Ton Steine Scherben: Band-Mitbegründer R.P.S. Lanrue mit 74 Jahren gestorben

Nannte sich selbst den „Hausmeister des Universums“: Gitarrist R.P.S. Lanrue (1950 - 2024). 1970 gründete er in West-Berlin gemeinsam mit Rio Reiser die Band Ton Steine Scherben.
Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpaIn den Top 100 deutschsprachiger Rocksongs, die eine kompetente Jury für den Potsdamer Sender Radioeins vor wenigen Jahren kürte, befanden sich allein neun Songs von Ton Steine Scherben. R.P.S. Lanrue, Gitarrist der Band, hatte etliche von ihnen komponiert. Darunter „Keine Macht für niemand“ und „Wir müssen hier raus“ - Songs, die für eine lang entfernte Epoche westdeutscher Jugendkultur stehen und trotzdem bis heute nachhallen. Außer in Ranglisten der wichtigsten deutschen Rocksongs auch auf Demos von Systemgegnern, die nostalgisch linkem Parolenrock frönen.
Ton Steine Scherben waren in den 1970ern berühmt für ihre rebellischen Lieder, die das System infrage stellten und auch noch geil klangen. Viele Menschen verbinden sie vor allem mit dem verstorbenen Sänger Rio Reiser. Andere wissen, dass Gitarrist Lanrue sein kongenialer Partner und Komponist vieler Songs war. Sie sehen in beiden das deutsche Pendant zu Jagger/Richards.
Tatsächlich waren ihre Songs denen der Stones nicht unähnlich, gerade in ihrer rauen, energetischen Aufgeladenheit und der Anti-Establishment-Attitüde. Während die Stones zwar rebellische Songs veröffentlichten, aber immer am Primat des Geldverdienens festhielten, war es bei den Scherben umgekehrt. Sie versackten auf dem Weg vom Legendenstatus zum kommerziellen Erfolg. Was ihren Mythos als fröhlich-aufrechte Antikapitalisten noch steigerte, aber die Scherben nicht glücklicher machte.
Linke Revolutionswächter maßten sich permanent an, das politisch korrekte Handeln der Band zu beurteilen. „Ständig musstest du dich erklären, warum du was machst“, sagte mir der schon von seiner Krebserkrankung geschwächte Lanrue vor einem Jahr im Gespräch. Dieses typisch Deutsche ging dem intelligenten, pragmatischen und zurückhaltenden Menschen Lanrue auf den Wecker. Er war ja auch Franzose.
Zwischen Fußball und Musik
Als Sohn eines Deutschen und einer Französin wurde Ralph Peter Steitz 1950 in Grenoble geboren. 1963 zog die Familie mit vier Kindern nach Hessen. Dort begann R.P.S. Lanrue, wie er sich später nannte (eine Verballhornung von „de la rue“: von der Straße), mit dem Musikmachen. Parallel spielte er Fußball im Verein und galt als großes Talent.
Für die Beatmusik entschied er sich, nachdem er den gleichaltrigen Ralph Möbius, späterer Künstlername Rio Reiser, kennengelernt hatte. Um dem Wehrdienst zu entfliehen, gingen beide 1967 nach Westberlin, wo sie in diversen Musiktheaterprojekten arbeiteten und 1970 Ton Steine Scherben gründeten.
„Wir müssen hier raus“ von 1973 auf YouTube:
Dass die Band bis heute vorzugsweise als Klassenkampfrocklegende gefeiert wird, ist Folge allgemeiner Klischeeverliebtheit. Dabei hat sie musikalisch ein unendlich breites Spektrum bedient, wie sich besonders auf dem Doppelalbum „IV“ (1981) zeigte. Dort hat nicht zuletzt Lanrue seine ganze Vielseitigkeit und Originalität als Komponist eingebracht.
„Die Songs klangen sehr komplex, zwischen Stones und Theatermusik und sogar bis zurück in die deutsche Romantik“, so Lutz Kerschowski, ein enger Freund und selbst Musiker. 1988 spielte der Ostler im Vorprogramm der legendären Ostberlin-Konzerte von Rio Reiser, bei denen Lanrue zum letzten Mal gemeinsam mit seinem Freund Rio auf der Bühne stand.
Während der seit 1985 als Solist unterwegs war, hatte sich Lanrue nicht konsequent mit Soloprojekten befasst. Lanrue ruhte in sich selbst und beschenkte seine Freunde mit Bonmots wie „Rio ist der König von Deutschland, ich bin der Hausmeister des Universums.“
Nach der Jahrtausendwende ging er für ein paar Jahre nach Portugal. Er sei nun Zitronenzüchter, sagte er. Was er eigentlich auch gern geworden wäre, war Profifußballer, wie er mir erzählte. „Ein Fußballer wird am Ende vor allem nach seinen Leistungen auf dem Platz beurteilt. Als Musiker spielen noch viel mehr andere Dinge eine Rolle.“ Trotzdem war er mit seinem Leben und seinen Leistungen als Musiker zufrieden.
„Wenn man bedenkt, von wie vielen Bands unsere Songs gecovert wurden, ist das echt eine Referenz.“ Nach seiner Rückkehr aus Portugal lebte er wieder in Berlin, wo er in den letzten Jahren mit dem Krebs kämpfte. Am letzten Sonntag starb er zu Hause im Kreis seiner Familie.

