Wir tanzen durch das ganze Haus/ Bis in den nächsten Tag/ Wir machen richtig laut denn wir haben keine Nachbarn und keinen Mietvertrag.“ Die treibenden Punkrock-Rhythmen des Songs „Unser Haus“ der „Alex Mofa Gang“ schallen über das Gelände des ersten Beeskower „Prima Marina Festivals“, lassen die Leute tanzen. Handelt der Text etwa vom „Wohnprojekt Rakäte“?
Beeskow. Ein guter Ort für ein Festival. Und ein guter Ort zum Leben, finden die Initiatoren des Festivals. Nicht allein, nicht irgendwo. Sieben Menschen sind im Begriff, die ehemalige Förderschule am Rand der Stadt wieder mit Musik, Kunst, Handwerk, Kultur, mit Lachen, mit Leben zu erfüllen.
Sieben ganz unterschiedliche Charaktere mit sieben ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen: Altstadtmanagerin und Sanierungsbeauftragte, Maurer und Ingenieur, Store Managerin, Ton- und Lichttechniker, Sounddesigner, Tourenmanager, Gitarrist sowie Lehrerin für Englisch und Kunst. Gemeinsam geben sie dem Haus in gewisser Weise seinen ursprünglichen Sinn zurück – und schaffen doch etwas völlig Neues.

Musik im Blut und Ideen im Kopf

Es war still geworden in den vorangegangenen Jahren in der 2013 entwidmeten Schule. Zuletzt beherbergte das Gebäude eine Möbeltauschbörse. Nun soll es das Zuhause von mutigen Menschen mit Musik im Blut und kreativen Ideen im Kopf werden – Wohnraum und Kreativzentrum in einem. „Ich glaube, dass die Zukunft in gemeinschaftlichen Wohnprojekten liegt, welche bereits bebaute Flächen in Deutschland wiederbeleben, statt noch mehr zu versiegeln und noch mehr Raum auf dieser Erde einzunehmen“, sagt Anna Gerlach.
Sie wird eine der vier geplanten Wohneinheiten dieses alternativen Wohnprojektes namens „Rakäte“ beziehen. Nein, Rakäte ist nicht falsch geschrieben. Das wäre Anna Gerlach als Lehrerin am Beeskower Rouanet-Gymnasium aufgefallen. Vielmehr erinnert das „ä“ an die frühere Nutzung des 1975 errichteten DDR-Typenbaus Erfurt TS 66 als Käte-Agerth-Förderschule.
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Die 33-Jährige fand über die Internet-Plattform „Bring together“ aus dem fernen Nordrhein-Westfalen ins brandenburgische Beeskow. Die Aussicht, in der ehemaligen Schule eine ungewöhnliche neue Heimat zu beziehen, fasziniert sie. Zuvor hatte sie bereits ein Jahr mit ihrem Partner Sascha Haus an einer alternativen Wohnform gebaut und ein weiteres Jahr auf 18 Quadratmetern in einem Tiny House gelebt, ohne fließend Wasser und mit Trocken-Trenn-Toilette.
Der Kontrast könnte kaum größer sein, denn das neue Quartier in der Lübbener Chaussee wird mit rund 170 Quadratmetern schon allein an Wohnfläche das etwa Zehnfache ausmachen, fließend Wasser und Abwasser inklusive.

