Was für ein Wochenende der Kultur: In Gotha zerlegt sich der deutsche PEN aufs Bitterste über die Frage, ob der Journalist Deniz Yücel als Präsident zurücktreten muss – am Ende wirft er selbst hin und beschimpft die Autorenvereinigung als „Bratwurstbude“. In Oberammergau gibt sich lokale und überregionale Prominenz beim um zwei Jahre verschobenen Spektakel der Passionsfestspiele ein Stelldichein. Und in Turin eröffnen 8000 Fans in der PalaOlimpico den Eurovision Song Contest und singen im Chor John Lennons Hymne „Give Peace A Chance“ – 1000 Musikerinnen und Musiker performen dazu auf Turins schönem Marktplatz.

Beim ESC in Turin heißt es: „Jeder hier will Frieden“

So viele Emotionen, Leidenschaften, aber auch Streit, und alles ist grundiert vom Ukraine-Krieg. „I ask all of you: Please help Ukraine, Mariupol, help Asov stal – right now“, sagte Sänger Oleh Psjuk vom Kalush Orchestra (Ich bitte Euch alle: Helft der Ukraine, Mariupol und den Menschen im Asow-Stahlwerk) und verletzte damit die Regeln, dass beim ESC politische Statements explizit verboten sind. Am Ende gewann die Ukraine erwartungsgemäß mit dem Song „Stefania“, und mit der Ansage „Dieser Sieg ist für alle Ukrainer“ verabschieden sich Oleh Psiuk und seine Kollegen – am Montag geht es zurück in die Heimat, in den Krieg.
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„Wir sind bereit zu kämpfen“, sagt Psiuk. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gratulierte der Gruppe. „Unser Mut beeindruckt die Welt, unsere Musik erobert Europa“, schrieb Selenskyj auf Facebook. Ob der nächste ESC tatsächlich in der Ukraine wird stattfinden können, das wagt an diesem Abend niemand vorherzusagen. Moderatorin Laura Pausini fasst zusammen: „Jeder hier will den Frieden.“

„Höllenspektakel“ bei der PEN-Jahrestagung in Gotha

Frieden hätte man auch dem PEN gewünscht, auf der Jahrestagung an diesem Wochenende in Gotha. Die Schriftstellervereinigung steht nach dem Treffen, das in dem überraschenden Abgang des Präsidenten Deniz Yücel gipfelte, vor einem Scherbenhaufen. Über den Showdown auf der Mitgliederversammlung waren auch Tage danach viele Mitglieder entsetzt. Als beschämend, unwürdig und schäbig empfanden sie die Grabenkämpfe zwischen Yücel-Kritikern und Unterstützern. In der Aussprache am Sonnabend war von „toxischer Männlichkeit“ und „einer Riege alter westdeutscher Herren“ die Rede, die persönliche Eitelkeiten vor die politische Wirksamkeit des Vereins stellten. Die Schriftstellerin Julia Franck sprach von einem „Höllenspektakel“ in Gotha. Ihre Kollegin Thea Dorn sagte, für sie mache ein Verbleib im PEN nur Sinn, wenn sich die Vereinigung radikal neu aufstelle. PEN-Mitglied Herbert Wiesner mahnte: „Wir brauchen einen Neuanfang mit jüngeren Leuten nach diesem Desaster, wir steuern ins Nirwana.“
Deniz Yücel, Präsident der Schriftstellervereinigung PEN-Zentrums Deutschland steht zu Beginn der Mitgliederversammlung am Rednerpult. Die Mitgliederversammlung soll über die erst im Oktober eingesetzte Spitzenriege unter dem zum Präsidenten gewählten Journalisten Deniz Yücel entscheiden. Am Ende trat er selbst zurück.
Deniz Yücel, Präsident der Schriftstellervereinigung PEN-Zentrums Deutschland steht zu Beginn der Mitgliederversammlung am Rednerpult. Die Mitgliederversammlung soll über die erst im Oktober eingesetzte Spitzenriege unter dem zum Präsidenten gewählten Journalisten Deniz Yücel entscheiden. Am Ende trat er selbst zurück.
© Foto: Martin Schutt/dpa
PEN gilt weltweit als Stimme verfolgter und unterdrückter Autoren. In Gotha sprachen die Mitglieder nur über eins: sich selbst – und dass in einem teils unversöhnlichen und giftigen Ton, in dem sich keines der Lager etwas schenkte. Der Streit offenbarte nicht nur ein tiefes Zerwürfnis, sondern auch ein Ringen um die Ausrichtung von PEN. Yücel sprach nach seinem Rücktritt von einer Diskrepanz zwischen der PEN-Vergangenheit mit großen Namen und der Gegenwart, in der „Selbstdarsteller und Wichtigtuer“ den Verein als Bühne missbrauchten und für die verfolgte Autoren nur Beiwerk seien. Einigkeit herrschte in Gotha nur in einem Punkt: Es gibt nur Verlierer. Um es im ESC-Modus zu werten: PEN: 0 Punkte.
04.05.2022, Bayern, Oberammergau: Der Jesusdarsteller Frederik Mayet reitet auf einem Esel bei der Fotoprobe zu den 42. Oberammergauer Passionsspielen. Am 14. Mai 2022 ist Premiere. Foto: Angelika Warmuth/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
04.05.2022, Bayern, Oberammergau: Der Jesusdarsteller Frederik Mayet reitet auf einem Esel bei der Fotoprobe zu den 42. Oberammergauer Passionsspielen. Am 14. Mai 2022 ist Premiere. Foto: Angelika Warmuth/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
© Foto: Angelika Warmuth

Das Stück der Stunde: Die Passionsspiele in Oberammergau

Einen Neuanfang geschafft haben indes die traditionellen Passionsspiele in Oberammergau, die in der Vergangenheit mit Antisemitismus-Vorwürfen und natürlich mit Corona zu kämpfen hatten. Doch nun ist das Dorf-Spektakel das Stück der Stunde: „Wahre den Frieden“, fordert Jesus beim Abendmahl Judas auf, als der frustriert Widerstand gegen die unterjochenden Römern verlangt: „Gott will, dass wir uns wehren.“ Die 2000 Jahre alten Bibelworte, die Frederik Mayet als starker Christus Jüngern und Volk zuruft, gewinnen in Zeiten des Krieges brennende Aktualität: „Selig die, die Frieden stiften.“ Und bei der Festnahme, als Petrus ihn verteidigen will: „Die das Schwert ergreifen, werden durch das Schwert umkommen.“ Immer wieder mahnt er: „Kehrt um“, „denkt um!“.
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„Man kann die Passionsspiele in diesen Tagen jedenfalls nicht einfach nur als Historienspiel sehen. Viel zu sehr stehen die Passionen der Menschen heute direkt vor Augen“, sagte der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm im Eröffnungsgottesdienst vor der Premiere und verwies auf Krisen- und Kriegsgebiete wie die Ukraine oder den Jemen. Und der katholische Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx sagte: „Gewalt hat nicht das letzte Wort, Macht hat nicht das letzte Wort“.