Theatertreffen in Berlin 2024: Warum „Nathan der Weise“ das Stück der Stunde ist

Die große Außenseiterin: Schauspielerin Valery Tscheplanowa als Nathan. Premiere feierte das Stück am 28. Juli 2023 auf der Perner-Insel bei den Salzburger Festspielen. Am 2. Mai 2024 eröffnet es das 61. Theatertreffen in Berlin.
picture alliance/dpa/APASie dreht und dreht und dreht sich, die Bühne im Haus der Berliner Festspiele, unaufhaltsam, manchmal gegenläufig. Auf dieser Bühne zu bestehen, das ist eine enorme Kraft- und Konzentrationsaufgabe: Unablässig marschieren die Schauspieler im Kreis, exakt im Gleichklang der Schritte, im Rhythmus der Bewegung.
Regisseur Ulrich Rasche, der mit seiner Inszenierung von Lessings Hauptwerk „Nathan der Weise“ das 61. Theatertreffen in Berlin eröffnet, hat wieder, wie man es von ihm gewohnt ist, ein extrem körperliches, choreografisches Bühnenstück geschaffen. Eines, das ohne Requisite auskommt, und ohne Kostümierung, allein mit Licht und Bühnennebel und einer schwarzen Einheitskluft, bevorzugt die Männer im Rock und die Frauen in Hosen.
Theatertreffen: Premiere vor Hamas-Angriff am 7. Oktober
Dass dieses Stück, als es im Juli 2023 bei den Salzburger Festspielen Premiere feiern sollte, bald auf schreckliche Weise neue Aktualität und Dringlichkeit erhalten sollte, war damals nicht absehbar. Nach dem 7. Oktober sah die Welt anders aus, und die fanatischen Ansagen: „Der Jude wird verbrannt“ und Nathans erschütternder Bericht vom Massaker an seiner Frau und seinen sieben Söhnen klingen furchtbar gegenwärtig.
Der Appell für Toleranz, gegenseitiges Verständnis und friedliches Zusammenleben statt Spaltung sei in diesem so wichtigen Stück der Aufklärung von erschreckender Aktualität, sagte Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) am Donnerstagabend in Berlin. „Leider befinden wir uns in Zeiten, in denen es darum geht, vieles von dem, was seit der Aufklärung mühevoll und mutig erkämpft wurde, zu verteidigen.“
Theatertreffen: Auch die Aufklärer hatten dunkle Flecken
Dass man das Drama, das Toleranz predigt und unterschwellig permanent von Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt handelt, nicht als Happy-End-Parabel lesen kann, macht Ulrich Rasche durch Texteinsprengsel von Johann Gottlieb Fichte bis Voltaire deutlich. Auch die Aufklärer hatten ihre dunklen Flecken des Antisemitismus.

Versuchte Nähe: Julia Windischbauer (Recha, l) und Valery Tscheplanowa (Nathan) während der Fotoprobe zum Schauspiel "Nathan der Weise", das derzeit beim Theatertreffen in Berlin aufgeführt wird.
picture alliance/dpa/APAUnd die Verachtung, in der in Lessings Stück vom „Judenmädchen“ und dem reichen Juden gesprochen wird, lässt die Botschaft von der Gleichheit der Religionen als frommen Wunsch erscheinen. Verbrüderung und Verschwisterung gibt es am Ende für alle Menschen christlichen oder muslimischen Glaubens, nur nicht für den Juden Nathan.
Theatertreffen in Berlin: Valery Tscheplanowa in der Hauptrolle
Ulrich Rasche unterstreicht dessen Fremdheit, indem er die Rolle der großartigen Schauspielerin Valery Tscheplanowa überlässt. Zierlich, zerbrechlich und messerscharf klar argumentierend, bleibt ihr Nathan der ewige Außenseiter, bewegt sich zwar streckenweise im Gleichschritt mit den Mitspielern, aber fällt doch immer wieder vor oder zurück und heraus aus dem Kreis.
Überhaupt ist das Spiel der Annäherung und Entfremdung, des Auf- und Abtritts, des gegen das Drehmoment Anmarschierens oder sich ihm Überlassens ein Wunder an Genauigkeit. Taktiert und punktuiert durch Niko von Werschs kühle Elektroklänge, in einem Bühnenraum, in dem sich von der Decke hängende Stelen zu Mauern aus Licht, aber auch zu bedrückend enger werdenden Gittern verschieben, wird hier ein monumental-minimalistisches Gegenwartsdrama skizziert.
Theatertreffen-Leiterin setzt auf Gegenwärtigkeit
Grob zusammengefasst gehen hier ein gutes Dutzend Menschen vier Stunden lang im Kreis. Doch wie unterschiedlich ein solches Gehen aussehen kann und was es aussagt über gruppendynamische Prozesse der Ausgrenzung, das ist das wahre Wunder dieses Abends.
Mit diesem programmatisch an den Beginn des Festivals gesetzten Stück betont die neue Theatertreffen-Leiterin Nora Hertlein-Hull die Kraft wie die Gegenwärtigkeit des Theaters – und begrüßt gleichzeitig höchst sympathisch eine Gruppe von Gymnasiasten aus Radebeul, die extra für dieses Stück angereist waren. Wenn sich die weiteren Inszenierungen des bis zum 20. Mai laufenden Festivals als ähnlich glückliche Juryentscheidungen erweisen, braucht einem um die Zukunft des Theaters nicht bange zu sein.
Noch einmal am 3.5., 19 Uhr. Programm und Termine unter berlinerfestspiele.de/theatertreffen


