Digitalgipfel in Berlin
: Was ist digitale Souveränität und wie betrifft sie uns im Alltag?

In Berlin wird zur „Digitalen Souveränität“ getagt. Was bedeutet der Begriff und wie betrifft das Thema den Alltag von Menschen und Unternehmen in Deutschland?
Von
Nicole Züge
Berlin
Jetzt in der App anhören
Gipfel zur Europäischen Digitalen Souveränität: 18.11.2025, Berlin: Karsten Wildberger (M, CDU), Bundesminister für Digitalisierung und Staatsmodernisierung, und Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für technische Souveränität, Sicherheit und Demokratie, nehmen an der Eröffnung des Gipfels zur Europäischen Digitalen Souveränität im Euref-Campus teil. Der Gipfel findet auf Einladung des deutschen und französischen Digitalministeriums statt. Foto: Kay Nietfeld/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der „Gipfel zur Europäischen Digitalen Souveränität“ findet in Berlin statt. Was bedeutet der Begriff im Alltag für Menschen und Unternehmen aus Deutschland und Europa? Im Bild: Karsten Wildberger (M, CDU), Bundesminister für Digitalisierung und Staatsmodernisierung, und Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für technische Souveränität, Sicherheit und Demokratie

Kay Nietfeld/dpa

In Berlin treffen sich am heutigen Dienstag (18.11.2025) rund 900 Gäste, darunter Digitalminister aller EU-Staaten, Kanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Ziel des Gipfels: Europa soll schneller digital unabhängiger werden. Der Begriff „digitale Souveränität“ ist darum in aller Munde. Was bedeutet das genau und wie betrifft es die Menschen in ihrem Alltag? Im Video - Livestream zum Digitalgipfel in Berlin:

Was bedeutet „digitale Souveränität“?

Digitale Souveränität bedeutet Kontrolle über zentrale digitale Ressourcen. Staaten, Unternehmen und Bürger bestimmen selbst über Daten, Software, Infrastruktur und KI. Sie entscheiden, wer Zugriff erhält und nach welchen Werten Systeme funktionieren. Souveränität heißt allerdings nicht „Abschottung“. Vielmehr soll die Fähigkeit geschaffen werden, unabhängig zu handeln, auch wenn Lieferländer oder große Tech-Konzerne Druck ausüben.

Wie gut sind Deutschland und Europa derzeit aufgestellt?

Europa hängt bei Cloud-Diensten, Rechenzentren und KI an US-Riesen wie Amazon, Google, Microsoft und Nvidia. Deutschland droht beispielsweise, bei Rechenzentren den Anschluss zu verlieren. Das wiederum wirkt sich direkt auf KI aus, denn ohne starke Rechenkapazitäten entstehen keine leistungsfähigen Modelle in Europa. Projekte wie die „Industrial AI Cloud“ von Telekom und Nvidia zeigen, wie Industrie und Tech-Branche gegensteuern.

Welche Themen stehe heute in Berlin auf der Agenda?

Die Agenda heute setzt darum vor allem bei den Grundlagen an: Um digitale Unabhängigkeit zu erlangen, braucht es mehr Cloud-Speicher in Europa, mehr Rechenzentren, eigene KI-Modelle, offene Software für Behörden und Projekte wie die europäische digitale Brieftasche.

Digitale Souveränität für Unternehmen: Das sind die Kernpunkte

Laut einer im Frühsommer veröffentlichten Studie des Branchenverbands Bitkom, nutzen neun von zehn deutschen Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern Cloud-Dienste. Entscheiden sich Unternehmen oder Organisationen dafür, Daten in der Cloud zu speichern, landen diese momentan in der Regel auf Servern von Amazon AWS, Microsoft Azure oder Google Cloud - obwohl es auch Anbieter aus Deutschland gibt, wie die Schwarz-Gruppe, die aktuell ein neues Rechenzentrum in Lübbenau (Spreewald) baut. Auch der deutsche Anbieter Ionos stellt Cloud-Dienste zur Verfügung.

89 Prozent der Betriebe sehen einer weiteren Bitkom-Umfrage zufolge bei sich selbst eine Abhängigkeit vom Ausland. Europa sei bei Künstlicher Intelligenz (KI), Mikroelektronik sowie bei Lösungen für Cybersicherheit und die digitale Infrastruktur technologisch abhängig, sagte Industriepräsident Peter Leibinger vor dem Gipfel. Ein zentrales Thema zu mehr Unabhängigkeit ist darum der Aufbau einer europäischen Cloud-Infrastruktur für sensible Behörden- und Unternehmensdaten.

Digitale Souveränität im Alltag

Digitale Souveränität betrifft aber nicht nur Unternehmen, sondern jeden Menschen. Sie entscheidet darüber, wo private Daten liegen, wer sie auswertet und welche KI-Systeme den Alltag steuern. Sie schützt Gesundheitsinformationen, persönliche Dokumente, Kommunikation und digitale Identitäten. Für Unabhängigkeit braucht es auch Transparenz, beispielsweise über Algorithmen, die etwa in sozialen Netzwerken Informationen sortieren, priorisieren und bewerten.

Wenn digitale Souveränität im Alltag fehlt, heißt das langfristig für jeden Menschen, die Kontrolle über eigene Daten zu verlieren oder kurzfristig sogar den Zugriff auf digitale Dienste. Zudem verlieren staatliche Institutionen die Hoheit über ihre kritische Infrastruktur, auch die Strom- und Gasversorgung, der öffentliche Transport, bargeldloses Zahlen, Geldabheben am Bankautomaten und viele andere Dinge können davon betroffen sein. Was dann folgen könnte, wäre der „Digitale Blackout“. Eine aktuelle ARTE-Dokumentation befasst sich mit diesem Thema und gibt einen Einblick, wie „digital abhängig“ Europa aktuell ist und was passieren könnte, wenn etwa wichtige Cloud-Dienste plötzlich ausfallen: