Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) war erst die „Große Unbekannte“, dann sorgte sie mit einem Satz zum 5G-Ausbau für schlechte Presse. Und dann wurde auch noch der Digitalpakt Schule verschoben. Trotzdem bleibt sie „guten Mutes“, wie sie im Gespräch mit Mathias Puddig und Igor Steinle sagt.
Frau Karliczek, Sie haben die Digitalisierung zum Kernthema Ihrer Arbeit erklärt. Nun haben vor Kurzem mehr als 100 Leseforscher darauf hingewiesen, dass wir noch gar nicht genau wissen, was Digitalisierung für das Lesen bedeutet. Was folgt daraus für die Schulen?
Ich gehe da umgekehrt dran. Wir überlegen, wo der Mehrwert der Digitalisierung für die Pädagogik ist, und wie die Arbeit der Lehrer dadurch unterstützt werden kann. Es gibt noch keine Langzeitstudien darüber, was der Umgang mit der digitalen Technik im Bildungssektor bedeutet. Damit wird sich die Bildungsforschung noch lange beschäftigen.
Manche Eltern haben Angst, dass ihre Kinder zu Versuchskaninchen werden.
Ich finde es gut und gesund, kritisch zu sein. Selbstverständlich erforschen wir, wie was wirkt.
Sie haben in der vergangenen Woche in Sachsen-Anhalt eine Grundschule besucht ...
Genau, in Möckern wird die Idee des Digitalpaktes schon umgesetzt. Dort gibt es sehr motivierte Lehrer, die sich an die neue Art des Lehrens gewöhnen wollen, und die herausfinden, was funktioniert und wo Technik einen echten Mehrwert liefern kann. Natürlich ist das in der Grundschule eine besondere Herausforderung. Die Kinder müssen ja erst einmal Lesen und Schreiben lernen. Doch die Lehrer dort sagen mir: Sie selbst lernen jeden Tag mehr über den Praxiseinsatz. Die gesamte Lehrerschaft sieht das positiv. Da herrscht Aufbruchsstimmung. Wenn da zum Beispiel Tafelbilder am nächsten Tag wieder aufgerufen werden können, dann ist das schon ein Schritt nach vorn.
Was bringt das?
Der Mehrwert ist, dass man dank der Digitalisierung auf eine heterogene Schülerschaft, die es ja in fast allen Klassen gibt, besser eingehen kann. Die Lehrer können den Schülern viel individueller unterschiedliche Aufgaben zur Verfügung stellen und so besser das einzelne Kind im Blick haben.
Wie sehr wurmt es Sie da, dass der Digitalpakt nicht – wie lange angekündigt – zum Jahreswechsel starten konnte?
Ich hätte mich gefreut, wenn es geklappt hätte, aber ich bleibe guten Mutes. Alle Länderminister haben sich dazu bekannt, dass es jetzt schnell gehen muss. Vorher brauchen wir allerdings eine solide Verfassungsgrundlage. Und damit beschäftigt sich der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat. Die drei Schwerpunkte des Bundes sind klar: Wir wollen Unterstützung geben, damit die Infrastruktur flächendeckend ausgerollt wird. Wir wollen sicherstellen, dass 100 Prozent des Geldes in den Schulen ankommen. Und wir wollen, dass jede Ebene dazu beiträgt, dass der Digitalpakt ein Erfolg wird. Dafür reicht es nicht, einfach nur Smartboards aufzustellen.
Wie nehmen Sie die Stimmung vor den Bund-Länder-Verhandlungen wahr? Der Ton war zuletzt ja eher rau.
In Einzelgesprächen zeigt sich, dass gegenseitig großes Verständnis für die unterschiedlichen Sichtweisen besteht. Aber natürlich wirbt jeder erst einmal für seine Positionen. Alle wissen aber, dass sie jetzt einen Schritt aufeinander zu gehen müssen. Das ist meine klare Erwartung an den Vermittlungsausschuss.
Und wie lange dauert das noch?
