Theater in Berlin: Autor Rainald Goetz kehrt mit „Baracke“ auf die Bühne zurück

Deutschland, ein Glaskasten: Szene aus „Baracke“ von Rainald Goetz, Regie: Claudia Bossard. Das Stück wurde am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt.
Thomas AurinWenn Rainald Goetz ein Theaterstück schreibt, fällt das meist ähnlich wie seine Prosatexte aus: Wüst mäandernd und assoziativ polymorph, erzählt er keine durchgehenden Geschichten. Stattdessen legt er scharf formulierte Analysen, Momentaufnahmen, Querschnittsdiagramme durch die Gesellschaft und ihre Traditionen, Moden, Verdrängungen und Visionen vor. So auch in „Baracke“, seinem neuen Stück, das die Schweizer Regisseurin Claudia Bossard nun am Deutschen Theater (DT) in Berlin zur Uraufführung brachte.
Man könnte es als Studie über die alltägliche strukturelle Gewalt betrachten, die im Familienkreis beginnt und mit terroristischen Aktionen auf der politischen Ebene nicht enden muss. Als Ort und Zeit nennt Goetz „Deutschland. Im Herbst“, lässt Personen aus Ost und West auftreten, Eltern, Kinder, Partygäste.
Im Mittelpunkt steht Bea, die gerade von zu Hause ausgezogen ist und ihre Unabhängigkeit genießt. Sie verliebt sich in zwei Männer, wird von dem einen schwanger, kann den anderen nicht vergessen. Kaum der eigenen Familie entkommen, gründet sie selbst eine und weiß bald, da wird es keine wesentlichen Unterschiede geben: Die Männer schlagen zu, die Frauen halten durch, die Kinder wollen weg, manche werden zur Waffe greifen. All das wird im Text ästhetisch verschlüsselt und verlangt vom Publikum, mitzudenken und sich einen eigenen Reim auf die vielen, kurz angerissenen Szenen zu machen.
Am Theater in Berlin: Chronik der Gegenwart
Ähnlich baut Claudia Bossard ihre Inszenierung auf: Den langen Monologen weicht sie nicht aus, hat sie aber mit dem Ensemble so überzeugend einstudiert, dass die Intensität nie nachlässt. Die Verstimmungen zwischen den Figuren werden plastisch ausgeführt, die Konflikte als explosive Aggressionspotenziale verdeutlicht.
Das achtköpfige Ensemble um Mareike Beykirch als Bea, Jeremy Mockridge als Ramin und Janek Maudrich als Uwe folgt dem turbulenten Geschehen mit euphorischer Klarheit. Man hört ihnen gebannt zu, auch wenn nicht alles gleich zu durchschauen ist. Das liegt an dem eindringlichen Text, in dem sich Goetz wieder als Chronist der deutschen Gegenwart erweist, der genau zu schildern vermag, wie verzweifelt etwa Kommunikation aufgebaut wird — und scheitert.
Eine Villa in Dresdens Vorort Weißer Hirsch
Das Bühnenbild von Elisabeth Weiß umreißt mit wenigen Elemente schöne Spielorte — von der Studienbibliothek mit Rokoko–Tischchen über das „Museum des 21. Jahrhunderts“ bis zur neobürgerlichen Villa im Dresdener Viertel Weißer Hirsch. Ob für die Musik, vor allem Techno, aber auch Joseph Haydns „Kaiserquartett“, oder die Videos — die Inszenierung und die Ausstattung nehmen etliche der theatralischen Impulse auf, die Goetz in sein Stück einfließen lässt. Mit vereinten Kräften gelingt so ein Höllenritt durch die vergangenen drei Jahrzehnte, als die Berliner Mauer fiel und die Verwerfungen zwischen den beiden Deutschländern erst recht begannen.
Goetz geht auf all das ein und sieht den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) konsequent in diesem Zusammenhang, was er allerdings nicht explizit formuliert. Er umkreist lieber die Ereignisse und bringt ihre Schatten zum Sprechen. Und die leichtfüßige, aufgekratzt bildhafte Inszenierung von Claudia Bossard entwickelt aus den narrativen Fragmenten in ihrer formalen Divergenz einen großen, packenden Theaterabend. Der holt einerseits weit aus, bleibt andererseits eng am Stück, ganz der „Suche nach Wahrheit“ verpflichtet, wie es einmal bei Goetz heißt. Als er sich am Schluss verbeugte, strahlte er vor Glück.
Vorstellungen: 26.9./8.10., 19.30 Uhr, 1.10., 19 Uhr, sowie 13./19.10., 20 Uhr, Deutsches Theater, Schumannstr. 13 A, Berlin–Mitte, Kartentel. 030 28441225, www.deutschestheater.de

