Interview
: Manja Schüle: „Es gibt Dinge, die wir nicht akzeptieren können“

Als Dreizehnjährige schrieb sie an den Bürgermeister in Heilbronn, damit er sie einlädt. Heute ist Manja Schüle als Ministerin für Kultur und Wissenschaft verantwortlich.
Von
Ulrich Thiessen,
Christina Tilmann
Potsdam
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Von der Muse geküsst: Manja Schüle beim Antrittsbesuch im Staatstheater Cottbus.

MOZ/Thomas Klatt

Sie stammt aus Frankfurt (Oder) – und ist Dietmar Woidkes jüngste Ministerin im Kabinett. Manja Schüle (SPD) ist seit drei Wochen Brandenburgs Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Im Gespräch mit dieser Zeitung redet sie über Kleist und Fontane, das alte Kino in Frankfurt (Oder) – und ihre Lieblingslektüre.

Frau Schüle, Ihr Gebiet war bisher eher die Forschung. Was ist Ihr Programm für die ersten 100 Tage Kulturministerium?

Ich will erst mal durchs Land fahren und mit den Leuten reden. Ab Januar werde ich dafür Kreisreisen veranstalten, wo ich einen ganzen Tag in einer Region unterwegs bin, so dass ich mir viele Kultur- und Forschungseinrichtungen ansehen kann.

Ihre erste Dienstreise ging nach Cottbus. Bei der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus/Frankfurt (Oder) gab es zuletzt viel Ärger. Sehen Sie die Häuser jetzt als gut aufgestellt an?

Ja. Ich habe das Gefühl, dass es gerade am Staatstheater Cottbus – das ja einige Turbulenzen hinter sich hat – eine Aufbruchsstimmung gibt. Dazu tragen insbesondere die Neuen bei, die die Brandenburgische Kulturstiftung und das Staatstheater im kommenden Jahr verstärken werden. Ich glaube, das wird gut werden.

Personalien sind das eine, Räume das andere. Frankfurt (Oder) hat große Pläne, ich sage nur Oderphilharmonie, Kulturhauptstadt Europas… Was ist da realistisch?

Die Kulturhauptstadt-Pläne unterstütze ich natürlich! Ich finde es eine wunderbare Idee, das passt zu Frankfurt (Oder) und zur Viadrina. Ich komme ja selbst aus Frankfurt und habe dort nicht nur die Grenzöffnung als Jugendliche miterlebt, sondern mich damals auch sehr über den Aufbau des Collegium Polonicums gefreut – dass es nicht nur um Warenverkehr über die Grenze geht, sondern auch um einen grenzüberschreitenden Austausch von Ideen, finde ich für Europa ein sehr wichtiges Signal.

Wie steht es um das alte Kino in Frankfurt, das es ja sogar in den Koalitionsvertrag geschafft hat als neuer Standort für das Landesmuseum für moderne Kunst. Wie stark werden Sie sich dort engagieren?

Natürlich hängt mein Herz am Lichtspieltheater – ich bin mit dem Haus groß geworden. Für alle, die in Frankfurt leben, ist es traurig, wenn man an diesem leerstehenden Haus vorbeikommt ... aber das wird sich ja nun glücklicherweise ändern. Wenn wir das mit Finanzierung, Planung, Konzeptionierung und Bauausschreibung in dieser Legislaturperiode hinbekommen, haben wir viel geschafft. Ob wir 2024 tatsächlich das rote Bändchen durchschneiden können, wird man sehen. Aber ich werde bei allen beteiligten Partnern hinterher sein, damit wir es schaffen.

Gibt es Kulturinstitutionen, wo Sie sich größere Unterstützung durch den Bund wünschen würden?

