Klimaschutz: Rohstoffe aus Hüttengasen
Trotzdem soll genau hier einer der Schlüssel für die CO2–neutrale Zukunft liegen. „Wir wollen bis 2050 klimaneutral wirtschaften“, verspricht Guido Kerkhoff, Vorstandsvorsitzender bei Thyssenkrupp. Er weiß, dass das ohne Forschung und Innovation nicht gehen wird.
Erfindergeist ist ein wichtiger Pfeiler der Klimapolitik – allein das Bundesforschungsministerium (BMBF) investiert bis 2025 rund 300 Millionen Euro. Dazu kommen Mittel von der EU und aus den Ländern. In Berlin haben die drei großen Universitäten und die Charité angekündigt, ein neues Forschungszentrum allein für Klimaneutralität zu gründen. Die denkbaren Anwendungsfälle sind vielfältig. So unterstützt das BMBF Untersuchungen, um die Landwirtschaft klimafreundlicher zu gestalten, und fördert die Erforschung synthetischer Kraftstoffe. „Schiffe und Schwerlaster oder eben auch ein Teil des Personenverkehrs werden auch zukünftig mit Verbrennungsmotoren betrieben werden müssen“, erklärt Ministerin Karliczek.
Nötig ist die Forschung allemal. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 „weitgehend klimaneutral“ zu wirtschaften. Schon die Klimaziele für 2030 werden aber nicht erreichbar sein, ohne dass die Schwerindustrie einen signifikanten Beitrag leistet. Wurden 2014 noch 890 Millionen Tonnen Kohlendioxid ausgestoßen, soll die Emission um 350 Millionen Tonnen reduziert werden. Allein das Duisburger Werk bläst aber jährlich etwa 20 Millionen Tonnen CO2 in die Luft – auch Thyssenkrupp will bis 2050 die Null erreichen.
Kommt also das abgasfreie Stahlwerk? Das ist schwer vorstellbar – und das bestreitet nicht einmal Thyssenkrupp–Chef Kerkhoff. Zwar versuche der Konzern, auch den Ausstoß von Klimagasen zu senken. Dafür wird derzeit in einem Hochofen schrittweise eine sogenannte Wasserstoffroute eingeführt, durch die bei der Stahlproduktion kein CO2 mehr entstehen soll.
Um die vollständige Dekarbonisierung der Industrie geht es dem Konzern aber eigentlich nicht mehr, erläutert Kerkhoff. Die Vermeidung von Emissionen bleibe zwar oberstes Ziel. „Gleichzeitig wird akzeptiert, dass es unvermeidbare Emissionen gibt und dass diese sich verwerten lassen.“ In Duisburg wird erforscht, wie klimaschädliche Gase aus dem Stahlwerk in nützliche Chemikalien umgewandelt werden können. 2018 ist es erstmals gelungen, aus Hüttengasen Methanol und Ammoniak zu gewinnen. Methanol lässt sich zu Kraftstoff weiterverarbeiten, Ammoniak zu Kunstdünger. Carbon2Chem heißt das Projekt. Spätestens 2030 soll das Verfahren im großen Stil verfügbar sein.
Die Bundesregierung unterstützt das Projekt zunächst mit 60 Millionen Euro. „Wir wollen nicht über den Verbots–, sondern über den Innovationsweg gehen“, erklärte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) bei einer Werksbegehung. „Forschung und Innovation sind Grundvoraussetzungen, wenn wir wirksam und glaubwürdig Klimapolitik betreiben wollen.“ Zugleich versteht sie Klimaschutz aber auch als soziale Frage und erinnert daran, dass allein in der Stahlindustrie 85 000 Menschen beschäftigt sind. „Wirtschaftswachstum und Klimaschutz sind keine Gegensätze“, glaubt Karliczek.
Sollte Carbon2Chem erfolgreich sein, wird sich dieser Effekt noch vervielfachen. Denn weltweit hat das Unternehmen mehr als 50 weitere Stahlwerke ausgemacht, die die Technologie eins zu eins übernehmen können. Dazu kommen andere Branchen wie die Müllverbrennung und die Kalkherstellung, die die Technologie ebenfalls einsetzen könnten. „Wir führen bereits Gespräche mit Interessenten aus verschiedenen Regionen und Industriezweigen“, sagt Kerkhoff. „Als weltweit tätiges Industrieunternehmen haben wir einen besonders großen Hebel, Treibhausgasemissionen nachhaltig zu senken.“
Nur: Ausreichen wird auch das nicht. Lange gehörte Thyssenkrupp zu den Konzernen, die für ihren ökologischen Fußabdruck und den Umgang damit in der Kritik standen. Das hat sich offenbar geändert. „Endlich fängt auch die Stahlindustrie an, sich beim Klimaschutz nicht länger auf falschen politischen Anreizen wie Gratis–Emissionsrechten oder niedrigen Industriestrompreisen auszuruhen“, sagt der Greenpeace–Energieexperte Niklas Schinerl. Doch um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, „ist Klimaneutralität bis 2050 zu spät“.
Die Forschung hat er damit auf seiner Seite. Erst in der vergangenen Woche wurde im Fachmagazin „Nature“ ein Artikel veröffentlicht, der die Dringlichkeit des Handelns erneut bestätigt. „Die CO2–Emissionen von der Industrie bis zum Verkehr auf Null zu bringen, erfordert sofortige Maßnahmen“, sagt Elmar Kriegler vom Potsdam–Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

