhm, wenn die Bilder oder der Blog größeren Erfolg genießen.
"Ehrlich gesagt, geht’s auch ein bisschen um Fomo (Fear of missing out), also um die Angst, etwas nicht erlebt und gesehen zu haben. Nichts hält für die Ewigkeit, und irgendwann zerfallen diese Orte. Ich muss sie vorher noch sehen", antwortet Georg auf diese Frage. Es gehe ihm auch darum, die Geschichte der Orte zu bewahren, herauszufinden, wie es soweit kommen konnte. Und er will den Orten den Respekt zollen, den sie doch verdient hätten.
Respekt: Ein wichtiger Begriff für die Urbexer. Die Erkundung der verlassenen Orte ist eine Sache; Vandalismus, eine ganz andere. "Wenn ich Bilder von Lost Places poste, dann gibt es immer mehr Menschen, die sich denken: Cool, das will ich auch machen. Aber die haben nicht immer den gleichen Mindset", so der Digital Cosmonaut. Innerhalb der Urbexer-Community gebe es deshalb zunehmend eine Zurückhaltung, was das Teilen der Adressen von Lost Places betrifft. "Es gibt eben Leute, die machen’s allen anderen kaputt."
Eigentlich gilt bei den Lost-Places-Fotografen die Devise: Nimm nichts mit außer deine Bilder, hinterlasse nichts außer deine Fußabdrücke. Schon lange halten sich jedoch nicht alle an diese ungeschriebene Regel. An immer mehr Orten sind die Wände mit Graffitti verunstaltet, Georg berichtet von Spuren einer Zerstörungswut, die ihn verärgert. "Ich war mal in einer alten Wohnung über einem Kino, das war teilweise noch komplett eingerichtet. Ein Jahr später war dort unheimlich viel kaputt oder gestohlen. Es gibt Bilder eines Notenbuches aus der Wohnung, woraus jemand Konfetti gemacht hat, einfach für ein geiles Bild." Da kann Georg nur den Kopf schütteln. Wenn er weiß, dass er auf illegalem Weg ein Gelände betreten muss, hat Georg eine persönliche Regel: "Ich forciere das nicht. Ich breche keine Schlösser auf, mache nichts kaputt. Wenn nicht abgeschlossen ist, gehe ich rein – aber wenn es nicht geht, dann geht’s halt nicht."
Die Problematik mit zunehmendem Vandalismus bestätigt auch Andrea Magdeburg, Geschäftsführerin der Firma Brandenburgische Boden Gesellschaft für Grundstücksverwaltung und -verwertung (BBG), die Liegenschaften des Landes Brandenburg verwertet und für zivile Nutzung verkauft. Vandalismus sei ein Problem, und grundsätzlich unterstützt die landeseigene Gesellschaft kein Urban Exploring. "Es wird scheinbar nicht bedacht, in welche Gefahren sich die Personen dadurch begeben könnten. Zusätzlich werden durch die von den Urban Explorern veröffentlichten Fotos weitere interessierte Personen auf die Objekte aufmerksam gemacht, die sich wiederum Zutritt zu den Liegenschaften verschaffen." Die Liegenschaften in ihrer Verwaltung seien häufig munitionsbelastet oder in einem baulich gefährlichen Zustand.

