Angela Merkels Fußstapfen sind groß. Wir haben sie schon beschrieben und auch gewürdigt. In diese Fußstapfen tritt nun Olaf Scholz als neuer Bundeskanzler. Aber sollte er das wirklich?
In jemandes Fußstapfen zu treten heißt, diese Person nachzuahmen und, laut Duden, deren Vorbild zu folgen. Das, bitte, wollen wir nicht. Denn Merkels Fußstapfen beschreiben auch den ausgetretenen Weg, den die GroKo in den letzten Jahren nahm und der in dem Zustand endete, in dem sich unser Land heute befindet. Dieser ist in vielerlei Hinsicht nicht nachahmenswert. Er darf auf keinen Fall konserviert werden.
Dass Kanzler Scholz und seine Regierung die Notwendigkeit von Aufholen, Aufbruch und Modernisierung erkannt haben, darauf weist der Koalitionsvertrag hin, der bekanntlich den vielversprechenden Titel „Mehr Fortschritt wagen“ trägt. Darin hat die Ampel das einzige Thema, bei dem Fortschritt Rückkehr zum Besseren bedeutet, auf neun Kapitel verteilt, aber nicht als eigenen Punkt herausgestellt: Die Spaltung der Gesellschaft.

So wichtig wie der Klimawandel

Das Thema ist neben dem Klimawandel die größte Herausforderung für den neuen Bundeskanzler. Spaltung, die nicht nur mit Konfrontation, sondern mit Unversöhnlichkeit einhergeht, gibt es zwischen Jung und Alt, zwischen Ost und West. Sie herrscht zwischen Ungeimpften und Geimpften, in der Migrationspolitik und beim Ringen um den Weg zum Klimaschutz. Spaltung gibt es in Deutschland und mit Deutschland in Europa und der Welt. Deshalb betrifft Spaltung wenigstens die Ressorts Innen-, Außen-, Gesundheits-, Umwelt-, Familien-, Bildungs- und Finanzpolitik von Scholz’ neuer Regierung.
Wie herausfordernd und schwierig es sein wird, die Spaltung zu überwinden, wird dieser Tage wieder deutlich: Der Bayerische Rundfunk machte Chatprotokolle von amtierenden AfD-Landtags- und Bundestagsabgeordneten öffentlich, in denen diese seit 2017 Deutschland die Demokratie absprechen, Wahlen ein untaugliches Werkzeug unseres Staatssystems nennen und zu Revolution und Bürgerkrieg aufrufen. In derselben Zeit erhielt und erhält die AfD bei Wahlen im ganzen Bundesgebiet erhebliche Zustimmung, in Ostdeutschland und auch in Brandenburg sogar 25 Prozent und mehr. Die Partei wurde dort nicht mehrheitlich von Rassisten und Nazis gewählt, sondern aus Protest. Doch weil Demokratiefeindschaft nicht zum Protestieren taugt, spalten sich deshalb Nachbarn, Belegschaften, auch Freunde und Familien.

Eine Herkulesaufgabe für Kanzler Scholz

Das passiert auch im Umgang mit der Corona-Pandemie, mit Geflüchteten und bei den Verwerfungen zwischen Kohlekumpels und Klimaschützern. Scholz muss einen Weg aus der Spaltung finden, zurück zum Dialog, zur Kompromissbereitschaft; einen Weg von Mobbing und ungezügeltem Zorn im Schutze der Anonymität des Internets zu Menschenachtung und Respekt anderer Ansichten; vom Egoismus auf der Straße, im Beruf, beim Einkaufen zu Einsicht und Rücksicht aufeinander. Es ist eine Herkulesaufgabe. Wenn er sie löst, wird auch er als Kanzler große Fußstapfen hinterlassen.