Friedrichstadt-Palast in Berlin
: Raubtiere und Ballerinas – so lief der Bau wirklich

Der Friedrichsstadt-Palast wurde in der DDR in Rekordzeit hochgezogen. Der damalige Oberbauleiter, heute 88, erzählt bisher unbekannte spektakuläre Details.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Friedrichstadt-Palast

Aufgrund seiner Bauweise funkelt der Friedrichstadt-Palast in Berlin auch ohne Leuchtreklame.

Jens Kalaene/dpa
  • Friedrichstadt-Palast in Berlin wurde in DDR-Zeit in Rekordzeit gebaut.
  • Jürgen Ledderboge, Oberbauleiter, erzählt spektakuläre Details.
  • Bau fand in Zweischichtsystem von 6 bis 22 Uhr statt.
  • 600 Bauarbeiter waren 1981-1984 beteiligt.
  • Bau kostete 214 Millionen Mark, drei Millionen weniger als geplant.
  • Ledderboge schrieb Buch über die Baugeschichte; erschien 2025.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Um den Neubau des Friedrichstadt-Palastes in Berlin innerhalb von drei Jahren hochzuziehen, wurde Anfang der 1980er-Jahre von 6 Uhr bis 22 Uhr im Zweischichtsystem gearbeitet. Doch wenn ein Fußballspiel im nahen Walter-Ulbricht-Stadion stattfand, wurden eine Stunde vor Anpfiff die Baustellen-Tore geschlossen.

„Viele Fans kamen schon alkoholisiert vom S-Bahnhof Friedrichstraße und liefen dann bei uns vorbei. So haben wir vorher den Baustellenbereich mit der Schubkarre nach losen Pflastersteinen und anderen „Wurfgeschossen“ abgesucht und diese eingesammelt“, erinnert sich Jürgen Ledderboge.

600 Bauarbeiter an der Friedrichstraße

Es ist nur eine von zahlreichen Anekdoten, die der Oberbauleiter des Friedrichstadt-Palastes in seinem Buch zum Besten gibt. Jahrelang hat der Bauingenieur aus Berlin-Mahlsdorf dafür gekämpft, dass neben der bewegten Kulturgeschichte des berühmten über 100 Jahre alten Revuetheaters auch die spannende DDR-Baugeschichte der 80er-Jahre beleuchtet wird.

Denn die ist ähnlich spektakulär wie die Bühnenshows. Alleine schon die rund 600 Bauarbeiter von 1981 bis 1984 an der Friedrichstraße unterzubringen und zu versorgen, war eine Mammutaufgabe. „Dazu wurden 16 transportable Raumzellen für Tagesunterkünfte, zwei Speiseversorgungseinrichtungen, zwei Werkstätten, ein Magazin und eine Trafostation auf dem Gelände errichtet“, erinnert sich Ledderboge.

Keine OP bei Rammarbeiten

Direkt neben der Baugrube war die Augenklinik der Charité in einem Altbau beheimatet. „Während der Rammarbeiten von Stahlträgern für die Baugrubenwände übertragen sich die Erschütterungen so stark auf das Klinikgebäude, dass dort Laseroperationen nicht durchgeführt werden können“, notiert Ledderboge in seinem Buch. „Also treffen wir mit dem Chefarzt die Vereinbarung, bei Operationen die Rammarbeiten jeweils kurzzeitig zu unterbrechen.“

Generell sei die gute Abstimmung das A und O gewesen. Für ein Bauvorhaben dieser Größe bei einer Bauzeit von nur 39 Monaten sei es erforderlich gewesen, dass Bauausführung und Planungen parallel stattfanden, erklärt der ehemalige Forschungsleiter für „Monolithischen Betonbau“ der DDR-Bauakademie.

Modell des großen Saals des 1984 eröffneten neuen Friedrichstadtpalast in Berlin.

Modell des großen Saals des 1984 eröffneten neuen Friedrichstadt-Palastes in Berlin.

Archiv Ledderboge

Sein Buch liest sich wie eine Anleitung zum schnellen Bauen. Was beim Flughafen BER jahrelang schief ging, schien beim DDR-Prestige-Bau problemlos zu gelingen. Dabei waren alleine bei der Fertigung, Montage und Erprobung der Bühnen- und Saaltechnik mehr als einhundert verschiedene Betriebe, Kombinate und Institutionen beteiligt.

In den Friedrichstadt-Palast wurde erstmalig eine große Vorbühne mit unterschiedlich verwendbaren Spielflächen - von Eisparkett bis Wasserbassin - eingebaut. Als 1982 dafür die Öffnung des Hubpodiums mit zwölf Metern Durchmesser sichtbar wurde, sei Regisseur Volkmar Neumann aufgeregt zu ihm gekommen, erinnert sich Ledderboge. „Er erklärte mir, dass, wenn die Bühneneinrichtungen ausgetauscht werden, die Zuschauer sechs Minuten lang auf eine offene Vorbühnenfläche blicken.“

Schnell einigt man sich auf eine bewegliche Abdeckung, die gleichzeitig von zwölf Tänzern als weiteres Bühnenelement bespielt werden kann.

Bei so viel technischem Knowhow mussten Geld und Material eben woanders eingespart werden. Anstelle einer Stahl-Glas-Aluminium-Fassade wurden eigens geschosshohe Stahlbetonelemente entwickelt. Die farbigen 22.500 Glasbausteine an der Außenfassade erübrigten die Leuchtreklame. Der Einsatz von Betonwerkstein für die Verkleidung der Inneneinrichtung ersparte kostenaufwendige Holzeinbauten.

Auf dem Dach wurde erstmals im großen Stil Schaumbeton als Wärmedämmung eingesetzt. Glasfenster über den Flurtüren im Funktionstrakt dienten dazu, tagsüber Strom einzusparen. Am Ende kostete der Palast mit 214 Millionen Mark drei Millionen Mark weniger als geplant. Auch der Eröffnungstermin am 27. April 1984 wurde von Anfang an gehalten.

Allerding konnte man in der DDR bei Bedarf auch auf Bausoldaten der NVA zurückgreifen. „Doch in der Endphase des Baus verschwinden immer wieder einige Soldaten“, erzählt Ledderboge. „Nach längerem Suchen finden wir sie an den Scheiben des Wasserbeckens im Untergeschoss der Vorbühne, wo sie gebannt den Proben des Wasserballetts beiwohnen.“

Katzen statt Kröten

Auch einige rüstige Rentner aus der näheren Umgebung fragten an, ob sie helfen können. „Nach einer Baubesichtigung einigen wir uns darauf, dass sie uns bei der Bewachung des Geländes behilflich sein können“, berichtet Ledderboge. Von einem erhielt er auch sachdienliche Hinweise, wenn mal wieder Baumaterialien gestohlen worden waren.

Aufnahme auf der Baustelle des neuen Friedrichstadt-Palastes in Berlin, der von 1981 bis 1984 gebaut werden musste, weil der alte in den märkischen Sand abgesackt war.

Aufnahme auf der Baustelle des neuen Friedrichstadt-Palastes in Berlin, der von 1981 bis 1984 gebaut werden musste, weil der alte in den märkischen Sand abgesackt war.

Archiv Ledderboge

Aber auch die Tierschützer schlagen Alarm. Auf dem Baustellengelände würden speziell Katzen gequält, hieß es. „Unter den Raumzellen, die auf Streifenfundamenten lagern, befinden sich Hohlräume, in denen vor allem herrenlose Katzen Unterschlupf finden“, liefert Ledderboge die Erklärung.

Also wurden Fallen aufgestellt und die gefangenen Streuner vom Tierschutzverein abholt. „Für die Fallen bin als Oberbauleiter ich zuständig. Auch lege ich die Köder aus, die uns die Bauarbeiterversorgung bereitstellt. Die Maßnahme hat Erfolg“, schreibt Ledderboge in seinen Erinnerungen.

Doch damit nicht genug der Tiere. Im Juli 1981 erhält der Generalauftragnehmer den Auftrag zu prüfen, ob die Gegebenheiten im neuen Haus auch die Aufführung von Zirkusnummern erlauben. Wenn nicht, sollen sie geschaffen werden. So wird das Hubpodium einfach erweitert und zusätzlich eine fahrbare Zirkusmanege gebaut.

Raubtiere vor dem Hotel

„Zur Erstausstattung für Tierdressuren gehörte außerdem ein Raubtierkäfig mit Laufgang“, erinnert sich Ledderboge. Zu den Vorstellungen wurden die Käfigwagen auf dem Parkplatz der Seitenbühne in der Johannisstraße stationiert. Als Ledderboge die Direktorin des benachbarten Regierungshotels „Johannishof“ darüber informierte, fragt diese besorgt: „Und wenn ein Raubtier ausbricht und ins Hotel kommt, was dann?“ Der Bauleiter antwortet scherzhaft: „Dann haben wir vielleicht einen Minister weniger.“

Bei den Künstlern dagegen regen sich Zweifel am Sinn der weltgrößten Bühne mit einer Tiefe von rund 55 Metern. „Tanzen meine Mäuschen hier zweimal vor und zurück, sind sie tot“, wird Ballettdirektorin Gisela Walther in dem Buch zitiert.

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Die Stahlbauteile für den Zuschauersaal des neuen Friedrichstadt-Palastes in Berlin waren so groß, dass sie mit einem Kran auf dem Foyerdach zusammengesetzt werden mussten.