Ich erhoffe mir ein verstärktes Engagement des Bundes im Bereich der Gedenkstätten. Unsere Gedenkstätten in Sachsenhausen und Ravensbrück, aber auch an Orten wie Potsdam, Brandenburg an der Havel, Jamlitz-Lieberose, Tröbitz oder im Belower Wald ziehen jedes Jahr unzählige Besucher aus aller Welt an. Es ist unsere gemeinsame Geschichte, deshalb ist es auch eine nationale Angelegenheit. Gleichzeitig werden die Überlebenden aufgrund ihres Alters bald nicht mehr zur Verfügung stehen – hier brauchen wir neue länderübergreifende Konzepte der Vermittlung. Wir haben im Koalitionsvertrag festgelegt, dass Schüler in ihrer Schulzeit jeweils einen authentischen Ort des National-sozialismus und der DDR-Geschichte besuchen sollen – das finde ich einen guten Ansatz.

Hoffen Sie auch deshalb darauf, weil mit einem von der AfD geleiteten Kulturausschuss sonst die Unterstützung fehlen könnte?

Ich richte meine Politik nicht an einer einzelnen Partei aus. Aber wir haben ein Problem mit Verhaltensweisen in Gedenkstätten, die wir nicht akzeptieren können. Wenn an Gedenkstätten, die für den schlimmsten Zivilisationsbruch stehen, den wir jemals erlebt haben, Verbrechen geleugnet und Opfergruppen verhöhnt werden oder Geschichte als „Vogelschiss“ relativiert wird, dann werde ich das nicht unwidersprochen lassen. Auch im Umgang damit brauchen unsere Gedenkstätten eine stärkere Unterstützung – gerade auch vor dem Hintergrund, dass wir im kommenden Jahr 75 Jahre Kriegsende begehen.

In diesem Jahr ist Fontane das große Thema. Brandenburg hat sich dieses Jubiläum einiges kosten lassen. Hat sich das gelohnt?

Definitiv. Brandenburg ist Fontane-Land. Das haben mit dem Jubiläumsjahr jetzt auch alle anderen in Deutschland mitbekommen. Mir hat besonders gefallen, dass man sich dem großen märkischen Autor mit unkonventionellen Formaten wie Poetry-Slams, künstlerischen Interventionen und Escape-Games für Jugendliche genähert hat. Das hat Fontane ein Stück vom Thron der Klassiker heruntergeholt.

Aber Sie selbst sind kein großer Fontane-Fan?

Für mich als Frankfurterin ist Kleist der stärkere Identifikationsfaktor. Dazu gibt auch eine nette Geschichte: 1990 habe ich in der Zeitung gelesen, dass Heilbronn die Partnerstadt von Frankfurt (Oder) ist – hier kommt der Kleistbezug mit dem „Käthchen von Heilbronn“. Ich habe dann an den Oberbürgermeister von Heilbronn geschrieben: „Mein Name ist Manja Orlowski, ich bin 13 Jahre alt, komme aus deiner Partnerstadt, kenne dich zwar nicht, habe aber jetzt Sommerferien und noch nichts vor – ich warte auf deine Einladung.“ Die kam tatsächlich und ich habe zwei Wochen bei einer Familie gewohnt und meine ersten Ost-West-Debatten geführt. Und das dank Kleist.

Was lesen Sie aktuell? Haben Sie überhaupt Zeit zum Lesen?

In den letzten beiden Jahren als Bundestagsabgeordnete fehlte mir leider oft die Zeit. Ein Buch, das mich immer noch beschäftigt, ist Manja Präkels‘ „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Es ist im Prinzip auch die Geschichte meiner Jugend, sehr dicht, sachlich und nüchtern. Aktuell liegen bei mir Saša Stanišics „Herkunft“ und Juli Zehs „Neujahr“. Als Mutter geht es für mich aber auch öfter ins Kindertheater oder in einen Kinderfilm.

Sie werden als Kulturministerin wieder mehr zu Premieren gehen – wie stark werden Sie in Stiftungsräten präsent sein?

