Schön, dass Sie da sind", steht auf dem Schild am Ortseingang. Gleich unter: "Willkommen in Heinersbrück". Dahinter thront ein roter Stern auf einer Steinkonstruktion mit der Aufschrift: "Hier ruhen 34 Soldaten der Sowjetarmee." Direkt gegenüber vergilbt an einer Mauer schriftlicher Protest gegen ausufernden Braunkohle-Tagebau. Kirche, Hofladen, zwei Gaststätten, Sportverein, Schulsporthalle – das alles gehört zu Heinersbrück, Amt Peitz – nicht weit entfernt von Cottbus. Die Schule wurde vor 14 Jahren geschlossen, aber es gibt eine Kita. Heinersbrück hat 602 Einwohner und 496 Wahlbürger, von denen 298 am Sonntag zur Wahl gingen. Fast genau die Hälfte hat AfD gewählt.
Vor dem "Dhammanikhom Vipassana-Meditationszentrum" schneidet ein älterer Herr die Hecke. Nein, bei den Buddhisten werde man wohl kein Glück haben, die wollen ihre Ruhe. Und ja, der Bürgermeister wohne gleich zwei Häuser weiter. "Aber Sie, wenn Sie von der Presse sind, dann machen Sie mal einen richtige Bericht über die Müllverbrennung hier. Der Gaumen brennt, der Mund trocknet aus. Es ist die Hölle." Der da hinten sei übrigens der Herr Nattke.
"Jammern auf hohem Niveau"
Horst Nattke, 67 Jahre alt, ist seit vier Wochen ehrenamtlicher Bürgermeister von Heinersbrück. "Es wollte kein anderer machen", sagt er. "Aber es muss doch etwas passieren im Ort." Heinersbrück gehört zum Wahlkreis von SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke. Er hat ihn auch gewonnen. Aber in Heinersbrück lag bei den Erststimmen AfD-Kandidat Steffen Kubitzki deutlich vorn. "Der Herr Woidke hätte ja auch mal hier vorbeikommen können", sagt Nattke. "Nicht ein einziges Mal war er da."
Pünktlich zur Landtagswahl wurde der Tagebau Jänschwalde stillgelegt. Das Umweltverträglichkeitsgutachten war vom Verwaltungsgericht Cottbus regelrecht in den Staub getreten worden. Geklagt hatten Umweltorganisationen. Nicht wenige in der Region machen die Grünen verantwortlich. "Mit denen ist ja kein Tagebau mehr möglich", sagt Horst Nattke. Der Rentner hat früher im Kraftwerk Jänschwalde gearbeitet, dessen dicke Türme die Sichtachsen der Gegend beherrschen. Hier wird die Kohle verbrannt. Und Müll. Eine neue Müllverbrennungsanlage ist geplant. Die Begeisterung hält sich bei den Heinersbrückern in Grenzen. Zumal die Gemeinde finanziell nichts von der Anlage hat. "Das Einzige, was wir abbekommen, ist Geruchsbelästigung bei Westwind", orakelt der Bürgermeister.
So ist das also, in einer abgehängten Region. "Wir sind nicht abgehängt", grummelt Nattke. "Den meisten hier geht es gut. Wir jammern schon auf hohem Niveau", gibt er zu. Dazu passt der Wunsch an die Landesregierung. "Ganz oben steht bei uns auf der Liste ein Radweg nach Peitz. Das Land hat das immer wieder abgelehnt." Soll nun die AfD helfen? "Man kann denen doch mal eine Chance geben." Ob er die AfD gewählt hat, will der Bürgermeister nicht sagen. "Auf alle Fälle ist die AfD die einzige Partei, die für die Kohleförderung eintritt."
Und welche Rolle hat das Thema Flüchtlinge bei der Wahl gespielt? "Wir haben keine Flüchtlinge hier. Wir haben dafür gar nicht die Infrastruktur. Die wollen ja alle tolle Freizeitangebote." Und: Man lebe hier "nicht unter einer Käseglocke". Die Leute informieren sich. "Also dieser ganze Integrationsprozess wird von einigen schon sehr kritisch betrachtet. Mal ganz vorsichtig ausgedrückt." Nattke spricht über die unkontrollierte Grenze im Jahr 2015. Mal ein Beispiel: "Da beantragen Syrer Geld dafür, dass sie nach Hause in den Urlaub fahren können." Hat er gehört. "Vielleicht stimmt ja auch nicht alles. Aber so etwas hat natürlich bei der Wahl eine Rolle gespielt." Und dann ist da noch die nahe polnische Grenze. "Einerseits gut wegen des Tankens." Andererseits werde viel in den Agrarbetrieben geklaut.
"Das sind doch alles keine Gründe, AfD zu wählen", sagt die 36-jährige Kleinunternehmerin aus Drachhausen, die ihren Namen nicht nennen will. Schön sei es in Drachhausen. Die Feste, die Trachten, der Zusammenhalt. Klar, die Sache mit dem Tagebau in Jänschwalde habe mächtig ins Kontor geschlagen. Ihre Nachbarin ruft: "Mein Mann sitzt jetzt zu Hause. Wie alle Raupenfahrer. Die müssen erst einmal Überstunden abbummeln." Und was wäre, wenn Jänschwalde nicht wieder aufmacht? "Dann wird der nächste Tagebau überprüft. Da können Sie sicher sein." Und dann gehen Firmen Pleite. "Für mich würde es dann auch schwer", sagt die Unternehmerin. "Und die paar jungen Leute, die es noch gibt, ziehen sicher weg."