Legale Win-Win-Situation

Dennoch stellt man fest: Urban Exploring fasziniert. Das Gefühl an einem Ort zu stehen, wo vor einigen Jahrzehnten noch Leben herrschte – da schauert es einem schon den Rücken runter. Und dann noch der Adrenalinschub, das "euphorische Hoch", das Georg beschreibt, wenn man einen Ort unversehrt und mit tollen Fotos wieder verlassen kann. Wären da nicht der Vandalismus, und die (Semi-)Legalität des Ganzen.
Andreas Böttger gehört schon seit den 90er-Jahren der Urbexer-Szene an, lange vor dem jetzigen Hype. "Das hatte früher eine gewisse Leichtigkeit. Berlin war nach dem Mauerfall ein einziges Fest von Leerstandobjekten, da habe ich Blut geleckt." Mit dem Internet und der Popularisierung von Hobbys wie Geocaching tat sich dann eine ganze Welt auf, eine ganze Gemeinschaft voller Enthusiasten. "2009 waren ein Freund und ich dann in leidenschaftslosen Jobs – und hatten eine Idee." Sie gründeten ihre FirmaGo2Know.
Go2Know bietet Fototouren zu Lost Places in Berlin und Brandenburg an – und zwar legal und sicher. "Das ist ein Weg für Leute, die eben nicht mal über den Zaun klettern wollen", erklärt Böttger am Telefon. Er und sein Team recherchieren interessante verlassene Orte und kontaktieren die Eigentümer. "Es gibt unterschiedliche Gründe, warum ein Eigentümer daran Interesse haben kann. Zum einen können sie davon profitieren, und manche von ihnen brauchen das Geld, um aus den Orten vielleicht mal was zu machen. Andere brauchen die Aufmerksamkeit, um Investoren anzulocken. Es ist eine Win-Win-Situation." Go2Know mietet also Lost Places, um dann mit Gruppen von Amateurfotografen die Gelände zu besuchen. Auch hier gilt die Regel: Es wird nichts mitgenommen oder kaputt gemacht, keine Spur soll von den Besuchern zurückbleiben.
Andreas Böttger und sein Freund Thilo Wiebers haben scheinbar eine Marktlücke entdeckt: Ihre Touren sind regelmäßig ausgebucht. "Der absolute Kassenschlager sind natürlich die Beelitzer Heilstätten, aber auch die Kasernenanlage in Wünsdorf." Auch Andrea Magdeburg weist darauf hin, dass bei der BBG eine Genehmigung zum Betreten der Liegenschaften einholbar ist: "Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, bei der BBG entsprechende Fotogenehmigungen für Liegenschaften zu beantragen, um sich dann legal auf den Liegenschaften zu bewegen. Dafür ist eine Aufwandsentschädigung an das Land Brandenburg zu entrichten."
Mit einer Firma wie Go2Know arbeitet die BBG derzeit nicht zusammen – sie hat aber durchaus auch schon Fototouren genehmigt. "Wir haben einige wenige Touren über das ehemalige Hospital Teupitz im Rahmen von vertraglichen Vereinbarungen gestattet. Allerdings mussten wir feststellen, dass sich die Durchführung dieser Touren als sehr aufwendig darstellt," berichtet Andrea Magdeburg. Insbesondere dann, wenn bei kampfmittelbelastetem Gelände ein Wachschutz die Gruppen begleiten müsse – was nicht immer den Vorstellungen der Fotografen entspricht.

Markt immer im Blick

Das Anmieten der Lost Places ist zeitlich befristet, erklärt Böttger – denn oftmals soll ja doch noch was mit dem Gelände passieren. Das sei ja auch ein Reiz für Urbexer: Die Orte gibt es nicht ewig, eines Tages sind sie verschwunden. "Die Orte sind wahnsinnig interessant, sie kommen aus einer anderen Zeit", betont Böttger.
Ganz praktisch gesehen, bedeutet diese Befristung aber auch, dass Go2Know immer auf der Suche nach neuen Lost Places ist. "Man muss immer den Immobilienmarkt im Blick haben. Wir haben auch ein eigenes Archiv mit alten DDR-Gebäuden, die wir im Auge behalten, die vor sich hin warten." Über die letzten Jahre war ihm sogar mal der BER als Lost Place in den Sinn gekommen – da habe er sich aber nicht getraut nachzufragen. "Vielleicht wäre das aber ein Weg gewesen, das Image aufzubessern", scherzt er.

Touren & Bloggen

Legale Fototouren zu Lost Places können unter www.go2know.de gebucht werden. Die Touren kosten zwischen 40 und 70 Euro, inklusive Getränke vor Ort. Die kürzeste Tour geht drei Stunden, die längste sieben. Geführt werden die Teilnehmer von professionellen Guides, die vorab und während des Ausfluges Auskunft geben.
Die Fotografien und Erzählungen von Georg können unter seinem Blogwww.digitalcosmonaut.com verfolgt werden. Ungefähr ein Mal im Monat gibt es einen neuen Post. Neben Lost Places postet er über Berlin-Geschichten und über seine Reisen durch ganz Europa. wal