Yvonne Rubitzsch aus Leipzig ist aufgeregt. Es ist Freitagabend und das bedeutet Tanzen gehen in einer der Großraumdiscotheken, die in den 1990er-Jahren wie Pilze aus dem Boden sprießen. Schon die ganze Woche über hat sie sich überlegt, was sie anzieht, bevor sie sich ins Nachtleben der Leipziger Innenstadt stürzt.
„Jung Wild Grenzenlos – Wochenende in den 90ern“ heißt die vierteilige Doku-Serie, die ab 16. November in der ARD Mediathek zu sehen ist. Sie zeigt die musikalische Perspektive des Umbruchs aus Sicht damaliger Jugendlicher im Osten Deutschlands.

Nie dagewesene Freiräume nach der Wende

Die 1990er sind eine besondere Zeit, nicht nur musikalisch. Mit dem Fall der Mauer, der Änderung der politischen Verhältnisse, scheint für die Jugend von damals alles möglich. Für die 16- bis 26-Jährigen überwog die neu gewonnene Freiheit und stellte Existenzängste in den Hintergrund.
Es ist die Zeit des Grunge, der Loveparade, Techno und auch des Ostrocks. Zahlreiche Zeitzeugen kommen in der Doku zu Wort, wie Jana Lyons aus Genthin in Sachsen-Anhalt, die es jedes Wochenende in die großen Clubs nach Berlin zieht. Denise Walker aus Finsterwalde und ihr Freund Thomas Schöne aus Lauchhammer lernen sich auf Konzerten amerikanischer Bands wie Rage Against the Machine oder Soungarden kennen.

Grunge, Techno, Großraumdisco und Ostrock

Jeder 25-minütige Teil der Serie behandelt jeweils eine der Musikrichtungen, die in den 1990ern besonders populär wurden. Ob Grunge oder Großraumdisco, Techno oder Ostrock: In der Doku-Serie kommen auch viele ostdeutsche Stars zu Wort, die von ihrem Neubeginn nach der Wende berichten. Paul Landers, Gitarrist der Band Rammstein erinnert sich und auch DJ Paul van Dyk kommt zu Wort. Die Einblicke sind interessant und liefern Erkenntnisse, die selbst Fans der 1990er nicht auf dem Schirm haben dürften.

Hi8-Videokamera kommt zum Einsatz

Zwischen den Erzählungen der Zeitzeugen und bis dato unveröffentlichten Privataufnahmen kommt auch immer wieder eine Hi8-Videokamera zum Einsatz, um mit Darstellern den Rückblick in die 1990er so realitätsnah wie möglich abzubilden. Ein Erzähler sorgt an einigen Stellen für eine Einordnung. Die Doku erinnert teilweise an bekannte Formate wie „Die ultimative Chartshow“, wo ebenfalls der Fokus auf Musik liegt. Der große Unterschied ist hier jedoch, dass ausschließlich Ostdeutsche zu Wort kommen, sowohl die Jugendlichen von damals als auch Künstler, die den großen Durchbruch schafften. Dies dürfte nicht nur für Zuschauer und Zuschauerinnen mit DDR-Vergangenheit, die noch einmal in Erinnerungen schwelgen wollen, interessant sein.

„Der Jammer-Ossi bleibt bei uns draußen“

Regie führten Alexander Kühne und Kathrin Schwiering. Die Redaktion liegt beim MDR. Kühne und Schwiering war es wichtig, die 1990er-Jugendkultur im Osten zu beleuchten und die positive Energie, mit der viele junge Leute in das neue System starteten, einzufangen. „Der Jammer-Ossi bleibt bei uns draußen“, sagen sie.
Interessant ist „Jung Wild Grenzenlos – Wochenende in den 90ern“ allemal. Doch eine Doku, die einen fesselt und berührt zurücklässt, sieht anders aus. Für die Jugendlichen von damals mag das Mediathek-Angebot reizvoll sein; für alle anderen ist es eher ein nettes Hintergrundgeplänkel am Frühstückstisch oder bei einem gemütlichen Abend auf der Couch.