Auch in Drachhausen wird über Migranten diskutiert. "Darüber, dass die viel zu viel bekommen. Obwohl die Deutschen, die nicht arbeiten gehen, sich auch nicht beschweren können." Irgendwie sei es bei der Wahl gegen die Landesregierung und gegen die Groko in Berlin gegangen. Die Unternehmerin selbst ist zufrieden. Wenn nur die Steuern nicht wären. Das Wahlergebnis für die AfD liegt in Drachhausen eher im Lausitzer Durchschnitt bei 41,5 Prozent.
"Da bricht eine Wunde auf"
In Jänschwalde waren es 43,2 Prozent. 1500 Einwohner wohnen in den verschiedenen Ortsteilen. Bürgermeister Helmut Badtke fürchtet um den Ruf der Region. Möglicherweise würden Investoren abgeschreckt. "Das kann man leider nicht ausschließen", sagt der 70-Jährige, dessen ursprüngliche Heimat Essen ist. "Aber wir leben in einer Demokratie. Und wenn ich so an die Grünen denke, also am Ende war ein Joschka Fischer etablierter Politiker. Vielleicht wird das auch mit den neuen Parteien mal so."
Auch Badtke glaubt an eine Protestwahl. "Es wurde zu wenig für den ländlichen Raum getan. Ich sage nur: Internet! Das ist ein Handicap für Investoren." Und wenn jetzt die Braunkohleförderung ende, fühlten sich viele an Stilllegungen nach dem Ende der DDR erinnert. "Da bricht eine Wunde auf."
Niko Gebel (CDU), Badtkes Kollege in Ortrand, ist angesichts der Wahlergebnisse eher ratlos. Auch hier im äußersten Süden des Oberspreewald-Lausitz-Kreises an der Landesgrenze zu Sachsen hat die AfD die meisten Zweitstimmen ­gewonnen. Fast 40 Prozent stehen in dem Wahlkreis von CDU-Spitzenkandidat Ingo Senftleben zu Buche. "Ich muss ­sagen, so richtig erklären kann ich mir das nicht", sagt Gebel. Die viel diskutierte, aber noch immer nicht eingeführte Grundrente sei vielleicht ein Grund. Und es könne nicht sein, dass jemand mit ­500 Euro auskommen müsse. Aber sonst? Fast ein Drittel der Ortrander sind in den Nachwendejahren abgewandert. Nun sind es noch 2200 Einwohner. Aber die Geburtenzahlen steigen wieder. Im Stadtbild gibt es kaum noch unsanierte Häuser oder Industrieruinen. "Wir haben Vollbeschäftigung", sagt Niko Gebel stolz. Die Arbeitslosenquote liegt bei unter drei Prozent. Etwa 70 Ausländer ­findet man im gesamten Amt Ortrand. "Und die haben wir gern", betont der 34-Jährige.
Nadine (26) und Kevin Muschinski (25), die mit der neun Monate jungen Mariella über den Marktplatz schlendern, sind "Rückkehrer", die sich in Ortrand wohlfühlen. "Das hat aber nichts mit der Politik zu tun", sagt Kevin Muschinski – bekannt auch als erfolgreiches Andreas-Gabalier-Double. Bis vor kurzem haben die beiden noch in Dresden gewohnt. "Nachdem die Kleine geboren wurde, haben wir gesagt, wir ziehen wieder in die Heimat." Für wen sie bei der Landtagswahl gestimmt haben, wollen sie nicht sagen, auch nicht, ob sie das Ergebnis gut oder schlecht finden. Das starke Ergebnis der AfD sei zu erwarten gewesen. "Das hat mit Sicherheit einen Grund", sagt Kevin Muschinski.
"Ich denke, das war ein Denkzettel", meint ein älterer Mann, der mit seiner Frau durchs Zentrum von Ortrand schlendert. Ihm seien die Gesinnung und die Parolen der AfD "zu weit rechts". Wenn sie die Interessen der Bürger vertritt, sei das in Ordnung, sagt seine Frau. "Jetzt müssen sie ein ordentliches Programm vorlegen."
Rudolf Blumrich nimmt das nicht so leicht. "Natürlich ist es ein Unding, dass es immer noch so große Unterschiede zwischen Ost und West gibt. Gerade bei den Löhnen. Aber glaubt wirklich jemand, dass die AfD daran etwas ändert?" Der Ex-Major der NVA ist Jahrgang 1935. Aktiver Tischtennisspieler war er und engagiert sich immer noch bei der SG Jänschwalde. "Wir mussten aber den Punktspielbetrieb einstellen. Kein Nachwuchs", sagt der 85-Jährige.
Er leitet die Ortsgruppe der "Volkssolidarität". Auch in der hat mancher Sympathien für die AfD und Vorbehalte gegen Migranten. Was Blumrich sagt dazu: "Ich war selbst Flüchtling. Aus dem Sudentenland. Ich kann nicht verstehen, was da jetzt für ein Hass geschürt wird. Begreifen die Leute nicht, wohin das ­alles führen kann?"

Wo die AfD in Brandenburg punktete