Erfurt TS 66 –die Schule von der Stange

Dabei ist das künftige Zuhause architektonisch gesehen vielleicht kein Meisterwerk. Es ist einer von drei Schulstandardtypen, die in der DDR zwischen 1965 und 1989 landauf, landab errichtet wurden. Schule von der Stange sozusagen. Das Modell Erfurt TS 66 mit seinem dreigeschossigen Querverbinder zwischen zwei viergeschossigen Gebäudetrakten ist ein quadratisch praktischer Plattenbau – und leider auch das: sanierungsbedürftig. Bereits seit 1994 ist das amtlich. Eine Analyse zum allgemeinen Zustand des Bautyps bescheinigte dem Modell Erfurt TS 66 keine allzu guten Noten. Dach, Fassade, Heizung, Sanitär, Elektro – alles eher mangelhaft, ergo sanierungsbedürftig.
Nichts zu meckern hatten die damaligen Experten bei der Frage nach der Standsicherheit und Tragfähigkeit des Bautyps. Aber es ist notwendig, die betagte Beeskower Bausubstanz nach heutigen Standards des Wärme-, Schall- und Brandschutzes zu verjüngen. Dennoch: „Wir waren sofort schockverliebt.“
„Rakäte“-Mitbegründer Maik Müller erzählt von der ersten Besichtigung und von den Wegen, die zum Abenteuer „Rakäte“ führten.

Offener Kreativ- und Experimentier-Ort

2020, mitten in der Corona-Pandemie, wurde es einigen der heutigen „Rakäte“-Initiatoren zu eng in der Hauptstadt. Sie suchten nach Alternativen: Alternativen zum Wohnen, Alternativen zum Musikmachen und zum Musikaufnehmen, zum Geld verdienen. Die Idee, Wohn- und Kreativraum zu vereinen, war schnell geboren. Es galt, einen passenden Ort zu finden. Berlin wurde abgewählt. Zu viele Künstler auf zu wenig Raum. Zu teuer.
Die Beeskower Altstadtmanagerin Kerstin Müller wiederum wusste um die verwaiste „Käte“. Für die Wohnungssuchenden, die nicht das klassische Reihenhausglück, sondern einen offenen Kreativ- und Experimentier-Ort im Blick hatten, war dieses riesige Haus genau das Richtige: 26.000 Quadratmeter Grundstücksfläche, davon 6.663 Quadratmeter Bauland und rund 19.000 Quadratmeter Wald; 720 Quadratmeter Wohnfläche sowie 335 Quadratmeter Arbeitsräume – was für ein enormer Raum, so viel Potenzial!
Zimmer mit Ausblick: Die ehemaligen Käte-Agerth-Förderschule in Beeskow, ein 1975 errichteter DDR-Typenbau Erfurt TS 66, ist jetzt das Zuhause des gemeinschaftlichen Wohnprojektes „Rakäte“.
Zimmer mit Ausblick: Die ehemaligen Käte-Agerth-Förderschule in Beeskow, ein 1975 errichteter DDR-Typenbau Erfurt TS 66, ist jetzt das Zuhause des gemeinschaftlichen Wohnprojektes „Rakäte“.
© Foto: Andreas Batke/kursbuch oder-spree

Idealismus und Risikobereitschaft

Seit Dezember 2021 ist die „Rakäte GbR“ Eigentümerin dieses Potenzials. Neben Kerstin und Maik Müller gehören Tochter Maxi Müller, Thomas Kosslick, Oliver Fries, Anna Gerlach und Sascha Haus dazu. Gemeinsam wollen sie ab Jahresbeginn 2023 in der „Käte“ wohnen, arbeiten, einen Ort der Begegnung schaffen. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. Idealismus, Visionskraft und eine gehörige Portion Risikobereitschaft mögen zwar auch für das Ja zur „Rakäte“ entscheidend gewesen sein. Doch zumindest die Sanierungsbedürftigkeit des Altbaus schreckt sie nicht.
Maik Müller und seine Frau Kerstin können beurteilen, worauf sie sich da einlassen: Beide sind vom Fach. Planungsleistungen stellen also keine Hürden dar. Als gelernter Maurer kann Maik Müller zudem viele Umbauten in Eigenleistung erbringen. Zum Glück wurden die zugigen DDR-Fenster bereits 1995 weitestgehend durch isolierverglaste ausgetauscht. Dies rettete letztlich das ambitionierte „Rakäte“-Projekt vor einem Luftschloss-Dasein. Andernfalls hätten sich Kauf und Umnutzung des Objektes nicht gerechnet.

