Rita Süssmuth: Die Frau, die den Bundestag veränderte und Deutschland neu dachte

17.01.2019, Berlin: Rita Süssmuth (CDU), ehemalige Bundestagspräsidentin und Frauenministerin, spricht bei der Feierstunde des Deutschen Bundestages zum 100. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechtes bei der Wahl zur Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919.
Bernd von Jutrczenka/dpaRita Süssmuth, geboren am 17. Februar 1937 in Wuppertal, war eine der prägendsten Politikerinnen der Bundesrepublik Deutschland. Sie begann ihren beruflichen Weg als Wissenschaftlerin und Lehrende, bevor sie überraschend in die Bundespolitik eintrat und dort sowohl als Ministerin als auch als Präsidentin des Deutschen Bundestages wirkte. Ihr Einsatz für Familienpolitik, Gleichstellung, Zuwanderung und eine offene Gesellschaft prägte politische Debatten über Jahrzehnte hinaus und machte sie zu einer respektierten Stimme auch über Parteigrenzen hinweg.
Rita Süssmuths Weg von der Wissenschaft in die Politik
Nach dem Abitur studierte Süssmuth Romanistik, Geschichte und Pädagogik in Münster, Paris und Tübingen. Später promovierte sie in Erziehungswissenschaften und arbeitete als Professorin und Leiterin des Instituts „Frau und Gesellschaft“ in Hannover, was ihr einen Ruf als versierte Gesellschaftswissenschaftlerin einbrachte.
1981 trat sie der CDU bei und wurde schnell eine profilierte Stimme innerhalb der Partei. Bereits zwei Jahre später, 1985, berief Bundeskanzler Helmut Kohl sie unerwartet zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, später umbenannt in das Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit.
Familien- und Sozialpolitik von Rita Süssmuth
In ihrem Ministeramt setzte Süssmuth frühe familienpolitische Akzente. Unter ihrer Führung erhielt das Ministerium weitergehende Zuständigkeiten für Mutterschutz und Gleichberechtigung, die zuvor auf mehrere Ressorts verteilt gewesen waren. Sie intensivierte Debatten über Vereinbarkeit von Familie und Beruf und förderte familienpolitische Unterstützungsleistungen.
Besonders hervorzuheben ist ihr Engagement in der AIDS-Aufklärung während einer Zeit, in der viele Politiker dem Thema auswichen. Süssmuth setzte sich dafür ein, Stigmatisierung zu bekämpfen und Aufklärung zu fördern, was ihr nicht nur Zustimmung, sondern auch Kritik einbrachte.
Süssmuth als Präsidentin des Deutschen Bundestages
1987 zog Süssmuth erstmals in den Deutschen Bundestag ein. Am 25. November 1988 wurde sie zur Präsidentin des Bundestages gewählt, ein Amt, das sie bis 1998 innehatte. Sie war die erste Präsidentin des gesamtdeutschen Bundestages nach der Wiedervereinigung und trug wesentlich zur Modernisierung parlamentarischer Abläufe bei.
Während ihrer Präsidentschaft führte der Bundestag mehrere strukturelle Reformen durch, darunter die Verkleinerung des Parlaments nach der Wiedervereinigung, die Einführung erweiterter öffentlicher Ausschusssitzungen und die Etablierung von Kernzeitdebatten, die mehr Transparenz und Beteiligung in den Gesetzgebungsprozess bringen sollten.
Süssmuth engagierte sich zudem in der Aufarbeitung und Darstellung der deutschen Einheit, indem sie als Repräsentantin des Bundestags in internationalen Gesprächen für Verständnis warb und den parlamentarischen Dialog zwischen Ost und West förderte.
Zuwanderung, Integration und Gesellschaftspolitik
Nach ihrem Ausscheiden als Bundestagspräsidentin blieb Süssmuth politisch aktiv und übernahm 2000 den Vorsitz der Unabhängigen Zuwanderungs- und Integrationskommission, die zu einem Wendepunkt in der deutschen Zuwanderungspolitik wurde. Die Kommission legte einen umfassenden Bericht vor, der wesentliche Aspekte der Integration und eines modernen Zuwanderungsrechts zusammenführte und später Einfluss auf die Zuwanderungsgesetzgebung hatte.
Für ihr Engagement in diesem Bereich erhielt Süssmuth 2015 den renommierten Reinhard-Mohn-Preis, mit dem ihr Beitrag zur Veränderung des öffentlichen Diskurses über Einwanderung und Integration gewürdigt wurde. Die Bertelsmann Stiftung hob hervor, dass sie als eine der ersten prominenten Unionspolitikerinnen forderte, Deutschland als Einwanderungsland anzuerkennen und Ausgrenzung zu vermeiden.
Rita Süssmuth und der internationale Wissenschaftsaustausch
Neben ihrer politischen Laufbahn engagierte sich Süssmuth auch im akademischen Austausch. Sie prägte insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei im Hochschulbereich. Als Präsidentin des Konsortiums der Türkisch-Deutschen Universität im DAAD-Verbund unterstützte sie maßgeblich deren Gründung und Entwicklung zu einer führenden binationalen Hochschule.
Süssmuths Vermächtnis und Würdigung
Am 1. Februar 2026 starb Rita Süssmuth im Alter von 88 Jahren. Politikerinnen und Politiker über Parteigrenzen hinweg würdigten sie als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegspolitik, die sich für Gleichberechtigung, eine offene Gesellschaft und parlamentarische Kultur eingesetzt habe.
Rita Süssmuths Lebenswerk verbindet akademische Tiefe mit politischer Reformkraft und zeigt, wie eine engagierte Persönlichkeit gesellschaftliche Debatten prägen und politische Prozesse nachhaltig verändern kann: von Familien- und Gesundheitspolitik über parlamentarische Reformen bis hin zu Zuwanderung und Integration.