Wann wir eine solide Verfassungsgrundlage für den Digitalpakt haben, hängt vom Verhandlungslauf im Vermittlungsausschuss ab. Idealerweise startet der Digitalpakt so schnell wie möglich. Der Druck, dass in diesem Jahr noch Geld fließt, ist groß.
Sie haben eine Menge Widerspruch erfahren, als Sie meinten, der neue Mobilfunkstandard 5G sei nicht an jeder Milchkanne notwendig. Wie erklären Sie sich den Wirbel um Ihren Satz?
Ich glaube, weil die Milchkanne ein so schönes Bild ist. Die Welt ist sehr komplex, und wir versuchen, die Dinge einfach zu erklären. Und dann ist manchmal einfach zu einfach.
Sie würden das Milchkannenbild nicht nochmal verwenden?
Ich würde mir wahrscheinlich ein zielgenaueres Bild suchen.
Ärzte haben zuletzt darauf hingewiesen, dass die Strahlung von 5G möglicherweise gesundheitsschädlich ist. Nehmen Sie solche Bedenken ernst?
Die Frage ist doch, welche offenen Fragen es gibt – das Thema ist bereits seit Jahren Gegenstand der Forschung. Wir sollten daher einzelne Studien nicht überbewerten und vorschnell Ängste schüren. Es ist Aufgabe der Forschung, neue Erkenntnisse zu generieren und in den wissenschaftlichen Gesamtkontext einzuordnen. Aufgabe der Politik ist es, mit diesen umzugehen.
Wie meinen Sie das?
Gelegentlich erklärt Forschung noch nicht ausreichend, wie sie zu ihren Ergebnissen kommt. Das treibt mich um. Politik und Gesellschaft sind auf wissenschaftliche Entscheidungsgrundlagen angewiesen. So funktioniert Politik gelegentlich: Studien belegen, dass es die Notwendigkeit gibt, etwas zu tun, und wir müssen dann handeln. Wenn aber unter Umständen das Vertrauen in die Wissenschaft nicht ausreichend ist, hat auch die Politik ein Problem. Deshalb arbeitet mein Ministerium daran, die Wissenschaftskommunikation so zu stärken, dass sie ein Vertrauensanker im demokratischen System ist.
Wie soll Wissenschaft besser vermittelt werden?
Wir wollen, dass Forscher ihre Ergebnisse offener und einfacher kommunizieren. Die Welt ist komplex, und die Wissenschaft hat zuletzt riesige Fortschritte gemacht. Dies in verständlichen Worten zu erklären, ist häufig gar nicht so einfach.
Sie legen großen Wert auf die Gleichwertigkeit von akademischen und handwerklichen Abschlüssen. Warum soll das ausgerechnet beim Geld nicht gelten? Die geplante Mindestvergütung für Auszubildende beginnt bei 504 Euro, also weit unter dem Bafög für Studierende.
Auszubilden ist eine freiwillige Sache. Die Wertschätzung der Auszubildenden ist uns wichtig - das zeigen wir ja mit der Ausbildungsvergütung. Auf der anderen Seite wollen wir aber die Arbeitgeber begeistern, Partner im Ausbildungssystem zu bleiben. Dafür müssen wir auch sie wertschätzen. Da ist ein Spagat zu leisten. Die Mindestausbildungsvergütung muss so gestaltet sein, dass weiterhin genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen Sie stellt auch nur eine absolute untere Haltelinie dar. 89 Prozent der Betriebe liegen mit ihren tariflichen Ausbildungsvergütungen ohnehin darüber.
Und deshalb spielt es keine Rolle mehr, dass manche von der Vergütung nicht leben können?
Wer wirklich davon leben muss, kann weitere Leistungen beziehen. Das Kindergeld zum Beispiel wird weitergezahlt oder Berufsausbildungsbeihilfe für Auszubildende, die nicht zuhause wohnen. Aber, wie gesagt, eine Ausbildungsvergütung zeigt vor allem die Wertschätzung für eine Arbeitsleistung, die jemand in einem Unternehmen erbringt.