Theater in Berlin: „Hauke Haiens Tod“ – funktioniert das Stück nach Text von Robert Habeck?

Das Deutsche Theater Berlin zeigt "Der Schimmelreiter / Hauke Haiens Tod" nach der Novelle von Theodor Storm und einem Roman von Andrea Paluch und Robert Habeck.
Armin SmailovicEs ist nicht ungewöhnlich, dass Politikerinnen und Politiker einen bürgerlichen Beruf ausübten, ehe sie sich eben der Politik zuwandten. Angela Merkel war Physikerin, Hans-Dietrich Genscher war Rechtsanwalt, und Robert Habeck studierte Philosophie und schrieb mit seiner Ehefrau Andrea Paluch Belletristik.
Der Roman „Hauke Haiens Tod“ erschien 2001 und fragt sich, was aus den Personen in der berühmten Novelle „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm geworden ist – 15 Jahre nach der großen Flut, die das kleine Dorf an der Nordsee nahezu vernichtete und etliche Menschenleben kostete. Beide Texte brachte nun Jan-Christoph Gockel in einer eigenen Bearbeitung auf die Bühne des Deutschen Theaters Berlin. Von ihnen sind allerdings nur Spurenelemente übrig geblieben.
Hilflos überfrachtet und peinlich wirr
Wenn man sich am Deutschen Theater jetzt wegen des Autorenpaares eine höhere Auslastung – im Haushalt klafft schließlich eine beträchtliche Schuldenlücke – erhofft, wird das kaum klappen. Ja, es geht noch irgendwie um einen neuen Damm, der unerwartet bricht, und um den ehrgeizigen Deichgrafen, der sich über Natur und Tradition mit fatalen Folgen erhebt. Aber die Produktion ist mit ihrer erzählerisch hilflosen Überfrachtung vor allem peinlich wirr, daran ändern das viele Live-Video und die dicken Nebelschwaden nichts.
Auf einem fahrbaren Podest gibt der Musiker Anton Berman dazu – ergänzt durch Synthi-Stress und Schlagzeug – schlimme vokale Geräusche von sich, die wohl an das Heulen des Sturms an der Nordseeküste erinnern sollen. Die Dorfkneipe wirkt wie eine üble Wildwest-Bar, in der die großartige Almut Zilcher als Wirtin qualmt und quengelt (Bühne: Julia Kurzweg).
Tiere pochen auf das „Recht auf Verwesung“
Ein paar präparierte Tiere erwachen zwischendrin zum Leben, fauchen, sprechen und bestätigen mit ihrem gerupften Zustand bestens das „Recht auf Verwesung“, von dem grundlos immer wieder die Rede ist. Alle diese Tiere seien „eines natürlichen Todes gestorben“, verlautbart derweil der Programmzettel.
„Keiner versteht dich“, ruft Wienke einmal ihrem bei der Flut ertrunkenen, dennoch munter herumspazierenden Vater zu, und das könnte sie auch zu diesem ganzen Mystery-Mumpitz sagen. Zwischen Überschwemmung und Deichbruch, Geisterbahnklimbim und Klimawandelgeraune, Politikersprech („Fahren auf Sicht“) und Heiner-Müller-O-Tönen („Nekrophilie ist Liebe zur Zukunft“) liefert der Regisseur Jan-Christoph Gockel eine seiner verspannt-verqueren Inszenierungen, die nach außen angestrengt komplex tun und nach innen schrecklich hohl sind.
Produktion setzt auf Darsteller des RambaZamba Theaters
Diesmal arbeitet er mit einigen Darstellern des Berliner RambaZamba Theaters zusammen, das 1990 gegründet wurde und zu einer der international renommiertesten Bühnen für inklusives Theater zählt. Wienke Haien, die Tochter des unglücklichen Deichgrafen, der technisch seiner Zeit voraus war, menschlich hingegen einige Defizite hatte, ist schon bei Storm kognitiv beeinträchtigt. Doch die Kombination von behinderten und nicht behinderten Schauspielern hier ist schwierig und nicht ausgewogen, letztlich auch nicht gerecht. Aber sie ist politisch korrekt.
Der gute Wille allein macht schlechte Aufführungen allerdings nicht besser.
„Der Schimmelreiter / Hauke Haiens Tod“ (Termine)
Weitere Aufführungen von „Der Schimmelreiter / Hauke Haiens Tod“ finden am 7.,13.,18. und 19. Mai 2024 im Deutschen Theater statt. Tickets sind unter 030-28441225 oder Online verfügbar.

