Landflucht
: Der Osten wehrt sich gegen Umsiedlungsideen

In Ostdeutschland leben weniger als 14 Millionen Menschen. So wenig wie 1905. Wissenschaftler wollen Dörfer aufgeben.
Von
André Bochow
Berlin
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Ein altes und völlig herunter gekommenes Fachwerkhaus ohne Dach in Brandenburg.

Patrick Pleul/dpa-Zentralbild

Spitzenpolitiker aus Ostdeutschland haben Ökonomen–Vorschläge zur Umsiedlung von Bewohnern kleiner Dörfer scharf zurückgewiesen. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) nannte die Vorschläge „dummen Kram aus der Mottenkiste.“ Auch die zugrunde gelegte Abwanderung aus dem ländlichen Raum hält  Woidke für eine veraltete These. „Unsere Kleinstädte und Dörfer werden stärker. Viele zieht es aufs Land. Nicht weg vom Land. Das ist der Trend.“

Dagegen bekräftigten Ökonomen des Leibnitz–Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle und des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) in München in der „Welt am Sonntag“ ihre Ansichten über die Bevölkerungsentwicklung vor allem in Ostdeutschland. IWH–Präsident Reint Gropp meint, wenn man die Lebensbedingungen verbessern wolle, dann in den Städten, „also dort, wo viele Menschen leben“. Joachim Ragnitz, von der Dresdener IfO–Niederlassung fordert, Bewohnern von Orten, die aus ökonomischen Gründen aufgegeben werden müssten, Angebote zur Umsiedlung zu machen.

Davon hält der Vorsitzende der Brandenburger CDU, Ingo Senftleben nichts. „Wir müssen die Dramatik aus der Debatte nehmen“, sagte der CDU–Politiker. „Schon deshalb, weil sich alle Menschen im ländlichen Raum angesprochen fühlen und das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates verlieren könnten.“ Nach seinen Beobachtungen fehle es in Brandenburg vielen Gemeinden an Bauland weil die Nachfrage steige.

„Dass das Leibniz–Institut eine reine volkswirtschaftliche Analyse Ostdeutschlands vorgenommen hat, greift viel zu kurz“, findet Frank Junge,  Chef der SPD–Landesgruppe Ost im Bundestag.  "Und dass sogar der Verfassungsauftrag zur Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Frage gestellt wird, macht sprachlos.“ Ähnlich sieht es Dietmar Bartsch, Chef der linken Bundestagsfraktion.  Er fordert „verstärkte Investitionen in die digitale Infrastruktur, in das Schienennetz und den öffentlichen Nahverkehr“.