Grüner Wasserstoff: Bundesministerin Karliczek im Interview: mehr für Bildung, Forschung und Innovation

ARCHIV - 03.12.2019, Berlin: Anja Karliczek (CDU), Bundesbildungsministerin, stellt vor der Bundespressekonferenz die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie der OECD vor. Die CDU-Politikerin hat ihre Partei trotz sinkenden Vertrauens in die Volksparteien zu mehr Optimismus und Selbstvertrauen aufgerufen. (zu dpa "Karliczek: CDU muss Zuversicht ausstrahlen") Foto: Wolfgang Kumm/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Wolfgang KummFrau Karliczek, werden unsere 20er Jahre auch goldene?
Deutschland ist Innovationsland. Und das soll es auch bleiben. Aber wir müssen unsere Anstrengungen für Bildung, Forschung und Innovation in den nächsten Jahren noch einmal verstärken. Unser Ziel ist ganz klar, bei den Zukunftstechnologien möglichst überall mit in der Weltspitze zu sein. Am Freitag werden wir zum Beispiel bekanntgeben, dass wir in der Quantentechnologie die Förderung weiter ausbauen werden. Wir wollen in Deutschland in den nächsten Jahren auch Quantencomputer entwickeln, die die Rechenleistung der heutigen Rechner um ein Vielfaches übertreffen könnten. Ein anderes ganz großes Thema ist für mich der Grüne Wasserstoff. Er kann entscheidend dazu beitragen, unser Klima zu retten.
Wieso hat Wasserstoff einen so hohen Stellenwert?
Grüner Wasserstoff, also Wasserstoff, der aus Sonne- und Windenergie erzeugt wird, ist für mich der Energieträger der Zukunft. Er speichert – vereinfacht gesagt – diese Energie. Der Wasserstoff kann dann überall verwandt werden, etwa als Autoantrieb oder zum Heizen. Und: Wasserstoff kann in der Industrie eingesetzt werden, um CO2-Emmissionen zu senken. Das Potenzial ist also riesig. Aber wir werden den Wasserstoff nicht allein in Deutschland produzieren können. Wir werden ihn sehr stark importieren müssen. Das ist nachhaltig und auch nötig, denn wir merken ja, dass die Akzeptanz von Windenergie in Deutschland inzwischen an Grenzen stößt.
Hoffnung für alle, die ihre Landschaft nicht verspargelt haben wollen?
Die Energiewende wird nur mit den Menschen gelingen. Natürlich müssen wir für die heimische Windenergie noch mehr werben. Aber wir werden den Großteil der Energie einführen müssen, wie bisher. Ich sehe große Chancen für neue Partnerschaften mit afrikanischen Ländern. Dort lässt sich Wasserstoff viel effizienter herstellen, denken Sie nur an die Sonnenintensität. Dafür erarbeitet das Forschungsministerium gerade einen Potenzialatlas für Afrika. Wir brauchen neue Partnerschaften und schauen deshalb nach günstigen Regionen, in denen auch die politischen Verhältnisse stabil sind. Das ist nicht banal.
Neben Wasserstoff und Quantentechnologie stehen Innovationen bei der Künstlichen Intelligenz bei der Bioökonomie an. Schafft Deutschland das?
Wir sind viel weiter, als viele ahnen. Wir bringen die KI voran und auch die Bioökonomie, die unter anderem für Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen steht. Es gibt bereits T-Shirts aus Holz und Turnschuhe aus bakteriell hergestellter Spinnenseide. Oder denken Sie an Autoreifen aus Löwenzahn. Noch ist das keine Massenware. Deswegen sieht man es noch nicht so. Wir fördern jetzt Strukturen, damit sich diese innovative Bioökonomie entwickeln kann. Und die CO2-Bepreisung ist unter anderem ein Hebel dafür. Wenn der CO2-Preis steigt, werden Produkte wettbewerbsfähig, deren Herstellung CO2 vermeidet.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will das Kabinett umbilden, um Innovationen stärker zu fördern. Meint er Sie?
Innovation ist für mich ein wichtiger Punkt und auch für ihn. Wenn er durch solche Aussagen das Thema in den Mittelpunkt des Interesses rückt, dann ist das doch sehr schön.
Söder war es auch, der zusammen mit Susanne Eisenmann den Nationalen Bildungsrat versenkt hat.Nehmen Sie ihm das übel?
Die Länder müssen jetzt beweisen, dass sie es alleine besser können. Das, was wir wollten, war jedoch etwas anderes als das Gremium, das jetzt bei der Kultusministerkonferenz eingerichtet werden soll. Der Nationale Bildungsrat, den wir wollten, sollte für die gesamte Bildungskette die Fragen von Qualitätsstandards, Vergleichbarkeit und Transparenz erörtern. Jetzt kann nur das Schulsystem angepackt werden. Da fehlt zum Beispiel der Übergang von der Kita zur Schule.
Die Länder fürchten, dass ihre Bildungshoheit angegriffen wird.
Ich bin eine große Freundin des föderalen Systems. Letztlich müssen wir in Deutschland insgesamt einen hohen Bildungsstandard erreichen. Die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie waren nicht befriedigend. Da kann ich doch nicht einfach zusehen. Dann müssen alle nach Lösungen suchen. Und die Länder, die gut aufgestellt sind, sollten nicht sagen, dass sie der Rest der Republik nichts angeht. Das werden auch die Menschen im ganzen Land nicht akzeptieren.
Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann findet, dass Rechtschreibung wegen der Digitalisierung an Stellenwert verliert.
Sprache und Rechtschreibung sind Teil unserer Kultur. Die Beherrschung der Muttersprache in Wort und Schrift ist elementare Voraussetzung für das Leben. Es ist wichtig, dass wir diesen Kulturgütern einen hohen Stellenwert einräumen. Recht hat der Ministerpräsident zwar insofern, als es Programme gibt, die die Rechtschreibung kontrollieren. Eine gute Schulbildung muss aber mehr leisten.
Ministerin auf Comeback-Kurs
Etwa ein Jahr nach Amtsantritt im März 2018 hatten viele professionelle Beobachter ihr Urteil über Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (48) bereits festgeschrieben. Doch seit einiger Zeit macht sie Boden gut, arbeitet sich hartnäckig in ihre Themen ein. Ob sie allerdings eine von CSU-Chef Markus Söder geforderte Kabinettsumbildung überstehen würde, ist jedoch fraglich.⇥gwb