Xavier Naidoo in Berlin 2026
: Umstrittenes Comeback – so war das Konzert in der Uber Arena

Xavier Naidoo ist zurück und spielt zwei Konzerte in Berlin. Vor der Uber Arena wird sein erster Auftritt von Protest begleitet – drinnen sieht es anders aus.
Von
Michael Heider
Berlin
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Nach sechs Jahren füllt Xavier Naidoo (hier bei einem Auftritt in Köln). In Berlin wird das erste von zwei Konzerten des Sängers von Protesten begleitet.

Nach sechs Jahren füllt Xavier Naidoo (hier bei einem Auftritt in Köln) wieder Arenen. In Berlin wird das erste von zwei Konzerten des Sängers von Protesten begleitet.

Rolf Vennenbernd/dpa
  • Xavier Naidoo gibt 2026 zwei umstrittene Comeback-Konzerte in Berlin, begleitet von Protesten.
  • In der Uber Arena feiern 17.000 Fans seine Songs, während draußen Antisemitismus-Kritik laut wird.
  • Naidoo performt 30 Songs, darunter Hits wie „Dieser Weg“ und Klassiker seiner frühen Karriere.
  • Umstrittene Vergangenheit: Vorwürfe zu Antisemitismus und Verschwörungstheorien bleiben Thema.
  • Trotz Kritik füllt er ausverkaufte Arenen – sein musikalisches Können bleibt unbestritten.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Am Anfang steht buntes Flimmern. Stimmungsvolle Störsignale auf den Videoscreens. Bass setzt ein, Percussion, verzerrte Gitarre. Es ist laut in der Uber Arena. Als Xavier Naidoo zwischen den Bandmitgliedern hervortritt, wird es noch lauter. Die Musik verstummt für einen Moment, der Applaus des Publikums hätte sie ohnehin übertönt. Dann beginnt der Sänger, dessen Augen eine Sonnenbrille verdeckt, die ersten Zeilen von „Bei meiner Seele“ zu singen.

Die rauchig-warme Stimme des 54-Jährigen wirkt wie ein akustischer Brandbeschleuniger für den frenetischen Jubel seiner Fans. Knapp 17.000 sind es an diesem Dienstagabend: „Berlin!“, ruft Naidoo ihnen entgegen. „Wir sind wieder da!“ Es fühle sich an, als sei es gestern gewesen, sagt er. „Als wär gar keine Zeit vergangen.“

Kraftvolle Stimme, lauter Jubel – doch es herrscht auch Stille

Nun, ein wenig Zeit ist schon vergangen. Zuletzt stand Xavier Naidoo 2019 an dieser Stelle. Auf der „Hin und Weg“-Tour präsentierte er damals ein Best Of aus 25 Jahren. Was folgte war ein Best Of aus kruden Verschwörungsideologien, Corona-Leugnung und antisemitischen Zerrbildern. In Mannheim, der Geburtsstadt Naidoos, sind noch zwei Verfahren gegen ihn anhängig, in denen es unter anderem um Vorwürfe wegen Volksverhetzung geht.

Doch so kraftvoll die Gesangsstimme, so laut der Jubel, geht es um eben seine Entgleisungen der vergangenen Jahre herrscht in der Uber Arena Stille. Dabei gefällt es nicht allen, dass Xavier Naidoo dort wieder auf großer Bühne steht. Vor der Arena hat sich ein knappes Dutzend Demonstrierender versammelt. „Wir protestieren hier gegen die Normalisierung von Antisemitismus“, erklärt einer von ihnen. Draußen Protest, drinnen Applaus, so lässt sich das Stimmungsbild vor Ort zusammenfassen.

Vor der Uber Abena gab es Protest gegen den Auftritt von Xavier Naidoo.

Vor der Uber Abena gab es Protest gegen den Auftritt von Xavier Naidoo.

Michael Heider

Und drinnen bietet Naidoo seinen Fans eine Setlist als bewusst kuratierten Gang durch seine Werkgeschichte. Es sind Songs aus den ersten Jahren seiner Solokarriere, die den Abend einleiten: „Seine Straßen“, „Bist du am Leben interessiert“, „20.000 Meilen“ – soulige Stücke zwischen Gospel, Pop und Hip-Hop. Mit ihnen manifestierte sich der Söhne Mannheims-Mitbegründer ab Ende der 90er als Solo-Performer mit einzigartigem Gesang.

