Jürgen Habermas mit 96 Jahren gestorben: Philosoph mit öffentlichem Auftrag

Prägte die intellekturelle Debattenkultur in Deutschland: der Philosoph Jürgen Habermas (1929 - 2026). Am 14. März ist er mit 96 Jahren gestorben.
Arne Dedert/dpa- Jürgen Habermas ist mit 96 Jahren in Starnberg gestorben (14. März), teilte Suhrkamp mit.
- Bundespräsident Steinmeier: Deutschland verliert „einen großen Aufklärer“.
- Hauptwerke: „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1961), „Erkenntnis und Interesse“ (1968).
- „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) gilt als sein zentrales Werk.
- 2019 erschien „Auch eine Geschichte der Philosophie“ mit 1750 Seiten.
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Eine der einflussreichsten Stimmen Deutschlands ist verstummt: Am Samstag starb der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren in Starnberg, wie der Suhrkamp Verlag unter Berufung auf die Familie der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Habermas zählte zu den wichtigsten Denkern der Gegenwart.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte, Deutschland habe „einen großen Aufklärer“ verloren. In seinem Kondolenzschreiben an Habermas' Kinder heißt es: „Er hat uns das Ethos des demokratischen Diskurses gelehrt und die Emanzipation des Menschen als unaufgebbares Ziel begründet.“
Die Hauptwerke des gebürtigen Düsseldorfers Habermas entstanden in Frankfurt am Main, wo seine Karriere in den 1950er Jahren am Institut für Sozialforschung bei Theodor W. Adorno begann. 1961 wurde er in Marburg mit dem Werk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ habilitiert.
Antrittsvorlesung „Erkenntnis und Interesse“ machte ihn berühmt
Nach wenigen Jahren an der Universität Heidelberg übernahm er 1964 Max Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt. Aus seiner Antrittsvorlesung wurde 1968 das Buch „Erkenntnis und Interesse“ (1968). Während der Studentenrevolte wurde Habermas als Unterstützer wahrgenommen, lehnte die Radikalisierung der Bewegung jedoch ab.
Steinmeier erklärte, Habermas habe maßgeblich dazu beigetragen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die intellektuelle Öffnung der Bundesrepublik für die politische Kultur des Westens gelang und damit der Weg zu einer gefestigten Demokratie geglückt sei. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hob hervor, Habermas sei über Jahrzehnte Impulsgeber des fairen demokratischen Diskurses gewesen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nannte ihn in diesem Zusammenhang ein „Leuchtfeuer in tosender See“.
Habermas meldete sich immer wieder zu Wort
1971 wechselte er nach Starnberg bei München, wo er bis 1981 das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete. In seinem letzten Jahr veröffentlichte er sein Hauptwerk, „Theorie des kommunikativen Handelns“. 1983 kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 erneut einen Lehrstuhl für Philosophie übernahm.
Im Alter, das er am Starnberger See verbrachte, meldete er sich zu politischen Fragen zu Wort, etwa zu Kosovokrieg, Hirnforschung oder Religionskämpfen. Er hat nicht nur die Geistesgeschichte Deutschlands geprägt, sondern auch die Debattenkultur.
Selbst im sehr hohen Alter war Habermas noch höchst produktiv. 2019 veröffentlichte er ein Werk mit 1750 Seiten Umfang. Unter dem tiefstapelnden Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ beleuchtete er das Spannungsfeld zwischen Glauben und Wissen. Ein „imponierendes Alterswerk“, „an systematischer Gestaltungskraft kaum zu überbieten“, aber auch „eine Herausforderung für jeden Leser“, urteilte die Fachwelt. Das Magazin „Cicero“ setzte Habermas noch 2019 nach Peter Sloterdijk auf Platz zwei der wichtigsten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
„Sehr rege, sehr wach, geistig punktgenau fixiert“
„In irgendeiner Arbeit steckt er immer“, sagte der Autor Roman Yos, der mit dem Soziologen Stefan Müller-Doohm ein Gesprächsband mit Habermas zu dessen 95. Geburtstag veröffentlicht hat. Yos erlebte ihn als „sehr rege, sehr wach, geistig punktgenau fixiert“, wie er der dpa sagte.