Viel von der alten Bausubstanz erhalten

Pläne für eine auch ökologisch nachhaltige Umnutzung des Schulhauses gibt es reichlich. Von der alten Bausubstanz soll möglichst viel erhalten bleiben. Maik Müller findet: „Es wäre viel zu schade, die völlig intakten Gebäudeteile abzureißen, um dann etwas Neues zu bauen, geradezu Verschwendung.“ Einzig das Internatsgebäude auf dem Gelände soll abgerissen werden.
Über die Heiztechnik für den Schulbau, dessen Reiz in seiner Überdimensionalität liegt, wurde viel nachgedacht. Klares Ziel ist es, irgendwann autark zu sein. Auch eine Fassadenbegrünung ist geplant. Welche Ideen realisiert werden können, hängt nicht zuletzt von der finanziellen Unterstützung ab. Daher heißt es jeden Tag aufs Neue, mit ungewöhnlichen Lösungen an der Verwirklichung des Großprojektes zu werkeln. So wird die marode Heizungsanlage kurzerhand mit 65 ausgedienten Heizkörpern aus einer alten Bankfiliale erneuert.

„Wertetisch muss aufgeräumt werden“

Über das Bauprojekt, das Ausloten, was möglich und machbar wäre, finden auch die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner zueinander. In einer Wohngemeinschaft müssen die Werte und Ideale passen, damit das Lebensmodell zum Erfolg werden kann. In aller Regel führt der Weg zunächst über verbindende Ideale hin zum gemeinsamen Wohnen. Für Anna Gerlach ist es umgekehrt. Für sie gab es in Beeskow zunächst diesen spannenden Schulbau und den Enthusiasmus für das Projekt.
In so einer bunt gemischten und noch dazu generationsübergreifenden Wohngemeinschaft zu leben, bedeutet: „Man muss gut kommunizieren. Und das muss jeder noch lernen, das kann niemand richtig gut. Der Wertetisch muss noch aufgeräumt werden“, gesteht Anna Gerlach ehrlich ein. Dabei hilft den unterschiedlichen Sieben ihre Liebe zur Musik und Kunst. Auch das ist ja eine Art, miteinander zu kommunizieren, ist Sprache, lässt Menschen zueinander finden.
Dieses menschliche Zusammenwachsen der „Rakäte“ war öffentlich erstmals beim „Prima Marina Festival“ im Juli 2022 in Beeskow spürbar. Das Rockfestival, das ein jährlich wiederkehrendes Event der „Rakäte“ werden soll, bereicherten neben Anna Gerlach als DJ Frau Gerlach auch Thomas Kosslick als Gitarrist der sympathischen „Alex Mofa Gang“: „Wir tanzen durch das ganze Haus/ Bis in den nächsten Tag/ Wir machen richtig laut denn wir haben keine Nachbarn und keinen Mietvertrag/ Und wir tanzen auch im Dachgeschoss/ Doch niemand kann uns sagen/ Wie lang die Säulen dieses Hauses unsere Leichtigkeit noch tragen.“
Zumindest in dieser Hinsicht braucht sich die „Rakäte“ laut Bauzustandsanalyse keinerlei Sorgen zu machen.

Kursbuch Oder-Spree

Dieser Text ist dem aktuellen „Kursbuch Oder-Spree“ entnommen: Unter dem Titel „vom abreißen und aufbauen“ widmen sich seine insgesamt 16 Geschichten Themen wie Stadtumbau, regionale Baustoffe und alternative Wohnformen. Am 28. Januar 2023 eröffnet im Museum Oder-Spree auf der Burg Beeskow die das Buch begleitende Ausstellung „abreißen und aufbauen“. Weitere Informationen dazu gibt es online unter www.museumoderspree.de.
Landkreis Oder-Spree/Förderverein Burg Beeskow (Hrsg.): „vom abreißen und aufbauen – kursbuch oder-spree“, Verlag für Berlin-Brandenburg, 128 S., ca. 50 Schwarz-Weiß-Abbildungen, 10 Euro