Ich werde sicherlich Premieren besuchen, will aber nicht nur die Premieren-Ministerin sein. Und natürlich werde ich auch in den wichtigen Stiftungsräten präsent sein. Sehr wichtig sind mir auch die Festivals im Land – wir haben inzwischen rund 60 Festivals mit mehr als 100 000 Besuchern im Jahr. Das ist ein Pfund, mit dem wir stärker wuchern wollen.

An welche Festivals denken Sie da besonders?

Zum Beispiel Alinae Lumr in Storkow, oder das Bergfunk Open Air auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen. In der Lausitz etablieren wir gerade ein Lausitz-Festival, das wir gemeinsam mit Sachsen planen. Davon verspreche ich mir eine große kulturelle Strahlkraft, ein bisschen wie bei der Ruhrtriennale.

Apropos Lausitz: Im Sommer wurden von Ihrem Haus erste Vorstellungen zur Medizinerausbildung in Cottbus vorgelegt. Was ist seitdem passiert?

Bei den Koalitionsverhandlungen haben wir uns auf den Aufbau einer staatlichen Medizinerausbildung verständigt. Es ist aber nicht ganz einfach. Wir haben – anders als alle anderen Bundesländer – keinerlei Erfahrung mit dem Aufbau einer Hochschulmedizin. Deshalb warne ich vor Schnellschüssen. Derzeit reden wir mit vielen Experten, beispielsweise über die medizinische Versorgung im ländlichen Raum oder die Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung. Anfang des kommenden Jahres wollen wir auf dieser Grundlage ein Konzept entwickeln. Eins ist klar: Für das Projekt brauchen wir definitiv einen langen Atem – aber ich bin sicher: Wir werden das hinkriegen.

Die BTU kann vielleicht mit der Medizinerausbildung sinkende Studentenzahlen stoppen. Wie sieht Ihr Rezept für die Europa-Universität aus, die ebenfalls einen Rückgang zu verzeichnen hat?

Ich mag es nicht, wenn immer davon geredet wird, die Viadrina stecke im Dornröschenschlaf. Die Universität hat 6500 Studierende, ein Viertel davon aus dem Ausland – sie ist nach wie vor eine attraktive Hochschule mit starkem Europa-Profil. Und sie hat sich mit der Gründung der European New School of Digital Studies auf den Weg gemacht, sich weiter zu entwickeln. Forschung zu den Auswirkungen der Digitalisierung wird der Mega-Trend der nächsten Jahre – ich bin davon überzeugt, dass das eine Sogwirkung entfalten wird.

Wie sehen Sie den Streit mit dem Hause Hohenzollern? Sollte man die Frage der Entschädigung den Gerichten überlassen oder weiter auf Verhandlungen setzen?

Wir wollen uns auf Arbeitsebene erst einmal mit der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien zusammensetzen. Die Akteure Bund, Berlin und Brandenburg sollten sich nicht gegenseitig Briefe schreiben, sondern treffen und abstimmen. Fakt ist, dass wir die Forderungen der Hohenzollern nach Wohnrecht in unseren Schlössern nicht akzeptieren. Punkt! Natürlich müssen wir mit dem Hause Hohenzollern reden, wie mit deren Leihgabe in unseren Schlössern und Museen künftig umgegangen werden soll. Ich kann verstehen, dass es ein großes öffentliches Interesse gibt – es geht schließlich um den Umgang mit unserer Geschichte. Da wäre es ein gutes Signal, auf Klagen gegen Historiker und Journalisten zu verzichten, die sich an diesem Diskurs beteiligen.

Vom Bundestag ins Ministerium

Manja Schüle, geboren 1976 in Frankfurt (Oder), hat an der Universität Potsdam Politikwissenschaften studiert. Bei der Bundestagswahl 2017 gewann sie als einzige SPD-Abgeordnete in Ostdeutschland ein Direktmandat für den Bundestag, das sie nun für den Posten als Ministerin für Kultur, Wissenschaft und Forschung aufgegeben hat. Manja Schüle lebt mit ihrer Familie in Potsdam. ⇥red