Die Karriere des Philosophen begann in den 1960ern. Seine Hauptwerke entstanden in Frankfurt am Main, wo er als Forschungsassistent am Institut für Sozialforschung bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno anfing. Er promovierte 1954 in Bonn mit einer Arbeit über den Philosophen Schelling (1775-1854). In Marburg habilitierte er sich 1961 mit „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, dieses Werk gilt bis heute als bahnbrechend und ist thematisch auch heutzutage hochaktuell: Habermas zeichnet darin die Grundlagen eines gesellschaftskritischen Denkens und Handelns nach, das demokratischen Traditionen verpflichtet ist.
1964 übernahm er Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt, den er zunächst bis 1971 innehatte – in der Zeit der Studentenproteste. In den 1970er Jahren arbeitete er an zwei Max-Planck-Instituten in Bayern, bevor er 1983 nach Frankfurt zurückkehrte. In seinen späten Lebensjahren lebte er am Starnberger See. Habermas war seit 1955 mit seiner Frau verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.
Ein Leitfaden für die moderne Gesellschaft
In seinem Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) entwarf Habermas eine Art Handlungsleitfaden für die moderne Gesellschaft. Seiner Theorie zufolge liegen die normsetzenden Grundlagen einer Gesellschaft in der Sprache. Als Verständigungsmittel ermögliche sie erst soziales Handeln. In „Erkenntnis und Interesse“ (1968) stellte er heraus, dass es keine „objektive“ Erkenntnis gibt. Sowohl in der Wissenschaft als auch in Politik und Gesellschaft sei sie abhängig vom jeweiligen Interesse.
Der am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geborene Habermas hat in jungen Jahren den Zweiten Weltkrieg erlebt. Die Erfahrung, unter einem kriminellen Regime gelebt zu haben, habe seine enorme Politisierung ausgelöst und sein Engagement für Demokratie begründet, glaubt Biograf Müller-Doohm. Dass Habermas stets „einen hohen Nachrichtenwert“ hatte, erklärte Müller-Doohm so: „Weil dieser Mann immer wieder den geschützten Raum der Universität verlassen hat, um in die Rolle des streitbaren Debattenteilnehmers zu schlüpfen und auf diesem Wege Einfluss auf die Mentalitätsgeschichte dieses Landes zu nehmen.“
Sternstunden - Gesprächsrunde über die Theorien von Jürgen Habermas:
Er verkörperte die Rolle des politischen Intellektuellen „quasi in persona“, sagte Roman Yos: „Wann immer es um den Zustand nationaler Befindlichkeiten oder um die Gegenwart und Zukunft Europas schlecht bestellt schien, durfte man mit seiner öffentlichkeitswirksamen Wortmeldung rechnen.“
„Er kann nicht nicht politisch denken“
Studentenbewegung, Wiedervereinigung, NATO-Einsätze, Terrorismus, Stammzellforschung, Bankenkrise, Europa – seine Positionen zu solchen vieldiskutierten Themen in einem Schlagwort zusammenzufassen, würde der Differenziertheit seiner Argumentation nicht gerecht. Corona, der Ukraine-Krieg und der Nahost-Konflikt haben ihn in den letzten Jahren beschäftigt. „Er kann nicht nicht politisch denken“, betonte Yos.
Gemeinsam, sagen Kenner seines Werks, war stets ein positives Menschenbild und der Glaube an die Macht der Vernunft, an die Kraft des besseren Arguments. Schon zu seinem 80. Geburtstag hatte Habermas beschlossen, sein Archiv der Universität Frankfurt zu überlassen. Seit seinem 85. Geburtstag waren die Unterlagen für Wissenschaftler zugänglich.
Die Jahre in Frankfurt waren „die befriedigendste Zeit meines akademischen Lebens“, sagte er bei einem Vortrag an seiner alten Hochschule einen Tag nach seinem 90. Geburtstag. Habermas wurde gefeiert wie ein Popstar. 3000 Zuhörer lauschten seinen Worten, vom Audimax wurde der Vortrag in fünf Säle übertragen. Als ein falscher Feueralarm ihn unterbrach und das Gebäude geräumt wurde, brachte das den 90-Jährigen kein bisschen aus der Ruhe. Er bedankte sich „für die Erhöhung der Komplexität“ – und fuhr ungerührt fort.


