Pax Terra Musica Festival in Friesack: Welche Gruppen hinter der Friedensbewegung stecken

Der Einstieg in die Friedensbewegung könnte beim Pax Terra Musica, einem Festival im brandenburgischen Friesack, passieren. Das Festival bietet eine Bühne für viele Gruppierungen.
Jakob KerryEine Demonstration in Berlin Ende Mai. Vor dem Brandenburger Tor ist eine riesige Bühne aufgebaut. Die Rednerliste und Unterstützer sind breit gefächert. Das Motto der Demo lautet „Frieden, Freiheit, Volksabstimmung“. Redebeiträge kommen unter anderem von AfD-Politikern oder dem Verleger des rechtsextremen „Compact“-Magazins.
Aber auch „Apolut“, ein Medium, das für Verschwörungserzählungen bekannt ist, unterstützt den Aufmarsch. Laut Bühnenbanner mischen auch die Rostocker Initiative „1 Million Stimmen für Frieden“ und die Initiative „aufstehen“ bei der Demonstration mit.
Auf den ersten Blick haben diese Organisationen und Vereine wenig politische Schnittmengen. Dennoch gehen sie an diesem Tag gemeinsam auf die Straße. Regelmäßig schaffen es Friedensdemonstrationen, Personen aus unterschiedlichen politischen Lagern auf die Straße zu bringen. Mit dem „Pax Terra Musica“ gibt es im brandenburgischen Friesack ein Friedensfestival, das diese Vernetzung über ein gesamtes Wochenende hinweg bewerkstelligt. Dort treffen Akteure zusammen, deren Unterschiede auf den ersten Blick deutlicher sind als ihre Gemeinsamkeiten.

Alexander Leistner forscht an der Uni Leipzig unter anderem zu den Themen Soziologie sozialer Bewegungen, Religionssoziologie, Professionsforschung, historisch-politische Bildung und Rechtsextremismus.
Swen Reichhold/Universität LeipzigAlexander Leistner ist Kultursoziologie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am geisteswissenschaftlichen Zentrum der Universität Leipzig. Er forscht seit vielen Jahren zur Friedensbewegung und aus welchen Akteuren sich diese zusammensetzt.
Herr Leistner, wie ist es möglich, dass eine Bewegung so unterschiedlich und fragmentiert ist und trotzdem regelmäßig gemeinsam auf die Straße geht?
Es ist gar nicht so ungewöhnlich, mehrere Faktoren machen es möglich. Der Oberbegriff lautet Frieden, in irgendeiner Form. Die Beteiligten würden sich selbst vermutlich als „neue Friedensbewegung“ bezeichnen. Diese ist im Jahr 2014 aus der Mahnwachen für den Frieden entstanden.
Nach dem Start des russischen Angriffskriegs im Jahr 2022 bekam diese dann noch einmal ordentlich Zulauf. In dieser selbsternannten Friedensbewegung finden sich Menschen aus ganz verschiedenen Strömungen. Ihnen allen ist jedoch gemein, dass sie einen inhaltsleeren Begriff von Frieden haben. Was das konkret bedeutet, bleibt ungeklärt. Das macht es der Bewegung leicht, sich hinter einem Slogan zu versammeln.
Welche Ziele verfolgt diese Bewegung mit ihrer Forderung nach Frieden?
Diese Frage wird nicht beantwortet. Wessen Frieden ist gemeint? Zu welchem Preis und mit welchen Mitteln? Das bleibt absichtlich abstrakt. Letztlich ist es auch eine populistische Verkürzung. Gleichzeitig wird einseitig über konkrete Konflikte und die Verantwortlichen gesprochen. Durch diese einseitigen Darstellungen ergibt sich eine Überschneidung mit dem verschwörungstheoretischen Spektrum.
Mahnwachen für den Frieden
- Die Mahnwachen für den Frieden entstanden 2014 in Deutschland als Reaktion auf die Ukraine-Krise und riefen zu Protesten gegen Krieg, Militarisierung und einseitige Medienberichterstattung auf.
- Sie wurden basisdemokratisch und vor allem über soziale Medien organisiert und fanden in vielen deutschen Städten statt.
- Die Bewegung war umstritten, da sich auch Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulisten beteiligten, weshalb sich viele klassische Friedensgruppen distanzierten.
Siedelt sich das Pax Terra Musica an dieser Schnittstelle an?
Das Festival steht in der Tradition der Mahnwachen für den Frieden, einer Bewegung, die sich nicht aus klassischen politischen Strukturen heraus formiert hat. Die Forschung hat gezeigt, dass diese Bewegung auffällig viele Personen anzieht, die vorher nicht politisch aktiv waren. Diese waren eher jung und männlich und haben sich hauptsächlich im Internet politisiert. Da gibt es ein gemeinsames Verständnis, wie man auf die Welt blickt. Man grenzt sich von den etablierten Medien oder Parteien ab.
Viele dieser Menschen verstehen sich selbst als politisch links. Wie kann es dennoch sein, dass sie gemeinsam mit rechtsextremen Organisationen und Parteien auf die Straße gehen?
Ein solches Selbstverständnis steht in der langen Tradition dieser Organisationen. Diese politischen Strömungen sind nur schwer im Spektrum links oder rechts zuzuordnen. Die Botschaft der Bewegung lautet: „Wir sind offen für alle.“ Der Tenor ist, dass man Medien und Staat vorwirft, die Bevölkerung zu spalten. Das ist auch der Grund, warum sich diverse Organisationen damals zurückgezogen haben und meinten: „Okay, das läuft in eine ganz komische Richtung.“
Ist davon auszugehen, dass diese Art von Friedensbewegung, wie sie auch auf dem Pax Terra Musica anzutreffen ist, grundsätzlich pro-russisch eingestellt ist?
Pauschalisieren kann man das natürlich nicht. Bei Szenenevents, die aus der neuen Friedensbewegung entstanden sind und eine entsprechende Historie haben, gibt es aber auf jeden Fall zumindest eine Ausrichtung in diese Richtung. Das Kernmilieu der Personen, die 2014 politisiert wurden, ist heute noch in vielen Gruppen aktiv. Was diese Montagsmahnwachen damals auszeichnete, ist, dass sie sich früh auf die Seite Russlands stellten.
Warum stellt das Jahr 2014 eine Zäsur für diese Gruppen dar?
Der Anlass war der erste Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2014. Sie sind der Annahme, dass ab da falsch und manipulativ von Seiten der Medien berichtet wurde. Und hier ist die bereits angesprochene Schnittmenge der unterschiedlichen Milieus. Die Wahrnehmung dieser Menschen auf die Medien hat sich verändert und man hat sich darauf festgelegt, dass sie prinzipiell manipulativ berichten. Durch Corona hat diese Auffassung dann noch massiv an Zulauf erhalten. Da wurde mit Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung mobilisiert. Und das ist anschlussfähig.
Ist das eine Bewegung, die künftig mehr Relevanz erhalten wird, und wenn ja, warum?
Zahlenmäßig ist es eine geringe Anzahl. Über die vergangenen zehn Jahre ist diese Gegenöffentlichkeit allerdings stetig gewachsen. Es haben sich verschwörungsideologische Medien entwickelt. Alle relevanten Akteure dieser Gegenöffentlichkeit werden immer populärer. Durch die Corona-Krise wurden sie schließlich zum Massenphänomen. Beispiele hierfür sind Ken Jebsen oder NuoViso TV, die es teilweise bereits seit 2017 und noch früher gibt.