Archiv Ledderbog

Beim Einbau der Stahlbinder für den Zuschauersaal mit der gigantischen Spannweite von 48 Metern setzen die Firmen des VEB Metallleichtbaukombinats Leipzig eine besondere Technologie ein: Auf dem Foyerdach werden die Stahlbauteile mit einem Kletterkran zu Binderpaaren zusammengesetzt und diese mit einer speziellen Hubeinrichtung aus 36 Metern Höhe auf die Betonstützpfeiler abgesetzt.

„Da der Einbau der ersten zwei Saalbinder auf einen Feiertag fällt, sind unsere Arbeitschutz-Inspektoren nicht vor Ort, was den Ablauf der Arbeiten recht unkompliziert gestaltet“, notiert Ledderboge in seinen Erinnerungen.

Unfälle auf der Palast-Baustelle

Trotz vieler zeitgleicher Tätigkeiten auf engstem Raum gibt es keine nennenswerten Unfälle. Im Sommer 1981 gerät bei 46 Grad Außentemperatur ein Teerkocher in der Baugrube in Brand. Ein Malermeister kippt mit seiner Leiter auf der Bühne um, weil eine Luke im Boden nicht ordnungsgemäß abgedeckt worden ist. Er kommt mit dem Schrecken davon.

Apropos-Arbeitsschutz: Kurz nach der Wende wird im Friedrichstadt-Palast nach Asbest gesucht. „Ein Fund wäre – wie beim Palast der Republik – der perfekte Vorwand für die Schließung des Hauses“, schreibt Ledderboge. Von dem krebserregenden Material findet man allerdings keine Spur. „Während der Planung des Friedrichstadt-Palasts gab es damals erste Informationen darüber, dass Bauarbeiter an Asbeststaub gestorben seien“, erklärt Ledderboge. „Deshalb haben wir darauf verzichtet.“

Heute stellt den Friedrichstadt-Palast niemand mehr in Frage. Er steht inzwischen unter Denkmalschutz. Ledderboge hätte sein Buch gerne zum 40. Jubiläum 2024 herausgebracht. Dafür hat er schon ab 2017 viele Klinken geputzt. Die Baupläne, Zeichnungen, Fotos und Erinnerungen hätte er auch einem anderen Autoren vermacht.

Jürgen Ledderboge (l.) mit .... hat seine Erinnerungen und Bauskiz

Bauingenieur Jürgen Ledderboge (l.) und Thomas Liebscher vom Passage-Verlag stellen auf der Leipziger Buchmesse das neue Buch zum Friedrichstadtpalast vor, in dem der ehmalige Oberbauleiter seine Erinnerungen an das Mega-Projekt veröffnentlicht hat.

Jochen Ledderboge

Doch selbst der Friedrichstadt-Palast zeigte kein Interesse. Als dann 2018 auch noch der bekannte DDR-Architekt und Palast-Planer Manfred Prasser verstarb, dachte sich Ledderboge: „Nun musst du das Buch eben selbst schreiben." 13 000 Euro steckt er alleine in das Layout. Doch als die Grafiker weiter die Preise erhöhen und ein Verlag die Vertragsunterzeichnung immer wieder hinauszögert, muss Ledderboge die Reißleine ziehen.

Der Traum vom Palast-Buch

Sein Ingenieurbüro, das er nach dem Mauerfall gegründet hatte, war zwar gut gelaufen. Unter anderem hatten er und seine Leute für große Automarken Showräume in Berlin errichtet. Doch für ihn als selbstständigen Unternehmer ist heute trotzdem keine große Rente übriggeblieben.

Dem Friedrichstadtplast und den Bauleuten von damals aber will Jürgen Ledderboge trotzdem unbedingt ein Denkmal setzen. Ein Zeitungsartikel in diesem Medium führt letztendlich zum Kontakt zu Thomas Liebscher vom Passage-Verlag in Leipzig.

Der stellt aber eine Bedingung: Ledderboge muss schon vor dem Druck ein paar hundert Interessenten finden, die das Buch für einen Vorzugspreis vorbestellen. Der Bauingenieur, inzwischen 88 Jahre alt, verteilt Flyer an Freunde, Verwandte, läuft die Buchhandlungen ab. Es kommen tatsächlich rund 250 private Vorbestellungen zusammen. Auch der Buchhandel bestellt 200 Exemplare.

So steht Jürgen Ledderboge Ende März 2025 auf der Leipziger Buchmesse und präsentiert strahlend das 200 Seiten starke Werk. „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, sagt er heute. Er hat es doch noch geschafft. Vielleicht auch, weil er - wie schon beim Bau des Palastes - einen Bühnen-Spruch zur Lebens-Maxime hatte: „Egal, was passiert: The Show must go on.“

Das Buch „Friedrichstadtpalast - Vom Neubau zum Denkmal" ist im Leiziger Passage-Verlag erschienen und für 28 Euro im Buchhandel erhältlich.