Als Performer hat Naidoo nichts verlernt

Seine viel bewunderte Stimme versagt ihm auch im Jahr 2026 nicht den Dienst. In Berlin ist sie ideal abgemischt. Und Naidoo weiß sie noch immer einzusetzen. Als Performer hat er nichts verlernt. Nicht nur bei Hits wie „Sie sieht mich nicht“, „Bevor du gehst“ oder dem Söhne Mannheims-Klassiker „Und wenn ein Lied“ stößt der 54-Jährige auf begeisterte Reaktionen. Dabei verzichtet er auf allzu große Effekte und Schnörkel. Xavier Naidoo und seine Stimme – sie sind die Show.

Dem Altersdurchschnitt nach zu urteilen, dürften die meisten Fans an diesem Dienstagabend Naidoo schon seit seinen frühen Erfolgen begleiten. Auf wirklich junge Konzertbesucherinnen und -besucher stößt man kaum. Und nicht nur unmittelbar vor der Bühne säumen vor allem weibliche Anhängerinnen des Sängers die Reihen.

Was ihnen geboten wird, ist aus den Noten tropfender Pathos und vor Emotion strotzende Texte. Naidoo sprintet regelrecht durch die Setlist, leitet die Songs mit nur kurzen Kommentaren ein. Knapp 30 werden es am Ende sein. Lieder wie „Bitte hör nicht auf zu träumen“ oder „Der Fels“ wirken wie aus einer anderen Zeit. Einst ließen sie den Soulsänger als singenden Seismografen innerer Gemütszustände erscheinen. Heute fällt die doppelte Lesbarkeit selbst früher Titel auf.

Naidoo stellt die eigene Ambivalenz offen zur Schau

Was einst als spirituelle Sinnsuche gefeiert wurde, klingt heute nach schwierigem Sendungsbewusstsein. Hoch umstrittene Songs wie „Marionetten“, in denen Kritiker als antisemitischer Codes erkennen, singt Xavier Naidoo zwar nicht. Dennoch wirkt es, als suche die Comeback-Setlist keine Distanz zur eigenen Ambivalenz – sie stellt sie vielmehr offen zur Schau.

Auf der "Bei meiner Seele"-Tour (hier beim Auftakt in Köln) bilden Xavier Naidoo und seine Stimme -die Show

Auf der „Bei meiner Seele“-Tour (hier beim Auftakt in Köln) bilden Xavier Naidoo und seine Stimme die Show.

Rolf Vennenbernd/dpa

„Dieser Weg wird kein leichter sein“, den Refrain eines seiner größten Hits singt Naidoo selbstverständlich auch in Berlin. Der eigene Weg zurück auf die großen Bühnen der Bundesrepublik, die er einst als „kein echtes Land“ bezeichnete, wirkte für den Sänger jedoch nicht allzu beschwerlich. Drei Minuten Entschuldigungsvideo und der Hashtag „OneLove“ sollten offenbar ausreichen, um Jahre krasser verbaler Irrungen und Vorwürfe von Antisemitismus und sogar Holocaust-Leugnung wieder gutzumachen.

Erst Entschuldigungsvideo, dann ausverkaufte Arenen?

Dem deutschen Musikjournalismus bereitete Naidoo damit erhebliche Kopfschmerzen. Doch während in den Feuilletons noch über den ausreichenden Grad an Reue für einen derartiges Comeback debattiert wird, sind seine Fans offenkundig weiter. Mindestens legen sie eine höhere Ambiguitätstoleranz an den Tag – und bereiten dem Mann mit der einzigartigen Stimme ausverkaufte Arenen. So auch in Berlin.

Dort endet mit „Ich kenne nichts“ und „Halte durch“ der Abend nach knapp zwei Stunden. Musikalisch bleibt er makellos. Die Standing Ovation unterstreicht dies. Nachdem auch sie verklingt, muss man sich dennoch kneifen. War was?! Doch, da war was! Und dass dies am Ende einer derart umjubelten Inszenierung in Vergessenheit zu geraten droht, hinterlässt einen faden Beigeschmack.